Am Montag stellten zwei Soldaten in der „Höhle der Löwen“ die Pinky Gloves vor: Hygienehandschuhe zum Entfernen und Verpacken von Tampons. Eine gut gemeinte Idee, die horrend falsch umgesetzt wurde und zurecht als Periodshaming verurteilt wird. Was haben die Gründer falsch gemacht?

Ein Kommentar über Männer als Problemlöser, das richtige Branding und den Unterschied zwischen Sympathie und Empathie.

Die Pinky Gloves bei der „Höhle der Löwen“

Die Höhle der Löwen läuft inzwischen in der achten Staffel und als fleißige Zuschauerin habe ich mich längst damit abgefunden, dass die wirklich sinnvollen Erfindungen keine Investor:innen finden. Stattdessen wird oft lieber ein Jahr lang Geld aus einem Gimmick gescheffelt, dessen Nutzen fragwürdig ist. Aber am Montag ist mir wirklich die Kinnlade runtergeklappt, als ich für die aktuelle Folge DHDL recherchiert habe. Das ist passiert:

Die zwei Soldaten und selbst ernannten „Frauenversteher“ André Ritterswürden und Eugen Raimkulow erzählen in der Höhle der Löwen, dass sie lange mit Frauen in einer WG gelebt haben und nun sogar verheiratet sind. Da sie das direkt zu Experten in Frauendingen macht, ist ihnen ein großes Problem aufgefallen:

Die Höhle der Löwen pinky tampons entsorgen
Die Jungs von Pinky wollen bei „Höhle der Löwen“ die Art Tampons zu entsorgen zu revolutionieren. Credit: TVNOW / Frank W. Hempel

Menstruierende entsorgen ihre Tampons mit Klopapier im Mülleimer. Das stinkt und sieht eklig aus. Und wenn es keinen Mülleimer gibt, gibt es ja gar keine Möglichkeit zur Entsorgung. Das musste geändert werden, fanden unsere Helden. So entstand der Pinky Glove: Ein Einmalhandschuh, mit dessen Hilfe man den Tampon entfernt, dann darin einwickelt und verschließt. Mit einem zweiten Handschuh führt man den neuen Tampon ein.

Ralf Dümmel und Nils Glagau wollen investieren. Ralf Dümmel sahnt am Ende den Deal ab. Die Investorinnen Judith Williams und Dagmar Wöhrl sehen nicht genug Potenzial in dem Produkt und Carsten Maschmeyer stellt (zurecht) fest: „Euch fehlt eine Frau im Gründerteam!“.

Shitstorm für die Pinky Gloves #pinkygate

Und nicht nur ich war enttäuscht und sauer über das ehrliche Interesse der Löw:innen. Auch das Netz reagiert entrüstet auf die Pinky Gloves. Darunter auch unsere weekly heroine Lara Larrson und Diana zur Löwen, die sich gegen Periodshaming im Netz stark machen. Mit dem Hashtag #pinkygate (in Anspielung auf den Eurgate) sprechen sie sich gegen das Unternehmen aus.

Was genau haben die Jungs von Pinky Gloves falsch gemacht? Das habe ich mich auch gefragt, denn wenn ich ganz ehrlich bin, vermute ich hier eher Ignoranz als böswilliges Handeln. Aber genau diese naive Ignoranz ist schuld am heutigen Alltagssexismus und Phänomene wie Mansplaning, Periodshaming, der Pink Tax und Co.

Anmerkung der Redakteurin: Ich möchte keine menstruierende Person dafür verurteilen, dieses Produkt zu kaufen. Sicherlich kann es in einigen Situation hilfreich sein. Die Entscheidung liegt ganz bei dir. In diesem Artikel empfehlen wir dir aber auch ähnlich hilfreiche und weitaus preiswertere Entsorgungshelfer.

1. Fehlende Expertise in „Frauendingen“

Man(n) muss nicht selber menstruieren, um auf diesem Gebiet ein Profi zu sein. ABER: Man(n) braucht Expertise. Diese bekommt man von Gynäkolog:innen, Forscher:innen oder indem repräsentative Studien durchgeführt oder recherchiert werden.

Diese Expertise fehlt im zwei Mann starken Gründerteam komplett. Weder beim Pitch noch auf ihrer Homepage weisen sie auf die Zusammenarbeit mit Expert:innen hin. Das „große Tamponproblem“ ist also ein Ergebnis von Umfragen im eigenen Umfeld.

2. Sympathie statt Empathie

Und genau da kommt der zweite Punkt ins Spiel: Die Höhle der Löwen-Kandidaten hören von einem „Problem“, zeigen Sympathie und schaffen eine vermeidliche Lösung ran. Es ist aber ein Unterschied, eine Lösung für stinkende Badezimmer-Mülleimer finden zu wollen, oder für Menschen, die nun mal ihre Periode haben. Wäre Letzteres das Ziel gewesen, wäre das Einbeziehen mindestens einer Person, die Erfahrung mit dem Thema Menstruation hat, unumgänglich gewesen. Hierin liegt der Unterschied eines gut gemeinten Rates auf Basis von Sympathie und eines hilfreichen Lösungsvorschlages auf Basis der Empathie. Das Video erklärt dieses Phänomen sehr gut.

— Nicki Oebel (@philomina_) April 14, 2021

2. Sympathie statt Empathie

Und genau da kommt der zweite Punkt ins Spiel: Die Höhle der Löwen-Kandidaten hören von einem „Problem“, zeigen Sympathie und schaffen eine vermeidliche Lösung ran. Es ist aber ein Unterschied, eine Lösung für stinkende Badezimmer-Mülleimer finden zu wollen, oder für Menschen, die nun mal ihre Periode haben. Wäre Letzteres das Ziel gewesen, wäre das Einbeziehen mindestens einer Person, die Erfahrung mit dem Thema Menstruation hat, unumgänglich gewesen. Hierin liegt der Unterschied eines gut gemeinten Rates auf Basis von Sympathie und eines hilfreichen Lösungsvorschlages auf Basis der Empathie. Das Video erklärt dieses Phänomen sehr gut.

Echte „Problemlöser“ hören zu, zeigen Mitgefühl und verstehen, dass das Problem nicht ist, dass mal ein blutiger Tampon im Müll liegt. Das Problem daran ist, dass Menstruierende eine Scham dafür eingeredet wird, dass die Periode als unsauber gilt, wir sie deshalb verstecken wollen und dass an vielen Orten nicht an uns gedacht wird. Privat wie öffentlich und das, obwohl knapp 50 % der Weltbevölkerung irgendwann menstruiert.

3. Das Wording

Und damit folgt schon der dritte Kritikpunkt an unserem Problemlöser-Duo. Denn was den Pitch der beiden Pinky Gloves-Gründer wirklich unangenehm gemacht hat, ist ihre Wortwahl: Sie finden benutzte Tampons eklig, wollen sie nicht sehen, titulieren sich gleichzeitig als „Frauenversteher“ und unterstützen mit ihrem Shaming genau das Problem, welches sie doch eigentlich zu lösen gedenken.

— Frau Schnecke 🐌 (@FrauSchnecke) April 14, 2021

3. Das Wording

Und damit folgt schon der dritte Kritikpunkt an unserem Problemlöser-Duo. Denn was den Pitch der beiden Pinky Gloves-Gründer wirklich unangenehm gemacht hat, ist ihre Wortwahl: Sie finden benutzte Tampons eklig, wollen sie nicht sehen, titulieren sich gleichzeitig als „Frauenversteher“ und unterstützen mit ihrem Shaming genau das Problem, welches sie doch eigentlich zu lösen gedenken.

„Gleichzeitig kann Frau unangenehme Gerüche, Bakterien und Keime im Mülleimer vermeiden und die gebrauchten Tampons vor den Blicken der Anderen bewahren.“ – Pinky Gloves Website

Ja, benutzte Tampons sind nicht der schönste Anblick der Welt. Aber was ist schon ansehnlich, was im Müll landet? Verpacken wir benutzte Kondome oder vergammeltes Essen, damit uns dessen Anblick nicht stört? Richtig. Aber wehe man(n) muss sich mit der Periode im heimischen Badezimmer befassen. Und genau dieser unterschwellige Tonus, der uns weiß machen will, dass die Periode eklig ist, ist Periodsshaming.

4. sexistisches Branding

Klar, dass ein Produkt für Frauen pink ist und glänzen muss. Diese Art von Branding ist wirklich nicht mehr zeitgemäß, da steuern auch die wild zusammen gewürfelten Stockbilder nichts Hilfreiches bei. Noch unpassender ist der Name: Pinky.

— Bibi | Bib(l)iotheca🌜#litcamp21 (@_Bibiotheca_) April 13, 2021

4. sexistisches Branding

Klar, dass ein Produkt für Frauen pink ist und glänzen muss. Diese Art von Branding ist wirklich nicht mehr zeitgemäß, da steuern auch die wild zusammen gewürfelten Stockbilder nichts Hilfreiches bei. Noch unpassender ist der Name: Pinky.

Wer des Englischen mächtig ist, weiß, dass Pinky den kleinen Finger bezeichnet. Was hat dieser mit den Handschuhen zu tun? Richtig. Nichts. Es wird vielmehr auf die pinke Farbe angespielt. Übrigens nicht wirklich diskret. Grau wäre WIRKLICH im Müll untergegangen, aber PINK? Aber hey, wir Frauen lieben ja pinke Sachen.

5. Noch mehr Müll, aber „nachhaltig“

Es entsteht unglaublich viel Müll durch die Periode. Produkte wie die Menstruationstasse, Menstruationsunterwäsche oder waschbare Slipeinlagen kämpfen bereits dagegen an.

Denn: Benutzte Tampons und Slipeinlagen können so natürlich sein, wie sie wollen, sie landen trotzdem im Restmüll. Und damit auch jegliches „Zubehör“. Der Pinky Glove aus der Höhle der Löwen ist zusätzlicher Müll, der weitaus schlechter für die Umwelt ist, als unser alter „Klopapier-um-den-Tampon-Trick“.

Zusätzlich zur aufwendigen Pappschachtel ist noch einmal jeder Handschuh einzeln verpackt. Da hilft es auch nicht, dass der Handschuh aus Recyclingmaterial ist. Sich dann auch noch als „nachhaltiges“ Unternehmen zu branden, weil dadurch weniger Tampons in der Natur oder im Klo landen ist eine Frechheit. Sollte das wirklich der Fall sein, dann fehlen Studien dazu.

6. Fehlende Inklusivität

Auf der Pinky Gloves-Website werden explizit und ausschließlich Frauen angesprochen. Dass es andere Menschen gibt, die menstruieren, ist den beiden Gründern bei ihrer tiefgreifenden Recherche nicht aufgefallen.

7. Die Pink Tax auf den Pinky

An sich klingt der Preis für die Pinky Gloves gar nicht so hoch: Für 24 € gibt es eine Packung mit 96 Gloves. Das macht knapp 25 Cent pro Handschuh. Ein vergleichbares Unternehmen ist der Fab Little Bag. Hier gibt es für 24 € 125 Tütchen, also 19 Cent pro Tüte.

Aber beide Unternehmen sind immer noch extrem teuer im Vergleich zu Einmalhandschuhen oder Tamponbeuteln aus der Drogerie. Bei dm kosten 50 Tamponbeutel 95 Cent, also weniger als 2 Cent pro Beutel. Latexhandschuhe gibt es ab 11 Cent pro Stück.

Bei kleinen Preisen fällt der Unterschied weniger auf, aber wir sollen doppelt so viel wie für einen normalen Latexhandschuh zahlen – wegen eines Klebverschlusses und der rosa Farbe? Die Menstruation shamen und damit Geld verdienen: Das klingt nach einem super Businessplan.

Hie kann man begründet von der Pink Tax sprechen. Mehr dazu erfährst du hier.

8. Die fehlende Lösung des „Problemlösers“

Der Pinky Gloves präsentiert sich als Problemlöser und auf den ersten Blick ist er durchaus praktisch. Aber macht es für uns Menstruierende einen Unterschied, ob wir eine normale Tüte mit benutztem Tampon in der „Handtasche“ mit uns herumtragen oder einen Pinky Glove? Lästig ist es trotzdem, dass es nicht überall Mülleimer gibt. Wie wäre es denn mal mit einem Businessplan zu dieser Problematik? Here we go:

— Einhornkadaver (@Einhornkadaver) April 13, 2021

8. Die fehlende Lösung des „Problemlösers“

Der Pinky Gloves präsentiert sich als Problemlöser und auf den ersten Blick ist er durchaus praktisch. Aber macht es für uns Menstruierende einen Unterschied, ob wir eine normale Tüte mit benutztem Tampon in der „Handtasche“ mit uns herumtragen oder einen Pinky Glove? Lästig ist es trotzdem, dass es nicht überall Mülleimer gibt. Wie wäre es denn mal mit einem Businessplan zu dieser Problematik? Here we go:

Hilfreiche Lösungen wären:

  • Mülleimer (und Hygienebeutel) in allen öffentlichen und privaten Toiletten, die von Menstruierenden genutzt werden.
  • Enttabuisierung der Periode, damit kein menstruierender Mensch sich mehr schämt, nach einem Mülleimer zu fragen in privaten Haushalten.
  • Alternativen zu Tampons, die keinen Müll verursachen.
  • Hygienische Sanitäranlagen. Überall.

Aber ein pinker Handschuh wird es sicher auch richten. Die Hygienebeutel, die es schon seit Jahren gibt, übersehen wir jetzt einfach mal. Sie sind ja auch nicht pink.

9. Männer, die Männer feiern

Eigentlich hätten die männlichen Löwen stutzig werden sollen, als Judith Williams freundlich ablehnte und Dagmar Wöhrl ungläubig auf den Handschuh starrte, als sie erfuhr, dass man darin den benutzten Tampon herumtragen soll. Carsten Maschmeyer hat es richtig gemacht und nach der fehlenden weiblichen Unterstützung im Team gefragt und sich zurückgezogen.

— Kirschlutscher (@kirschlutscher) April 13, 2021

9. Männer, die Männer feiern

Eigentlich hätten die männlichen Löwen stutzig werden sollen, als Judith Williams freundlich ablehnte und Dagmar Wöhrl ungläubig auf den Handschuh starrte, als sie erfuhr, dass man darin den benutzten Tampon herumtragen soll. Carsten Maschmeyer hat es richtig gemacht und nach der fehlenden weiblichen Unterstützung im Team gefragt und sich zurückgezogen.

Das kann man von Ralf Dümmel und Nils Glagau nicht behaupten. Die die beiden loben die Pinky Gloves-Gründer in den Himmel für ihre tolle Erfindung. Zwei Männer, die so präsent in den Medien sind, hätten den Shitstorm riechen müssen. Traurig.

Außerdem werde ich das Gefühl nicht los, dass nicht „Frauenprobleme“ mit dem Produkt gelöst werden, sondern vielmehr ein „Männerproblem“. Denn es scheint, als dass sie sich besonders von unserer Periode gestört fühlen. Sorry, aber ohne gäbe es uns alle nicht!

Der Pinky versus ooia bei „Die Höhle der Löwen“

Nicht direkt ein Kritikpunkt, aber ein Denkanstoß: Erinnert sich noch jemand an die ooia-Gründerinnen (damals noch ooshi)? Die beiden Frauen haben als erste Marke Menstruationsunterwäsche made in Germany hergestellt und einen großen Beitrag zur Aufklärung über die Periode geleistet.

Damals gab es lediglich ein Angebot von Judith Williams, welches aber nicht den Vorstellungen der Gründerinenn entsprach. Die männlichen Investoren zeigten vages Interesse, sahen aber zu viel Aufklärungsarbeit, zu wenig Identifizierungspotenzial und zu wenig Umsatz.

Auf Instagram äußern die ooia-Gründerinnen ihren Frust darüber, dass ein wirklich innovatives und empowerndes Produkt abgelehnt wird, stattdessen aber ein Gimmick, welches besonders Männer vor „unangenehmen Überraschungen“ bewahrt, sofort angenommen wird.

Hätten Männer es überhaupt richtig machen können?

Hier spalten sich sicherlich die Geister, doch ich bin fest davon überzeugt, dass genau dieses Produkt in der richtigen Präsentation völlig in Ordnung gewesen wäre. Die beiden Männer hätten ihr Branding auf Empowerment statt auf Shaming ausrichten können, sich Expert:innen für mehr Glaubwürdigkeit ins Boot holen sollen und über ihr Produkt auf die echten Probleme der Tampon-Entsorgung aufmerksam machen müssen.

Dass das geht, beweist die Gründerin von Fab Little Bags 🛒, dem einzigen vergleichbaren Produkt auf dem deutschen Markt: Fab Little Bags wirbt mit ihrer Mission für die Umwelt und mehr Freiheit während der Periode. Die Beutel sind umweltfreundlicher dank geringerem Plastikanteil und die Firma klärt zusätzlich über Periodenmythen auf.

Das Statement der Pinky Gloves-Gründer

Inzwischen haben die Pinky Gloves-Gründer Stellung genommen und sehen ein, dass sie mit der Thematik nicht richtig umgegangen sind. Gleichzeitig freuen sie sich über die Aufmerksamkeit, die das Thema Periode nun bekommen hat. Ja, typischer Whataboutism.

ABER: Sie können daraus lernen. Sie können die Chance nutzen und mit ihre Produkt und der Aufmerksamkeit, echte Probleme angehen und gute Expert:innen ins Team zu holen.

Anmerkung der Redaktion: An dieser Stelle möchten wir alle Leser:innen bitten, bei konstruktiver Kritik zu bleiben und sich NICHT an Mobbing und Hetze im Netz zu beteiligen. Handelt fair!

Fazit: Der Pinky Glove zeigt, was immer noch falsch läuft in der Gesellschaft

Die beiden Pinky-Gründer und auch Ralf Dümmel haben sicherlich in gutem Glauben gehandelt, Menstruierenden zu helfen. Aber einen Sichtschutz um ein Problem zu bauen, löst es nicht. Es versteckt es nur.

Richtige Innovationen und Problemlöser sehen anders aus und zum Glück gibt es bereits viele tolle Beispiele dafür.