Ein Junge kommt neu in die Klasse. Er ist blond und trägt eine Zahnspange. An seinem Federmäppchen baumelt eine Werner-Figur. Er lacht viel. Sommersprossen. Vans. Ein brauner Carhartt-Pullover. Ich bin hin und weg.

Meine große Jugendliebe war Max aus der 9d. Und deine?

Die Jugendliebe & was sie mit dir macht

Heute, mehr als zehn Jahre und einige Lieben später, bin ich nicht mehr das Mädchen aus der 9d. Eigentlich ist fast nichts von ihm übrig geblieben. Aber wenn ich mich zurückerinnere an unser Klassenzimmer und daran, wie ich täglich acht Stunden damit verbracht habe, auf seinen strohblonden Hinterkopf zu starren und fast einen Herzstillstand erlitten habe, wenn er sich zu mir umdrehte, ist es plötzlich wieder da. Das Mädchen aus der 9d. Verliebt bis über beide Ohren.

Was ist das nur mit der Jugendliebe? Es scheint, als wäre sie in der Lage, alle Gefühle und Erinnerungen eines anderen Lebens zu bündeln und für immer zu konservieren. Wie lang oder kurz sie von Dauer war, sie bringt einen stets zuverlässig in eine Welt zurück, die man eigentlich schon längst vergessen haben müsste. An meinen 15. Geburtstag erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber an Max‘ und mein erstes Date:27 Dresses mit Katherine Heigl. Meine beste Freundin und ihr Freund waren dabei, damit ich vor Aufregung nicht umkomme. Ich erinnere mich an jedes Detail dieses Abends. Aber warum gilt das nicht für alle anderen ersten Dates? Was macht die Jugendlieben so besonders?

Der Zauber des Anfangs einer Jugendliebe gehört zu den schönsten Erfahrungen im Leben. Foto: Pexels/ Tim Samuel

Du erinnerst dich an deine erste Liebe … weil sie neu war

Einen Teil der Antwort gibt Beziehungsexpertin Adina Mahalli der Zeitschrift Freundin. Dass man sich so gut an die erste Jugendliebe erinnern kann, liege daran, dass sie eben die erste und damit etwas Neues war. Der Teil des Gehirns, der für neue Erinnerungen, Lernprozesse und Emotionen zuständig ist, speichert neue Erfahrungen besser als alltägliche Erlebnisse. Das Gefühl der Verliebtheit ist eine besonders starke Emotion, vor allem dann, wenn man das erste Mal verliebt ist.

In der Psychologie wird der Umstand, dass wir uns an erste Male besser erinnern als an alle folgenden, als Primäreffekt bezeichnet. Das betrifft nicht nur Beziehungen. Auch erste Tage in einer neuen Stadt oder in einem neuen Job bleiben meist sehr präsent in der Erinnerung. Trotzdem ist es in der Liebe doch ein klein wenig anders. Denn hier spielt nicht nur die Exklusivität des Erlebten eine Rolle, sondern auch seine emotionale Komponente.

Du erinnerst dich an deine erste Liebe … weil sie intensiv war

Bereits 1996 konnte der Neurowissenschaftler Larry Cahill feststellen, dass emotionale Erinnerungen im Gehirn anders gespeichert werden als alltägliche. Er hatte Proband:innen jeweils zwölf neutrale und emotionale Filmszenen gezeigt und währenddessen die Gehirnaktivitäten überwacht. Dabei stellte er fest, dass das Gehirn bei den emotionalen Filmszenen aktiver war als bei den neutralen.

Besonders hoch war die Hirnaktivität in der Amygdala, die zum limbischen System gehört, welcher wiederum für die Verknüpfung von Ereignissen und Emotionen zuständig ist. Drei Wochen später wurden die Teilnehmenden gefragt, an welche Szenen sie sich erinnern. Das Ergebnis: Je aktiver die Amygdala war, desto besser erinnerten sich die Proband:innen an die entsprechende Filmszene.

Die Amygdala steht in Verbindung mit dem Hippocampus. Dieser Bereich des Gehirns ist für das Erinnern zuständig. Alles, was du täglich erlebst, wird zu sogenannten episodischen Erinnerungen. Diese speichert das Gehirn dann im Hippocampus. Du siehst also: Emotionen und Gedächtnis sind sehr eng miteinander verknüpft. Das erklärt, warum dir deine erste Jugendliebe noch so präsent in der Erinnerung ist. Sie war nicht nur eine neue Erfahrung für dich, sondern auch besonders emotional und intensiv.

Die erste Jugendliebe prägt dich & deine Beziehungen ein ganzes Leben lang. Foto: Pexels/ Maksim

Deine Jugendliebe prägt dein Leben bis heute

Leider erinnert sich das Gehirn nicht nur an das wohlige Gefühl des Verliebtseins. Ausgenommen den Fall, du bist bis heute mit deiner Jugendliebe zusammen, verbindest du mit ihr wahrscheinlich auch ein ganz anderes Gefühl: den ersten großen Herzschmerz. Je nachdem, wie dramatisch deine erste Trennung verlief, kann diese negative Emotion alle positiven überschatten – bis heute. Und das kann starke Auswirkungen darauf haben, wie du seither Beziehungen führst und in Zukunft führen wirst. So wird jemand, der von seiner Jugendliebe betrogen wurde, vermutlich immer etwas mehr mit Eifersucht zu kämpfen haben als andere. Vertrauensprobleme oder Bindungsängste stehen auch oft in Zusammenhang mit negativen Erfahrungen in frühen Beziehungen.

Aber man lernt auch jede Menge in seinen ersten Beziehungen – vor allem über sich selbst. Welcher Beziehungstyp bin ich? Bin ich anhänglich oder brauche ich viel Freiraum? Bin ich selbst bestimmt oder neige ich dazu, mich von meinem/ meiner Partner:in abhängig zu machen? Welche ist meine Sprache der Liebe? Das sind alles Dinge, die du dank deiner Jugendliebe heute über dich weißt und die dir helfen, den oder die Richtige für deine Zukunft auszuwählen. Das gepaart mit den (hoffentlich überwiegend) schönen Erinnerungen macht die erste Liebe zu einer der wichtigsten und prägendsten Erfahrungen im Leben. Also: Solltest du noch ein altes Foto- oder Tagebuch von damals herumliegen haben, ist es jetzt an der Zeit, es heraus zu kramen und in Erinnerungen zu schwelgen.

Wir haben noch mehr Beziehungsthemen für dich: Hast du schon mal von dem Manhattan-Effekt gehört? Nein? Dann lies hier, was er mit gegenseitiger Unterstützung in Beziehungen zu tun hat. Wenn du und dein:e Liebste:r wieder mehr Schwung in eure Beziehung bringen wollt, haben wir hier die Bucketlist für Paare als kleine Inspiration.