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Working Mums und Powerfrauen: Die gibt es gar nicht. Credit: Foto: gettyimages/Constance Bannister Corp /

Die Coronapolitik zeigt die riesigen Schwachstellen unserer Politik auf. Unsere Kolumnistin hat die Nase & die Windeln sowas von gestrichen voll.

Durch die Corona-Maßnahmen ist die Wirtschaft geschrumpft, Arbeitsplätze mussten abgebaut werden und viele Jobs stehen auf der Kippe. Was bedeutet das für die Kinderbetreuung und für uns Frauen? Dreht sich das Rad der Gleichberechtigung wieder einmal zurück? Die Politik scheint sich das Modell „Mann geht arbeiten, Frau kümmert sich um die Kinder“ zu Eigen gemacht zu haben bei der Überlegung, wie man mit COVID-19 umzugehen hat. 

Unsere Kolumnistin Jeannine Budelmann spürt die Folgen der Kita- und Schulschließungen gerade doppelt: Sie ist selbst Mutter eines Kita-Kindes. Gleichzeitig führt sie ein mittelständisches Unternehmen. Ihre Mitarbeiterinnen, die Kinder haben, stehen vor den gleichen Problemen.

 Jeannine Budelmann ist Geschäftsführerin eines Elektronik-Unternehmens und stellvertretende Bundesvorsitzende der Wirtschaftsjunioren Deutschland. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Münster.

Kinderbetreuung in Coronazeiten: Hier zeigt sich die Ungleichheit

Kürzlich habe ich einen kritischen Artikel zur Umsetzung der Corona-Kinderkrankentage geschrieben. Dazu erreichte mich eine Mail einer Mitarbeiterin in einem Kindergarten. Ihre Ausbildung zur Erzieherin muss sie vor langer Zeit gemacht haben. Denn dass Eltern ihre Kinder heutzutage tatsächlich tageweise in die Fremdbetreuung geben, um arbeiten zu können, das empfindet sie als „deutliche Fehlentwicklung“. 

Es macht mich traurig, so etwas zu lesen. Wenn ich aber das Gefühl bekomme, dass genau dieses Frauenbild seit einem Dreivierteljahr den Hintergrund sämtlicher Corona-Maßnahmen im Bereich Schule und Kita bildet, dann werde ich wütend. Ich erinnere mich noch an die „guten, alten Zeiten“! So lange sind die nicht her: Ich selbst war früher eines dieser vermeintlich privilegierten Kinder, die vormittags für ein paar Stunden in den Kindergarten gehen konnten (U3-Betreuung gab es damals noch nicht) und deren Mutter sich nachmittags immer wieder neue Dinge überlegen musste, mit denen sie ihre drei Kinder bei Laune hielt. 

Meine Mutter wollte aus tiefstem Herzen Kinder haben. Sie hatte aber auch ein erstklassiges Abitur gemacht und studiert. In ihrem Beruf zu arbeiten, wäre für sie auch damals wichtig gewesen. Genauso wie es auch heute für Mütter wichtig ist, sich finanziell abzusichern und Rentenansprüche zu erarbeiten. War die Zeit zu Hause mit meinen Brüdern schlecht? Natürlich nicht. 

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Wie damals: Wenn du in Corona Kinder hast, bist du ziemlich auf dich allein gestellt.(Photo: gettyimages/Universal History Archive)

Freie Wahl beim Familienmodell?

Aber es wäre für meine Mutter sehr viel erfüllender gewesen, wenn sie sich frei für dieses Modell hätte entscheiden können. Oder eben auch dagegen. Und es wäre für sie sicherlich das beste gewesen, wenn sie tatsächlich eine gute Kinderbetreuung gehabt hätte, die es ihr ermöglicht hätte, Mutter zu sein und gleichzeitig in einem Angestelltenverhältnis zu arbeiten. 

Hätte es uns geschadet, wenn unsere Mutter beruflich zufrieden gewesen wäre und stolz auf sich, wenn sie nach einem erfüllten Arbeitstag nach Hause gekommen wäre? Sicherlich nicht. 

Selbst im Jahr 2021 kämpfen wir immer noch gegen ein längst überholt geglaubtes Frauenbild: Kinder, zumal kleine, gehören zu ihren Müttern. Basta. Auch bei politischen Entscheidungsträgern scheint die Meinung vorzuherrschen, dass sich eine kurzfristige Einschränkung von Bildungsangeboten im Schul- und Kitabereich nicht auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unseres Landes auswirken sollte: 

Die paar Mütter, die nebenbei noch ein bisschen arbeiten, machen den Kohl sicherlich nicht fett. Falsch gedacht! In Deutschland haben 20% der Arbeitnehmer: innen Kinder unter 11 Jahren. Eine Änderung in der Kinderbetreuung betrifft also potentiell jeden fünften Arbeitsplatz! Viel schlimmer noch erscheint die Lage, wenn man sich genauer ansieht, wer besonders betroffen ist: 

90% der erwerbstätigen Alleinerziehenden mit jüngeren Kindern sind Frauen. Die Reduzierung von Betreuungsangeboten oder die Schließung von Schulen bedeutet für diese Frauen, dass sie nicht arbeiten können. Das ist einer der Gründe, warum der Faktor „alleinerziehend“ ein wesentliches Armutsrisiko ist.

Frauenbild? Kinder betreuen & bitte auch alles andere machen

Eine Bekannte schrieb unter den gleichen Artikel, zu dem sich auch die Erzieherin äußerte: „Bei uns ist die 50er Jahre Version eingetreten: mein Mann arbeitet nicht weniger als vorher, während ich im Juli meinen Teilzeitjob verloren habe und nun in schönster Hausfrauen-Manier den Alltag mit Homeschooling, einem weiteren Kind und den gesamten Haushalt schmeiße. 

Meine kleine Firma, mit der ich 2020 durchstarten wollte? Muss dann wohl mal warten…“ Ein Paradebeispiel: Die Erwerbstätigenquote unter Eltern liegt bei Männern bei 83%, bei Frauen nur bei 47%. Das alleine zeigt schon ein drastisches Gefälle zwischen den Geschlechtern. Die aktuellen Debatten, bei denen immer wieder impliziert wird, die Frauen könnten es schon richten. 

Mit der Kinderbetreuung und Beschulung werden sich die Zahlen in naher Zukunft noch verschärfen. So geht es nicht mehr weiter! Die Schließungen von Kitas und Schulen führen nicht nur dazu, dass Kinder weniger Bildung und weniger Sozialkompetenz erlangen. Sie führen nicht nur dazu, dass Eltern physisch und psychisch weit über ihre Grenzen hinaus belastet werden. Sie führen auch dazu, dass Eltern als Arbeitnehmer weniger attraktiv sind als Menschen ohne Kinder. 

Schließlich muss sich gerade der gesamte Betrieb nach ihnen richten und in vielen Fällen ist das einfach nicht möglich. Ganz davon abgesehen, dass wir Eltern mit dieser Überlastung nicht mehr die gleiche Leistung bringen können, wie Menschen, die keine Kinderbetreuung brauchen. 

Nein, diese Maßnahmen führen auch dazu, dass viele Jahre lang erkämpfter Veränderungen für die Chancengleichheit von Frauen und Männern verloren gehen. Frauen mit Kindern werden durch diese Politik zum Heimchen am Herd degradiert, auf deren Arbeitskraft man eben notfalls auch verzichten kann.

Liebe Ministerpräsidenten, liebe Kanzlerin! Ich bin sehr gerne bereit, die wertvolle Erfahrung des Arbeitens mit Kleinkind mit Ihnen zu teilen. Meine Tochter sagt, sie freut sich, wenn sie eine Woche bei Ihnen im Homeoffice sein darf. Dann sieht sie endlich wieder etwas anderes. Für den Fall, dass das mit dem Arbeiten bei Ihnen dann nicht ganz so gut klappen sollte: Nehmen Sie doch einfach ein paar Kinderkrankentage. Wie? Sie sind privat versichert und haben gar kein Anrecht darauf? Upps…

Jeannine
Jeannine ist eine junge Unternehmerin. Mit Kind. Verrückt.(Photo: WJD/Pia Jennert)

Noch mehr von Jeannine?

Unsere Kolumnistin Jeannine schreibt für wmn aus der Perspektive einer Karrierefrau mit Kind in einer sehr männerdominierten Branche. Sie schreibt unter anderem darüber, wie man sich als Frau mit Kind in der Arbeitswelt durchsetzt. Außerdem macht sie uns klar, warum ein Weiberabend nicht das gleiche wie ein Kaffeekränzchen ist. Sexismus am Arbeitsplatz ist auch ein Thema, das Jeannine persönlich tangiert und interessiert.