Neues Jahr, neues ich!, heißt es verheißungsvoll auf Sprüchebildern, die man zuhauf im Internet findet und die oft eine Frau mit weit geöffneten Armen am Strand zeigen, fast so, als würde sie ihr neues Leben bereits begrüßen. Ich frage mich: ein neues ich? Wie soll das gehen? Und ist das überhaupt so erstrebenswert?

Offenbar verbirgt sich hierhinter der Wunsch vieler Menschen, die vor allem rund um den Jahreswechsel alles daransetzen, eine bessere Version ihrer selbst zu werden. Dabei helfen sollen einmonatige Challenges, um weniger zu rauchen, zu trinken und zu meckern und dafür mehr zu erleben, zu lesen und zu lachen.

Gleich zu Beginn sei verraten: Ich gehöre nicht zu diesen Menschen. Schlimmer noch. Bisher empfand ich solche Challenges als völlig unnütz – wenngleich ich den Durchhaltewillen dieser Menschen bewunderte. 

Wenn das nicht die idealen Startvoraussetzungen sind, um von der Redaktion den Auftrag zu bekommen, im Januar eine Meditationschallenge durchzuziehen, dann weiß ich auch nicht. Heute ziehe ich Bilanz, verrate was ich auf der Suche nach meinem neuen ich gelernt habe und wie sich das regelmäßige Meditieren auf meinen Körper ausgewirkt hat.

frau meditation locken teppich
Meditation soll ursprünglich zur Erleuchtung führen. Mir würde schon weniger Stress genügen!(Photo: Getty Images/ Vicens Prats / EyeEm)

Meditationschallenge – ein Widerspruch in sich

Meditieren – dabei werden sich viele bis heute eine spirituelle Praxis vorstellen, die mit Yoga und Räucherstäbchen in Zusammenhang steht. Vor einiger Zeit dachte ich bei dem Wort Meditation vor allem an den Feelgood-Film Eat,Pray,Love, in dem Julia Roberts in einem balinesischen Aschram, das ist eine Art klösterliches Meditationszentrum, zu sich selbst findet.

Heute weiß ich, dass Meditation seinen Ursprung zwar tatsächlich in zahlreichen Religionen wie auch dem Hinduismus hat, aber eben nicht nur die spirituelle Suche nach Erleuchtung bedeutet. Denn Meditation klappt auch ohne Klanghölzer und Esoterik und sorgt vor allem dafür, dass wir mentalen Ballast abwerfen können.

Und davon habe ich mehr als genug: Sich anbahnende Panikattacken, Migräne-Anfälle, ständige Selbstzweifel und nicht-enden-wollende Gedankenkarusselle gehören zu meinem alltäglichen Leben. Dieses Jahr werde ich zudem meinen Master-Abschluss machen und mich auf den Jobmarkt werfen, um einen Vollzeitjob zu ergattern. Mental Load? 100 %.

Routinen wollen gelernt sein

Etwa vor einem Jahr riet mir eine Ärztin daher, es mal mit regelmäßiger Meditation auszuprobieren. Erfrischend, weil so gar nicht schulmedizinisch, nahm ich ihren Rat dankend an und setzte mich zusammen mit der Online-Yoga-Göttin Mady Morrison ins Schlafzimmer und probierte einige ihrer Kurzmeditationen aus. Warum sich vor allem ihre Yoga-Einheiten lohnen, verrät dir meine Kollegin Anni, welche die Yoga-Challenge absolviert hat.

Nach kurzer Zeit habe ich die regelmäßige Meditation jedoch wieder schleifen lassen. Routinen sind echt nicht so mein Ding. Dabei steckt gerade in der Regelmäßigkeit die Krux. Denn Meditieren spricht unser Nervensystem, insbesondere unseren Vagusnerv an, der für Ruhe und Gelassenheit sorgt. Nur wer jedoch regelmäßig meditiert, trainiert diesen Nerv nachhaltig und entschleunigt die Reizverarbeitung damit auf Dauer.

Meditieren nach meinen Bedingungen

Also ein neuer Versuch. Begonnen habe ich damit bereits im Dezember des letzten Jahres, da sich hier eine Migräne-Attacke nahtlos an die nächste reihte. Meditieren soll immerhin nicht nur innere Balance befördern, sondern auch Schmerzen lindernmeint zumindest eine Studie der Universität Gießen.

ist. – Lisa

Inmitten der ersten Einheit gingen mir immer wieder Gedanken durch den Kopf, wie unsinnig allein das Wort ‚

Meditationschallenge‘

Wenn ich Leidensdruck und Schmerzen verspüre, fällt mir das Meditieren besonders leicht. Immerhin sehe ich dann den unmittelbaren Sinn darin. Danach fühle ich mich tatsächlich entspannt und auch meine Migräne wird dadurch erträglicher. Die große Herausforderung bestand für mich nun darin, die Meditationschallenge den gesamten Januar durchzuziehen – auch an Tagen, an denen es mir gut ging.

Inmitten der ersten Einheit gingen mir immer wieder Gedanken durch den Kopf, wie unsinnig allein das Wort Meditationschallenge ist. Denn meditieren, das tut man für sich. Meditieren bedeutet, nicht so hart mit sich ins Gericht zu gehen. Sich zu verzeihen. Gedanken wegzuschieben. Nachzusinnen. Aber nicht ehrgeizig an einer Challenge teilzunehmen. Also bin ich Kompromisse eingegangen und habe meine Meditationseinheiten an mich angepasst, um sie durchzuhalten.

Frau Meditation
Statt immer im Schneidersitz zu meditieren, habe ich mir erlaubt, auch einfach mal liegen zu bleiben oder nur 5 Minuten während der Arbeit die Augen zu schließen.(Photo: imago images/Westend61)

Ich habe mich beispielsweise nicht immer starr auf meine Yogamatte gesetzt und im Schneidersitz meditiert, wie Mady und frühere Yoga-Trainer:innen es mir beigebracht haben. Oft habe ich meine Meditation auch mit dem Stretching im Liegen nach dem Joggen verbunden, sie sitzend auf dem Bürostuhl oder abends im Bett sitzend mit ausgestreckten Beinen absolviert. Meistens habe ich dann für zehn Minuten meditiert. Was ich dabei gelernt habe? 

Es geht bei der Meditationschallenge nicht darum, alles perfekt und nach Lehrbuch zu machen. Der typische Meditationsschneidersitz ist zwar ideal für eine aufrechte und offene Körperhaltung, um möglichst tief atmen zu können. Bequem sollte es aber dennoch sein. Denn Meditation ist Zeit für mich Zeit. Zeit, den Kopf abzustellen. Zeit, frei und ohne Last auf der Brust zu atmen. Zeit, um Gedanken kommen und gehen zu lassen.

Und so viel sei verraten: Gedanken kommen leichter, als sie wieder gehen. Manchmal bin ich fast daran verzweifelt, dass ich negative Gedanken aussperren wollte und gerade die sich dadurch umso hartnäckiger aufdrängten. So ist mir längst nicht jede Meditation geglückt, viele habe ich abbrechen und neu beginnen müssen. Aber das ist völlig okay, denn Meditation und Perfektion sollten sich ohnehin ausschließen.

Meditieren kennt viele Wege

Zu Beginn meiner Meditationschallenge war ich großer Fan geleiteter Meditationen, wie sie beispielsweise durch Meditationsapps angeboten werden, da ich hier ein Ziel vor Augen hatte. Ich ging also aus der Mediation mit einem Erfolgserlebnis, weil ich die Einheit durchgezogen hatte. Mit meiner angepassten Routine habe ich jedoch immer häufiger auf meditative Klänge gesetzt und auf fremde Stimmen, die mich ohnehin oft ablenken, verzichtet. 

Dabei habe ich auf eine regelmäßige und tiefe Atmung geachtet, habe mich auf einzelne Körperteile konzentriert und gemerkt, wie sie sich Verspannungen lösen, wie der Stress von mir weicht. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Gedanken, die aufkamen, habe ich mit jedem Atemzug von mir gelassen. Selbstzweifel habe ich mithilfe meines Mantras weggeschoben:

Du hast genug, du tust genug, du bist genug. – Meditationsmantra

Denn Meditation lindert nicht nur Stress und Schmerzen, sondern hat mich vor allem in Sachen Selbstakzeptanz gelehrt. Ein Mantra ist übrigens eine Art magische Formel, die man immer wiederholt und sie mit der Atmung in Einklang bringt, bis man sie verinnerlicht. Zunächst war ich skeptisch und habe solche Mantras eher belächelt. Was sollen ein paar Sätze schon gegen meinen Selbstzweifel bewirken? Die halten sich immerhin seit Jahren hartnäckig. 

Ich frage mich, ob ich meinen Abschluss verdiene (klassisches Hochstapler-Syndrom), ob ich meinen Partner glücklich mache, ob ich mich genug bei meinen Freunden melde oder ob ich an der ein oder anderen Stelle doch besser den Mund gehalten hätte

Beim Meditieren schiebe ich diese Zweifel und alle Versagensängste mit meinem Mantra beiseite. Nach einem Monat Meditationschallenge sind meine Selbstzweifel zwar nicht verschwunden, aber immerhin weiß ich sie jetzt zu bekämpfen. Ich beginne zu merken, dass ich dieser Meditationschallenge vielleicht etwas zu skeptisch gegenüberstand

Frau entspannt
Dass ich mich von täglich 10 Minuten Meditation bereits so geerdet fühle, dass selbst andere es bemerken, hätte ich nie gedacht.(Photo: imago images/Westend61)

Bemerken andere die Veränderungen auch?

Wie gut mir die Meditations-Challenge außerdem tut, merke ich, als meine Kollegin mich darauf anspricht, dass ich sehr viel ausgeglichener wirke. Rückblickend kann ich ihr nur recht geben. Statt ständig unter Strom zu stehen, eine kurze Zündschnur zu haben und nur das negative zu sehen, bin ich an viele Situationen sehr viel gelassener herangegangen.

Euphorisiert von diesem Resultat wollte ich es genau wissen und stellte mich dem Urteil meines Partners. Der musste es immerhin am besten wissen, ob ich jetzt zu meinem neuen Ich gefunden hatte. Also fragte ich ihn: Findest du, dass ich mehr in mir ruhe, seitdem ich meditiere? Seine Antwort fiel ernüchternd aus:

Seit wann meditierst du denn? Eher nein. – mein Partner, ein Frauenversteher

Autsch, das tat weh. Habe ich etwa doch nicht so sehr davon profitiert? Wenig später leuchtet mir aber ein, dass sein Urteil hierbei gar nichts zur Sache tut. Am Ende ist nur entscheidend, ob ich mich mit dieser Routine besser fühle – und das tue ich allemal. 

Meditationschallenge? Auf jeden Fall!

Fan von Challenges zum Jahresanfang bin ich zwar noch immer nicht, da strikte Reglementierungen die Lebensqualität meiner Meinung nach einschränken – und dafür ist das Leben eindeutig zu kurz. Aber mittlerweile verstehe ich, dass es sich lohnen kann, neue Routinen auszuprobieren

Erst recht, wenn diese wie die Meditationschallenge meine Lebensqualität deutlich heben! So wurde meine Herausforderung zum Jahresanfang zu einem vollen Erfolg, auch wenn ich abschließend sagen muss: neu ist dieses Ich nicht, dafür aber umso entspannter und zufriedener.

Auch völlig abgespannt? In dieser Story siehst du, welche Stresssymptome es gibt!

Mehr Selbstliebe-Themen: Du würdest gerne meditieren lernen? Wir zeigen dir, wie es klappt. So hat unsere Kollegin Selbstliebe durch Pornos gelernt und so einfach lässt sich das Singleleben genießen.