Prof. Dr. Andreas Michalsen ist seit 2009 Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel Krankenhaus Berlin und Inhaber der Stiftungsprofessur für klinische Naturheilkunde am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité-Universitätsmedizin Berlin. Wir haben mit ihm über die Wirksamkeit des Heilfastens gesprochen, wieso das verbreitete 16-8-Intervallfasten überholt ist und warum Fasten oft fälschlicherweise für eine Art Diät gehalten wird – und dabei so viel mehr kann.

Andreas Michalsen
Prof. Dr. Andreas Michalsen im Interview mit wmn Foto: Presse Immanuel Krankenhaus

Prof. Dr. Andreas Michalsen im Interview mit wmn

wmn: Im Buch „Mit Ernährung heilen“ schreiben Sie, dass Sie während Ihrer Zeit als Assistenzarzt durch Zeit- und Schlafmangel in der Schichtarbeit Schwierigkeiten hatten, sich gesund zu ernähren. Wie war Ihr persönlicher Weg zur Naturheilkunde und zu einer gesunden Ernährung?

Andreas Michalsen: Zunächst bin ich familiär etwas vorbelastet: Mein Vater und Großvater waren auch naturheilkundliche Ärzte und insofern sind Fastentage, Kneipp-Anwendungen und Kräutertees praktisch in meiner DNA verankert. Nur mit 18 Jahren hat man nicht unbedingt Lust, das zu machen, was der Vater macht, und so bin ich nach dem Studium bewusst in die knallharte Schulmedizin gegangen.

In dieser Phase habe ich geraucht, ungesund und unregelmäßig gegessen und gerne mal eine halbe Flasche Wein am Abend getrunken. Und dann merkte ich, dass ich mit den Anstrengungen des Schichtdiensts immer schlechter klarkam. Die Betriebsärztin hat mir erhöhte Cholesterinwerte und einen leicht erhöhten Blutdruck attestiert – und das mit 29 Jahren.

wmn: Das hat Sie zum Umdenken bewegt?

Andreas Michalsen: Das und meine Patient:innen. Ich beobachtete immer öfter das, was man auch den „Drehtüreffekt“ nennt: Häufig begegnet man als Arzt einem Patienten mit Herzstillstand nicht nur einmal. Man rettet ihn in der akuten Situation und einige Monate oder Jahre ist er wieder da, wieder mit einem Herzstillstand. Das erweckte in mir den Wunsch, nicht nur situativ zu helfen, sondern Menschen langfristig zu heilen – sodass sie eben keinen Herzstillstand mehr erleiden.

Die Erkrankungen, bei denen sich der Drehtüreffekt beobachten lässt, sind nämlich immer dieselben: Herzinfarkt, Schlaganfall, Bluthochdruck, Diabetes. Den Leuten wird gesagt, sie sollen sich besser ernähren und nicht mehr rauchen und dann schickt man sie nach Hause. Aber an diese Ratschläge halten sich die wenigsten. Man weiß so viel über Ernährung und so wenig davon wird in den Arztpraxen und Krankenhäusern umgesetzt. So entstand mein Entschluss, in die Naturheilkunde zu gehen.

„Diabetes Typ 2, Bluthochdruck & Fettstoffwechselstörungen lassen sich gut mit Heilfasten behandeln“

wmn: Naturheilkunde hat also das Ziel, Krankheiten von vornherein zu vermeiden, um gar nicht erst mit der Schulmedizin und Chemie „retten“ zu müssen?

Andreas Michalsen: Genau. Die Schulmedizin ist etwas Tolles, aber sie sollte dann eingesetzt werden, wenn wirklich Not an der Frau oder am Mann ist. Zehn Prozent der Deutschen haben Diabetes Typ 2 und 60 % leiden an Adipositas. Das überlastet das Krankenhauswesen. Gerade jetzt in der Pandemie – es sind neben den Älteren hauptsächlich die Stoffwechselerkrankten, die beatmet werden müssen.

wmn: Bei welchen Krankheiten empfehlen Sie Heilfasten – ob präventiv oder als Behandlung?

Andreas Michalsen: Der Stoffwechselbereich ist mit Heilfasten kurz- bis mittelfristig sehr gut behandelbar, also Diabetes Typ 2, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und dadurch ausgelöste Herzerkrankungen, koronale Herzverkalkungen, Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Die andere ganz große Diagnosegruppe sind Entzündungen. Denn das Fasten wirkt stark anti-entzündlich. Man weiß noch nicht genau, warum das so ist – man vermutet, dass das etwas mit den Darmbakterien, also Darm-Mikrobiomen zu tun hat. Das Fasten hat außerdem eine hormonell anti-entzündliche Wirkung. Das hat zur Folge, dass wir Rheuma, schmerzhafte Arthrosen, Darmentzündungen oder auch neurologische Entzündungen wie Multiple Sklerose häufig mit Heilfasten behandeln.

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Auch außerhalb der Fastenzeiten ist eine gesunde Ernährung wichtig. Foto: Pexels/ Fauxels

“ Wäre der Steinzeitmensch in einer Fastenphase depressiv geworden, gäbe es uns heute nicht „

wmn: Stimmt es, dass Fasten auch bei einer leichten Depression helfen kann?

Andreas Michalsen: Das stimmt. Fasten hat eine klärende, stimmungshebende Wirkung. Vielen Menschen, die unter einer leichten Depression oder Burn-out leiden, berichten von einer Besserung durch das Fasten. Denn oft hängen solche Erschöpfungszustände auch mit schlechten Essgewohnheiten zusammen. Psychologisch löst das Fasten den positiven Effekt des Erfolgserlebnisses aus. Viele Leute würden sich eine solche Routine im Essverhalten gar nicht zutrauen und werden selbstbewusster durch die Erfahrung, es doch zu schaffen.

Es gibt aber auch bio-chemische Erklärungen für die stimmungshebende Wirkung von Fasten: Wenn man fastet, schüttet der Körper Endorphine aus. Der Ursprung dafür liegt in der Evolution. Dass der Mensch immer dann essen kann, wenn er will, war nicht immer so. Wann gegessen wurde, hing Jahrtausende lang von Wetter, Ernte und Jagderfolg ab.

Wäre der Steinzeitmensch in einer Fastenphase depressiv geworden, gäbe es uns heute nicht. Im Gegenteil: Man musste umso aktiver werden, um bei der Nahrungssuche wieder erfolgreich zu sein. Dementsprechend werden beim Fasten alle Aktivierungssysteme hochgefahren und so haben wir beim Fasten nicht weniger, sondern mehr Energie. Diese Energie gepaart mit dem psychologischen Effekt des Erfolgserlebnisses führt dazu, dass die meisten Menschen das Fasten als etwas Bereicherndes und nicht als etwas Einschränkendes wahrnehmen.

wmn: Ist das auch der Grund, warum Sie Menschen, die etwas Gewicht verlieren möchten, eher zum Heil- oder Intervallfasten, als zu herkömmlichen Diäten raten?

Andreas Michalsen: Genau. In der Heilkunde spricht man hier von der Selbstwirksamkeit: Wann immer wir aus eigenen Stücken heraus etwas bewältigen, erzeugt das in uns Selbstwirksamkeit – also das Selbstbewusstsein nach einem Erfolgserlebnis. Das ist gerade bei Adipositas ein entscheidender Punkt. Viele Menschen verlieren durch strenge Diäten zunächst an Gewicht, aber nach wenigen Wochen tritt dann der Jo-jo-Effekt ein und was bleibt, ist die Frustration. Beim Heil- oder Intervallfasten wird dieser Teufelskreis durchbrochen.

Die meisten Menschen denken „Das geht doch gar nicht, das halte ich nicht aus.“ Und dann, nach den ersten Umstellungstagen, stellt sich das gute Gefühl ein. Mit diesem neuen Selbstbewusstsein sagen sie dann: „Wenn ich das schaffe, dann schaffe ich es jetzt auch, meine Ernährung umzustellen!“ Der Vorteil beim Intervallfasten ist außerdem, dass es den Grundenergieverbrauch des Körpers nicht senkt, was Diäten normalerweise tun. Es lässt sich deutlich einfach durchhalten, als strenge Diäten, die auf Verzicht aufbauen.

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Solange sie vegan und zuckerfrei ist, ist auch feste Nahrung während des Fastens erlaubt. Foto: shutterstock.com/Foxys Forest Manufacture /

„Intervallfasten kann man ein Leben lang machen“

wmn: Wie lange fastet man denn?

Andreas Michalsen: Intervallfasten kann man ein Leben lang machen. Für einen präventiven Effekt empfiehlt es sich, das gewählte Intervall mindestens vier Tage die Woche einzuhalten. Heilfasten kann man zwei bis vier Mal im Jahr für fünf bis sieben Tage. Das Schwierige sind hier die ersten ein bis zwei Tage, danach fällt es den meisten Menschen deutlich leichter zu fasten.

wmn: Und was darf man während des Heilfastens zu sich nehmen?

Andreas Michalsen: Es gibt verschiedene Techniken, zum Beispiel Saftfasten, also die Buchinger Technik. Oder das Mayr Fasten mit Tee und glutenfreiem Brot. Bei beiden Techniken isst man mittags eine klare Gemüsebrühe. Man muss mit den Kalorien aber gar nicht so extrem runtergehen, solange man sich in der Fastenzeit vegan und zuckerfrei ernährt. Das nennt man dann eine Fasten-imitierende Diät mit bis zu 600 Kalorien am Tag. Wichtig ist nur, dass man keine Nulldiät macht, um Muskelabbau zu vermeiden.

wmn: Wie streng sollten die Intervalle beim Intervallfasten eingehalten werden?

Andreas Michalsen: Die Idee des Intervallfastens basiert auf einer Orientierung am eigenen Biorhythmus, also die Mahlzeiten an die Tageszeiten anzupassen. Ich empfehle die Hauptmahlzeit mittags, wenn die Sonne am höchsten steht und der Darm am aktivsten ist, einzunehmen. Prinzipiell ist es ratsam, Intervallfasten weniger streng, aber dafür konsequent zu gestalten. Ein 14 zu 10- Intervall ist meiner Auffassung nach völlig ausreichend und lässt sich auch am Wochenende einfacher durchhalten. Ausnahmen sind natürlich immer erlaubt, damit man die Lust nicht verliert.

Wer morgens Hunger hat, sollte sich nicht unnötig quälen. Der nimmt dann um neun oder zehn Uhr ein kleines Frühstück zu sich und isst dann wieder mittags. Wer sowieso lange schläft, kann eher auf das Frühstück verzichten. Zusammenfassend kann man sagen, die Faustregel lautet: nicht die erste Stunde nach dem Aufstehen essen und nicht die letzten drei Stunden vor dem Schlafengehen. Und: Es soll Spaß machen.

„Menschen mit schweren Depressionen sollten keinesfalls fasten“

wmn: Gibt es Personengruppen, denen Sie vom Fasten abraten?

Man muss beim Fasten generell aufpassen, dass man nicht in eine Art Über-Optimierung abrutscht und dass das Idealgewicht nicht zu sehr nach unten gewünscht wird. Menschen, die zu Essstörungen neigen, sollten keinesfalls fasten. Auch die Empfehlung zum Fasten bei Depressionen beschränkt sich auf leichte bis mittelschwere Formen. Patient:innen mit schweren Depressionen sollten keinesfalls fasten.

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

Im Bestseller „Mit Ernährung heilen“ erklärt Prof. Dr. Andreas Michalsen ausführlich, was beim Fasten im Körper passiert und welche Nahrungsmittel er empfiehlt. Außerdem stellt er interessante Studien zur Wirkung des Heilfastens auf verschiedene Krankheitsbilder vor.

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