Kleinkinder in Schneeanzügen, Pinguine und händchenhaltende Menschen über 50 haben eines gemeinsam: Sie lösen in mir ein undefinierbares Glücksgefühl aus. Es geht so eine stoische Ruhe von ihnen aus, als wüssten sie ganz genau, was sie tun, obwohl sie scheinbar ziellos sind. Sie haben alle Zeit der Welt. Und sie sind nie allein. Vor allem sind sie ziemlich süß! Da ich seit 25 Jahren kein Kleinkind mehr bin und auch der Zug, ein Pinguin zu werden, abgefahren ist, frage ich mich manchmal: Werden mein Partner und ich noch Händchen halten, wenn wir alt sind? Wie hält man eine Beziehung so lange frisch? Oder lässt sich die Liebe neu entfachen, sollte sie einmal einschlafen?

Liebe neu entfachen: Der unkonventionelle Weg

Sieben Jahre sind eine lange Zeit. Sie fühlen sich an wie mein ganzes Leben. Das Leben als Erwachsene. Und die Zeit rast. Das sagen alte Menschen immer so, aber es stimmt. Heißt das, dass ich jetzt auch alt bin? Jedenfalls ist es unglaublich, was in sieben Jahren alles passieren kann. Mein 21-jähriges Ich hat so gut wie nichts mehr mit der Frau zu tun, die ich heute bin. Meistens bin ich froh darüber. Manchmal vermisse ich mich.

Die Konstante ist mein Freund. Der ist nun schon so lange an meiner Seite, dass mir seine Vorgänger wie Fremde vorkommen, die alle paar Jahre ein neues Facebook Profilfoto hochladen und ich mir denke „Ach Gott stimmt ja, den gibt’s ja auch noch.“ Wir sind mein gesamtes Studium lang zusammen, neun Urlaube, eine Pandemie, vier verschiedene Wohnzimmerwandfarben und zwei Katzen lang. Die Liebe ist nicht mehr dieselbe wie am Anfang. Und es gab Zeiten, da war sie fast verschwunden. Aber irgendwie haben wir sie doch immer wieder zurückgeholt.

Und wie haben wir das geschafft? Ich bin ehrlich. Neben all den Tipps, die man so im Internet findet (sich gegenseitig überraschen und in Urlaub fahren hauptsächlich), hat bei uns die ein oder andere Krise am besten geholfen. Jedes Mal, wenn unsere Beziehung kurz vor dem Aus stand, waren wir in der darauffolgenden Zeit am glücklichsten. Liebe neu entfachen extrem sozusagen. Nicht, dass ich das als Tipp formulieren würde. Es ist eher ein Plädoyer für die Imperfektion von Beziehungen und gegen das zu schnelle Aufgeben.

Er schreibt nicht zurück
Liebe verändert sich im Laufe der Zeit. Foto: Pexels/ Cottonbro

Raus aus der Komfortzone für (gemeinsames) Wachstum

Ich bin nicht mehr mein 21-jähriges Ich. Weil ich mich entwickeln konnte und weil ich in diesen Jahren einer sehr intensiven und sich wandelnden Beziehung wahnsinnig viel über mich selbst gelernt habe. Ich weiß, dass ich nicht gerne allein bin. Dennoch leben mein Freund und ich nicht immer in derselben Wohnung. Um meine Komfortzone zu verlassen, bin ich nach Paris gegangen – und habe es geliebt. Dort habe ich gelernt, dass ich meinen Partner sehr gerne um mich habe, aber auch allein zurechtkomme. Das hat unsere Beziehungsdynamik verändert und (vor allem für ihn) die Liebe neu entfacht, als ich zurückkam.

Manchmal habe ich es auch übertrieben mit dem Komfortzonen-Verlassen und den gegenteiligen Effekt erzielt. Drei Monate Backpacken zum Beispiel hatte eine kurzweilige Trennung zufolge, weil weder ich noch er und schon gar nicht wir zusammen für Plumpsklos und Hostelbetten gemacht sind. Die Trennung war hart und wie heißt es so schön: Man weiß erst, was man hatte, wenn man es verloren hat. Danach war es, als wären wir frisch verliebt. Krisen führen tiefe, ehrliche Gespräche mit sich. Diese Nähe ist erst über die Jahre zwischen uns entstanden und deshalb bin ich jeder einzelnen Katastrophe, in die wir uns manövriert haben, dankbar.

Liebe neu entfachen oder die Gleichförmigkeit lieben?

So froh ich über unsere gemeinsame Entwicklung, vor allem aber über mein persönliches Weiterkommen der letzten Jahre bin – solche Krisen sind echt anstrengend. Und ich finde, langsam reicht es auch. Für mich kann nun der langweilige Alltag einkehren. Keine Aufs und Abs mehr. Keine stundenlangen Diskussionen und tränenreiche Versöhnungen. Das bedeutet zwar weniger Schmetterlinge im Bauch, aber dafür mehr Fallenlassen. Und am Ende geht es doch genau darum in der Liebe: sich ganz und gar wohlzufühlen. Weil man sicher ist. Und weil man weiß, was man tut, obwohl man ziellos scheint. Weil man alle Zeit der Welt hat. Und weil man nie allein ist.

Ich will ein Pinguin sein. Oder ein Kleinkind im Schneeanzug. Zumindest will ich eine alte Frau sein, die mit ihrem Partner Händchen hält. Nicht, weil wir gerade durch Krise 53.135 unsere Liebe neu entfacht haben. Sondern, weil wir das Glück in der Gleichförmigkeit gefunden haben. Weil wir unbesorgt und zufrieden sind. Und dann wird uns eine 28-jährige Kolumnistin beobachten und sich denken: „Eines Tages will ich das sein.“

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