Jeannine Budelmann schreibt aufgrund ihrer großen Leidenschaft für die Frauen und ihrer noch größeren Expertise auf eigentlich „männerdominierten“ Gebieten. Sie ist Geschäftsführerin eines Elektronik-Unternehmens. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Münster.

Für wmn.de schreibt Jeannine von ihrem Alltag als Chefin, ihren täglichen Begegnungen mit Männern und Frauen in einer patriarchalen Branche. Ihre Beobachtungen sind scharfsinnig, ihre Schlüsse sind wohldurchdacht und ihre Tipps sind spitzzüngig. 

Der dominante Mann und seine Machtdemonstrationen

Neulich war ich in einer digitalen Sitzung zu zukunftsweisenden Fragen der Industriepolitik. Abgeordnete aus der Landes-, Bundes- und EU-Politik diskutierten mit Vertreter:innen von Industrieunternehmen. Man muss wissen, dass die Industrie in Deutschland sehr vielfältig ist: Von klein bis groß, von energieintensiv bis super sparsam, von traditionsreich bis innovativ ist alles dabei.

Dominant ist allerdings der alte weiße Mann. Die Sitzung lief genauso ab wie immer. Es gibt bei der ganzen Heterogenität der Unternehmen ein paar Themen, die für alle wichtig sind und ein solches hatte ich im Rahmen der Sitzung angesprochen.

Alles gut, die Politiker nahmen das Thema auf und wir gingen weiter in der Tagesordnung. Dann aber kam die Attacke des dominanten Mannes: Der Chef eines alten Betonunternehmens wollte einen Punkt machen, der ihm wichtig war. Und um seiner Wichtigkeit Ausdruck zu verleihen, leitete er sein Statement ein mit „Ich habe ein paar Geburtstage mehr gefeiert als Sie, Frau Budelmann. Und deshalb habe ich auch mehr Erfahrung in der Politik gesammelt.“

Bäm. Eigentlich gemeinter Subtext: „Du kleines Mäuschen. Was suchst du hier eigentlich? Hier gelten unsere Regeln. Geh nach Hause mit deinen Puppen spielen.“ Interessant dabei ist, dass seine Aussage nichts mit dem zu tun hatte, was ich ein paar Minuten zuvor gesagt hatte. Es ging nicht um eine inhaltliche Debatte, sondern ganz klar darum, wer die Hosen anhat. In der Folge ging das Ganze übrigens so weit, dass ein anderer Manager aus einem großen Chemiekonzern die Runde nur noch mit „Meine Herren“ ansprach. Das, meine Lieben, ist also Status Quo in der männlichen Kommunikation im Jahr 2021: Wir können zwar nicht verhindern, dass Frauen mit am Tisch sitzen. Aber wir können sie zumindest ignorieren.

Wir können zwar nicht verhindern, dass Frauen mit am Tisch sitzen. Aber wir können sie zumindest ignorieren.

Jeannine Budelmann

Ich persönlich hasse es, in jedem Meeting erst einmal klarstellen zu müssen, dass ich Sexismus nicht lustig finde. Den sehr dominanten Kollegen, der so viele Geburtstage mehr gefeiert hatte als ich, habe ich erst einmal unterbrochen. Total unhöflich, ich weiß. Auf meine Ansage hin, dass man nicht alt sein muss, um politische Erfahrung gesammelt zu haben, entschuldigte er sich bei mir. Aber die Sitzung machte dennoch deutlich: Frauen sind unerwünscht, vor allem solche, die gerne etwas am Status Quo ändern möchten.

Männliche Dominanz auf dem Silbertablett

Andere Sitzung, ähnlicher Klientel: Ich hatte im Chat des digitalen Sitzungstools vorgeschlagen, die nächste Sitzung noch einmal digital durchzuführen. Es gab gute Gründe, die dafür sprachen. Daraufhin meldete sich ein Mann, Mitte sechzig, und schlug vor, die nächste Sitzung doch noch einmal digital durchzuführen. Großer Zuspruch sowohl im Gespräch, als auch im Chat. Für ihn! Können die Kollegen alle nicht lesen? Nicht, dass dieser Vorschlag so hochintellektuell gewesen wäre, dass ich ihn unbedingt für mich reklamieren müsste. Aber wie armselig ist es für diesen Mann, dass er genau das offensichtlich brauchte?

Der letzte Ausweg: Flucht vor dem dominanten Mann

Keine vernunftbegabte Frau tut sich solche Situationen über einen längeren Zeitraum freiwillig an. Ich habe so viele tolle Frauen in meinem unternehmerischen Umfeld, die allesamt strikt ablehnen, wenn sie gefragt werden, auf solchen Gremien zu erscheinen. Sie alle kennen diese Situationen und sie alle haben für sich beschlossen, dass sie auf diese Spielchen keine Lust mehr haben. Und auch ich habe meine persönliche Reißleine gezogen und habe mich aus einigen Gremien zurückgezogen.

Erst kürzlich habe ich einem Geschäftsführer eines Verbandes mitgeteilt, dass ich entgegen meiner Ankündigung kein weiteres Mal für ein entsprechendes Amt kandidieren würde. Ich kann dort nichts bewegen und dann möchte ich auch nicht mehr das junge weibliche Feigenblatt sein, als das man mich gerne sehen würde. Sechs Jahre war ich aktiv, habe mich eingebracht und im Gegensatz zu den meisten dominanten männlichen Kollegen das getan, was unsere Aufgabe war: Jeden einzelnen Antrag zu lesen und kritisch zu hinterfragen. Glaubt nicht, dass er sich dafür bedankt hat! Die Erleichterung am anderen Ende der Leitung, mich endlich los zu sein, war förmlich zu hören. Jetzt kandidieren in meiner Wahlgruppe wieder zwei Männer. Endlich ist wieder alles gut.

Die einzige echte Lösung: Mehr dominante Frauen

Für jede einzelne Frau kann ich die Entscheidung nachvollziehen, sich nicht permanent dieser unangenehmen Klientel auszusetzen. Aber kann das gesamtgesellschaftlich die Lösung sein? Ganz klar: Nein! Wir brauchen endlich den Schutz vor diskriminierender Sprache und diskriminierendem Verhalten überall. Nicht nur an Konzernspitzen. Wir brauchen sexismusfreie und geschlechtergerechte Verbände, Organisationen und Kammern genauso wie Unternehmen. Und nach vielen Gesprächen mit so vielen desillusionierten Frauen kann ich sagen: Solange wir es politisch zulassen, dass der alte weiße Mann alle wichtigen Positionen dieser Gesellschaft besetzt und Frauen wegmobbt – solange wird es keine Gleichberechtigung der Geschlechter geben können. Die Spielbedingungen sind einfach nicht fair.

Deshalb: Wir brauchen eine Quote, die es Frauen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ermöglicht, mitzugestalten. Eine Quote für Verbandsspitzen genauso wie für Kammern und sonstige Organisationen. Erst dann wird dem alten weißen Mann klar werden: Es bringt nichts, die Frauen wegzumobben. Denn wenn er eine los geworden ist, kommt gleich die nächste. Wir müssen endlich überall sichtbar sein und mitentscheiden können: Wir brauchen die Hälfte der Macht. Wir verdienen die Hälfte der Macht.

Jeannine
Jeannine ist eine junge Unternehmerin. Mit Kind. Verrückt. Foto: WJD/Pia Jennert /

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