Masturbation ist so alt wie die Menschheit selbst – wahrscheinlich. So genau weiß die Wissenschaft nämlich gar nicht, wann der Mensch damit begonnen hat, sich selbst zu befriedigen.

Was wir aber heute über das Onanieren wissen: Es macht großen Spaß, ist richtig gesund und baut auch noch inneren Stress ab. Wir zeigen dir, wie die Menschheit ihre Einstellung zum Thema Solo-Sex immer wieder verändert hat und woran das liegt.

In unserem Podcast „Wein & Weiber“ gehen wir die Geschichte der Masturbation ebenfalls durch.

Solo-Sex in der Steinzeit: Keine Spur, aber trotzdem da

Leider gibt es eine ganze Weile in unserer Geschichte keine Aufzeichnungen über Solo-Sex und Masturbation des Menschen. Das liegt daran, dass Solo-Sex sich eben dadurch auszeichnet, allein praktiziert zu werden. Es gibt keine Spuren, die man bis in die heutige Zeit mit hineintragen könnte. Wir haben schon sehr viel Glück, dass wir ein paar Informationen über Sex in der Steinzeit durch Wissenschaftler:innen unserer heutigen Zeit herausfinden konnten.

altes griechenland sex in der Antike
In der Antike war Sex mit Tieren fast schon normal. Foto: imago images/KHARBINE-TAPABOR /

Solo-Sex in der Antike: Alles ist erlaubt!

Auch aus den Aufzeichnungen über Sex in der Antike und Sex bei den alten Römern kann nicht viel über die Art und Weise der Masturbation und des Solo-Sex herausgefunden werden. Wir wissen allerdings, dass gerade in dieser Zeit der Sex ein sehr wichtiger Teil des gesellschaftlichen Zusammenlebens war. So wissen wir beispielsweise heute, dass homosexueller Sex, genauso wie Gruppensex in dieser Zeit ganz normal war und sogar gefeiert wurde. Wahrscheinlich war auch Solo-Sex für die Römer kein Tabu-Thema.

Solo-Sex in der Bibel: Der Weg ins Unglück

Eine explizite Erwähnung findet der Solo-Sex in der Geschichte der Menschheit das erste Mal in der Bibel, nämlich im alten Testament, im 38ten Kapitel der Genesis-Erzählung.

In der Geschichte geht es um Onan. Onan heißt aus dem Hebräischen übersetzt (Zeugungs-)Kraft (Danke, Wikipedia!). Als Onans Bruder starb, sollte dieser die zurückgebliebene Witwe heiraten. Das sah Onan aber gar nicht ein, auch wenn das damals ein Brauch war. Er erfand kurzerhand den Coitus Interruputs – er hatte also Sex mit der Frau seines Bruder, zog seinen Penis aber kurz vorm Kommen heraus, um sie nicht zu schwängern. Über die Zeit wurde diese „noble“ Aktion mit Masturbation gleichgesetzt.

Onan ließ seinen Samen aber auf die Erde fallen.0 Da gefiel dem Herrn übel, was er tat, und er tötete ihn auch.

Bibel, Genesis, Kapitel 38

Onan wurde dann von Gott mit dem Tode bestraft, weil er Blutslinie seines Bruders nicht weiterführen wollte. Tja.

Lange Zeit wurde der Solo-Sex nicht weiter groß in den Geschichtsbüchern besprochen. Obwohl immer wieder sexueller Verkehr zwischen zwei oder mehr Menschen angesprochen wurde, ist die Masturbation doch eher außenvor. Bis zum Jahr 1721 ist Masturbation eine Randerscheinung in der Gesellschaft.

Solo-Sex im 18ten Jahrhundert: Masturbation als Krankheit

Danach mischt sich aber ein heute unbekannter Arzt in die Sache ein und prägt damit die Gesellschaft des 18ten Jahrhunderts und noch bis heute. Dieser Arzt erfand eine Krankheit, die er Onanismus nannte. Diese Krankheit war nichts anderes als die Angewohnheit, sich regelmäßig selbst zu befriedigen.

Onanismus – eine erfundene Krankheit prägte die Menschheit

Der Arzt versprach, dass der Onanismus zu Krankheiten wie Lepra, Krebs, Pocken, Rückenmarkschwund, Tuberkulose, Epilepsie, Wahnsinn und sogar zum Tod führe. Was zuvor also komplett normal war, wurde durch diese erfundene Krankheit zu etwas Schrecklichem und Angsteinflößendem gemacht.

Der Name der Krankheit, der Onanismus, wurde natürlich nach dem biblisch erstgenannten Masturbierer Onan gewählt. Tatsächlich führte diese erfundene Krankheit in Zusammenarbeit mit der Kirche dazu, dass Mitte des 18ten Jahrhunderts Masturbation überall in Europa verboten wurde.

Immanuel Kant und Sigmund Freud waren sich sicher, dass Solo-Sex sterbenskrank macht. Credit: IMAGO / H. Tschanz-Hofmann Everett Collection

Kant & Freud: Hass & Angst vor Solo-Sex

Hasser:innen des Solo-Sex rotteten sich zusammen und schwelgten in Tiraden über das Masturbieren und steigerten sich gegenseitig hoch. Der Philosoph Immanuel Kant (17024 – 1804) war einer dieser Menschen, die den Solo-Sex verteufelten. Kant war sich sicher, dass Masturbation eigentlich genauso schlimm ist wie Selbstmord und Verstümmelung. Er sprach in Texten davon, dass es ein Akt wieder die Natur sei.

Auch der in die Traum- und Psychoforschung eingegangene Sigmund Freud hatte ein ziemliches Problem mit dem Solo-Sex. Er zählte zu den Folgen des Onanismus Angststörungen, Süchte, infantile Sexualität, hysterisches Erbrechen, Narzissmus, und das systematische Unterdrücken von Erinnerungen. Wow.

Die Wissenschaft beschäftige sich in den 50er Jahren endlich ausführlich mit Sex. Credit: Gettyimages/Peter Dazeley

Solo-Sex im 20ten Jahrhundert: Erotisches Wissenschaften

Nach der Ära Kants und Freuds wurde der Solo Sex im 20ten Jahrhundert weniger verteufelt. Stattdessen begannen Wissenschaftler:innen damit, das Sexualverhalten der Menschen endlich mal wissenschaftlich zu untersuchen. Im Jahr 1948 wurde der bis heute weltberühmte Kinsey-Report veröffentlicht. In diesem setzte sich der Uniprofessor und Zoologe Alfred Kinsey damit auseinander, welche sexuellen Praktiken die Menschen der 50er Jahre ohnehin bereits praktizierten.

Der Kinsey Report

In seinem Report „Sexualverhalten des menschlichen Männchens“ veröffentlichte er also durch anonyme Befragungen, worauf die Menschen stehen. Dabei kam heraus, was die Bürger hinter verschlossenen Türen alles taten, was eigentlich tabu war: Dazu gehörten Dinge wie das Masturbieren, Analspielchen oder auch Lovetoys.

Masters of Sex

Weitere Aufklärung leisteten das Wissenschaftlerpaar William Masters (1915–2001) und Virginia Johnson (1925–2013), die bis heute die Sexwissenschaft prägen. Das Duo lud Proband:innen in ihre Labore ein und ließen sie dort miteinander Sex haben.

Solo Sex wurde dabei auch untersucht: Beim Masturbieren führten sich die Frauen einen Dildo aus Plexiglas in die Vagina ein, der mit einer Kamera ausgestattet war. Diesen Dildo hatten sie selbst gebaut. So konnten die Forschenden herausfinden, was im inneren der Vagina passiert, während man masturbiert. Um der Probandin das Experiment mit dem kühlen Arbeitsgerät zu erleichtern.

Übrigens: Zu Masters und Johnson gibt es eine erfolgreiche Amazon-Prime-Serie.

Viele der Informationen aus diesem Artikel stammen aus dem Buch Solitary Sex: A Cultural History of Masturbation von Thomas W. Laqueur. In diesem Buch werden 2.000 Jahre des Denkens und Schreibens über Sexualität analysiert.

Heute: Masturbation ist King!

Langsam, ganz langsam, mausert sich die Menschheit aus einer sehr prüden Gesellschaft, die durch die Kirche und Möchtegernärzte geprägt wurde, zu immer mehr Offenheit.

Heute gibt es Podcasts, Pornoseiten für Frauen und für Männer, ausgeklügelte Lovetoys und natürlich einige Ratgeber, um sich selbst besser zu befriedigen.

Hast du beispielsweise schon einmal Mindful Masturbation ausprobiert? Oder kennst du dich mit Masturbation vor dem Partner aus?

Auch anonym agierende Onlineshops wie Amorelie, Eis oder LELO tragen dazu bei, dass wir weniger Scham rund um das Thema Solo-Sex haben. So schaffen wir es, dass eine der schönsten Nebensachen der Welt endlich aus der Schmuddelecke herauskommt.