Eines ist klar: Das Leben ist nicht immer nur schön. Doch gerade Musik hilft uns oft, über schwere Zeiten hinwegzukommen. Charlotte OC ist eine britische Singer-Songwriterin und hat ihr viertes Studioalbum veröffentlicht, auf dem sie brutal ehrlich über die schweren Zeiten in ihrem Leben spricht. Deshalb haben wir sie diese Woche zu unserer weekly heroine ernannt.

Bei wmn küren wir jede Woche eine starke und inspirierende Frau zu unserer wöchentlichen Heldin. Diese Frauen empowern uns und reißen uns mit ihren starken Aussagen mit. Darüber, warum man in schlechten Zeiten Stärke findet und was Selbstbestimmung und Selbstfindung eigentlich wirklich bedeutet, haben wir mit Charlotte OC gesprochen. 

Charlotte OC: Kurz & knapp 

  • Charlotte OC ist eine britische Singer-Songwriterin 
  • Sie ist 32 Jahre alt und macht Musik seit sie 16 Jahre alt ist  
  • Letzten Oktober erschien ihr viertes Studioalbum „Here comes trouble“, welches als ihr ehrlichstes und emotionalstes Werk beschrieben werden kann 
Charlotte OC
Charlotte OC zeigt uns, dass wir auch in schlechten Zeiten zu uns selbst stehen müssen. Foto: Charlotte OC / Maximilian Hetherington

„Es fühlte sich so an, als würde hinter jeder Ecke etwas Neues auf mich warten“

wmn: Dein neues Album mit dem Titel „Here comes trouble“ ist super persönlich. Erzähl doch mal wie es zu dem Titel kam? 

Charlotte OC: Das letzte Jahr war für uns alle sehr hart, aber mir sind eine Reihe von unglücklichen Ereignissen innerhalb von drei Monaten passiert und es fühlte sich so an, als würde hinter jeder Ecke etwas Neues auf mich warten. Es wurde an einem Punkt schon fast lächerlich.

Vor allem hat es mich sehr mitgenommen und ich habe meinen Körper angefangen so schlecht zu behandeln, wie ich meine Seele behandelt habe. Deshalb wurde ich zu einem Problem für mich selbst und für andere. Der Titel hat perfekt zusammengefasst, wie sich mein Leben angefühlt hat. Ich habe auf dem Album über mich gesprochen und wie ich eine Gefahr für mich selbst wurde. 

wmn: Was hat dir geholfen aus deinem „trouble“ rauszukommen? 

Charlotte OC: Therapie! Das war die einzige Lösung. An meinem 30. Geburtstag habe ich mich tatsächlich dazu entschieden, eine Therapie zu beginnen, weil ich das Gefühl hatte, nicht stark genug zu sein, alles alleine zu bewältigen. Die Familie und Freund:innen können einen auch unterstützen, aber ich denke, in manchen Fällen muss es eben jemand sein, der das professionell macht. Meine Therapeutin ist eine wunderbare Frau und ich wäre ohne sie verloren. 

wmn: Du redest auf deinem Album sehr viel von den harten Zeiten in deinem Leben. Welches spezifische Event hat dich dazu inspiriert? 

Charlotte OC: Der Moment, in dem ich rausfand, dass mein Vater Krebs hatte, war der Moment, in dem ich mit dem Album angefangen habe. Ich bin zwei Tage später sofort ins Studio gefahren und habe einen Song für meinen Vater aufgenommen. Es war schwer, diesen Song zu schreiben, aber es musste sein. 

„Wenn ich den Song jetzt auf der Bühne spiele, fühle ich mich wie eine Bad Bitch!“

wmn: Der Song „Bad Bitch“ auf deinem Album kommt super empowering rüber. Was war deine eigentliche Intention? 

Charlotte OC: Ja, der Song beschreibt diesen konstanten Wechsel von einer totalen Unsicherheit zu einem Moment, indem man sich stark fühlt, ein Glas Prosecco trinkt und sich denkt „Ich bin fucking amazing!“ Ich denke, es ist ein Song der gerade viele Frauen empowert, aber als ich den Song schrieb, war ich sehr schwach und habe mir ein Fake-Selbstbewusstsein aufgebaut. Wenn ich den Song jetzt auf der Bühne spiele, fühle ich mich stark und stolz und wirklich wie eine „Bad Bitch“. 

„Du musst einfach dein Ding machen.“

wmn: Wie hast du das independent sein in der Musikbranche wahrgenommen? Gerade als Frau in der Musikindustrie ist es ja nicht immer leicht. 

Charlotte OC: Eine weibliche Managerin zu haben, war definitiv wichtig für mich. Ich denke, dass wir Frauen uns nicht mehr so viel gefallen lassen, das geht jetzt schon eine Weile so. Du musst einfach dein Ding machen, was sehr schwer ist, aber wenn man sich mit den richtigen Leuten umgibt, die deine Vision unterstützen, ist es leichter. 

„Ich habe das Gefühl, dass ich mit 30 endlich eine Frau geworden bin.“

wmn: Nach allem, was du durchgemacht hast: Wie hast du es geschafft dich selbst zu finden? 

Charlotte OC: Ich bin auf dem Weg dahin. Das sind wir alle. Ich habe damit mitten in der Pandemie angefangen, ich mache sehr viel Yoga, trinke weniger Alkohol und behandele mich selbst gut. Ich arbeite an vielen Dingen und mein Gott, mir geht es so viel besser als letztes Jahr. Ich denke aber auch, das kommt mit dem Alter. Dinge, über die ich mich früher gesorgt haben, sind mir mittlerweile egal.

Ich denke, wenn du 30 wirst, ist es so als hättest du eine kleine Erleuchtung. 30 zu werden ist eine große Last auf deinen Schultern, wenn du merkst, dass deine Vision, die du von deinem Leben mit 30 hattest, nicht der Realität entspricht und du denkst dir „Warum bin ich nicht da wo ich sein wollte?“ Aber dann fällt mir auf, dass auch das einfach menschlich ist und ich habe das Gefühl, dass ich jetzt mit 30 endlich eine Frau geworden bin. 

wmn: Du bist sehr ehrlich und zeigst dich von deiner verletzlichen Seite. Was denkst du über den Stereotypen der „sensiblen Frau“, versuchst du ihn vielleicht sogar zu brechen? 

Charlotte OC: Mein Vater war ein sehr emotionaler Mann, das habe ich an ihm geliebt und ich bin ihm sehr ähnlich. Ich bin sehr offen darüber, wie ich mich fühle.  Ich kann mich dadurch am besten ausdrücken und endlich ich selbst sein. So trage ich mein Herz eben auf der Zunge. 

„Du erreichst nichts, wenn du nicht du selbst bist.“

wmn: Hast du es jemals erlebt, in einen Stereotypen gepresst zu werden, der nicht du warst? 

Charlotte OC: Ja, das habe ich mit meinem alten Management erlebt. Sie haben mir gesagt: „Du darfst nicht so viel sprechen. Sag am besten gar nichts, das macht dich geheimnisvoll.

Und ich dachte mir: „Sorry, kennt ihr mich?“ Das war überhaupt nicht ich und ich denke so was ist auch nicht menschlich. Ich habe etwas zu sagen und ich habe mich in solchen Momenten gefangen gefühlt, weil mir gesagt wurde, wie ich zu sein habe. Ich war jung und dachte, diese Menschen wissen, wovon sie reden. Es ist so ein Klischee, aber du erreichst nichts, wenn du dich davon zurückhältst, du selbst zu sein. Also: Ein Toast darauf ich selbst zu sein!

Charlotte OC
Charlotte OC ist für uns die Definition einer starken Frau. Foto: Charlotte OC / Bad News Pressefoto

„Meine Lyrics sind ein Stück meiner Identität.“

wmn: Kannst du uns etwas von dem Prozess erzählen, in dem du Musik nutzt etwas Positives aus deinen Erfahrungen zu ziehen? 

Charlotte OC: Ich denke, es ist wichtig, es nicht zu überdenken und alles so ehrlich wie möglich zu machen. Meine Lyrics sind ein Stück meiner Identität. Und dann fließt es einfach. 

wmn: Was ist ein Lieblingsmoment aus deiner Karriere, in dem du dich stark gefühlt hast? 

Charlotte OC: Definitiv, wenn ich auf der Bühne stehe. Besonders meine Shows in London, Berlin und Lissabon. Das neue Album ist so aufregend für mich zu performen

„Niemand kennt dich so gut wie du dich selbst kennst.“

wmn: Welchen Rat würdest du jungen Frauen geben, die gerade versuchen sich selbst zu finden? 

Charlotte OC: Hör auf dich selbst. Ich habe mich in der Vergangenheit sehr auf andere Leute verlassen und gedacht, sie stehen mir zur Seite, aber das war nicht der Fall. Niemand kennt dich so gut wie du dich selbst. Nimm dir Zeit, dich selbst zu verstehen. Lerne „Nein“ zu sagen und sei deine eigene beste Freundin. Du bist alles, was du hast. Und wenn du eine gute Beziehung zu deiner Mutter und deinem Vater hast: Hör auf die beiden, sie haben fast immer recht. 

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