Als Kind bin ich ab und an schlafgewandelt. Einmal habe ich dabei die Süßigkeiten-Schublade leer geräumt und alles daraus in der Küche aufgereiht. Am nächsten Tag wusste ich von nichts. Heute erzähle ich meinem Partner noch ab und an unverständliche Geschichten im Schlaf, aber das kindliche Schlafwandeln gehört zum Glück der Vergangenheit an. Betroffene der Schlafstörung Sexsomnia gehen noch einen Schritt weiter. Sie haben im Schlaf Sex – mit sich selbst oder mit beiliegenden Personen. In diesem Artikel erfährst du, was hinter der Störung steckt und wie gefährlich das Ganze werden kann.

Was steckt hinter der Schlafstörung Sexsomnia?

Im Begriff Sexsomnia stecken die beiden Vokabeln sex und somnia (lat. Träumerei). Doch umfasst der Begriff längst nicht nur Sexträume, sondern bezeichnet eine Schlafstörung, die dem Somnambulismus (Schlafwandeln) sehr ähnlich ist. Betroffene befinden sich im Tiefschlaf, scheinen jedoch wach zu sein, da sie sexuelle Handlungen wie Masturbation, aber auch Geschlechtsverkehr und Oralverkehr im Beisein anderer Personen vornehmen. Auch das erotische Sprechen im Schlaf ist nicht selten. So berichten manche Angehörige, dass ihr:e Partner:in sich im Schlaf im Dirty Talk übt.

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Betroffene können sich am nächsten Morgen in der Regel nicht an ihre sexuellen Handlungen erinnern. Credit: IMAGO / Westend61

Damit gehört die Sexsomnia zu den Parasomnien (Schlafstörungen während des Schlafes) und zur Gruppe der nicht-organischen Schlafstörungen. Betroffene erwachen in der Regel nicht aus ihrer non-REM*-Schlafphase und können sich am nächsten Morgen oft nicht an ihre Handlungen erinnern.

Die Sexsomnia geht mit einer Störung der Motorik einher. Während der REM-Schlafphase ist das motorische Zentrum normalerweise blockiert, sodass Träume, die in dieser Phase besonders häufig stattfinden, nicht ausgelebt werden können. Bei dieser Schlafstörung sind die Muskeln jedoch keinesfalls schlaff.

*REM= Rapid Eye Movement. Diese Schlafphase verdankt ihren Namen den sich schnell hin- und her bewegenden Augen unter den Lidern.

Eine sehr seltene, wenn auch ernst zu nehmende Störung

Erstmalig wurden derartige Fälle 1996 in Kanada vom Leiter der Schlafklinik im Toronto Western Hospital, Colin Shapiro, beschrieben. Umfragen im Zuge einer Studie ergaben hier, dass unter den 832 Patient:innen des Schlafzentrums 7,6 % bereits Erfahrungen mit der Sexsomnia machten. Männer waren dabei drei Mal so häufig betroffen.

Als Ursache der seltenen Schlafstörung wird eine Störung der Hirnströme angenommen. Weder Sexmangel noch besondere sexuelle Vorlieben oder ein ausgeprägter Sexualtrieb sind also an der Störung beteiligt. Die Symptome können durch Drogen, Alkohol, Müdigkeit und Stress verstärkt werden.

Frau schläft
Sexsomnia tritt meist nach einer Weckreaktion auf. Die Symptome könne zudem durch Alkohol und Drogen verstärkt werden. Credit: Betroffene trauen sich häufig nicht, in der Öffentlichkeit einzuschlafen.

Auch weiß die Forschung heute, dass Sexsomnia meist als Folge von Wachreaktionen auftritt. Diese werden zum Beispiel durch kurze Atemaussetzer, wie sie bei der Schlafapnoe auftreten, ausgelöst oder durch Zähneknirschen. Nach diesen Weckreaktionen befinden sich betroffene Schläfer:innen in einem Zustand der Schlaftrunkenheit, in der es nun zum Sprechen im Schlaf oder eben zu besagten sexuellen Handlungen kommen kann.

Wann wird Sexsomnia zum Problem?

Parasomnien treten während des Schlafes auf. Auch wenn der Schlaf durch sie nicht unterbrochen wird, können diese dazu führen, dass der Schlaf weniger erholsam wird. Und das kann auf Dauer fatale Folgen für den Körper haben – immerhin brauchen wir gesunden Schlaf für die Regeneration. Das viel größere Problem liegt allerdings in der Gefahr, die von den Betroffenen auf beischlafende Personen ausgeht.

Schlafen Betroffene einer Sexsomnia allein, ist das in der Regel unbedenklich. Sind während des aktiven Sextraums allerdings andere Personen zugegen, können diese vom Betroffenen attackiert werden. Das führt dazu, dass Betroffene häufig Angst haben, in der Öffentlichkeit einzuschlafen oder bei anderen zu übernachten. Denn während des Schlafes haben sie keinen Einfluss auf ihr Verhalten.

Ihr Bewusstsein ist dann ebenso wie ihre Orientierung erheblich eingeschränkt. Zudem sind auch Veränderungen der Persönlichkeit möglich. Ein sonst ruhiger Partner kann beispielsweise, schlaftrunken wie er ist, plötzlich aggressiv werden und die Partnerin verletzen. Zuletzt besteht auch die Gefahr einer Vergewaltigung. Gerade vor diesem Hintergrund schämen sich zahlreiche Betroffene und haben Angst, man könnte ihnen nicht glauben, dass sie von ihren Taten nichts mitbekommen.

Eine Abgrenzung von einer Vergewaltigung fällt tatsächlich schwer. Denn einen Nachweis dafür, dass die übergriffige Person im Schlaf gehandelt hat, ist kaum zu erbringen.

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Betroffene trauen sich häufig nicht, in der Öffentlichkeit einzuschlafen. Credit: IMAGO / Westend61

Wie bekommt man die seltene Schlafstörung in den Griff?

Sexsomnia gehört zu den Tabu-Themen dieser Gesellschaft. Doch ein Stigma bricht man nur, indem man darüber spricht. Vor allem Betroffene der Sexsomnia, die ihre:n Partner:in oder andere Familienmitglieder in Mitleidenschaft ziehen, sollten sich professionelle Hilfe suchen. Hier wird dann den Ursachen auf den Grund gegangen. In der Regel schlagen solche Therapien verlässlich an.

Manche Betroffene bekommen zum Beispiel ein CPAD-Gerät verschrieben, welches ihnen gegen ihre Schlafapnoe hilft. Andere bekommen eine Beißerschiene, um das heftige Zähneknirschen zu unterbinden. Nach Rücksprache mit einem:r Ärzt:in wird auch Clonazepam verschrieben, welches die nächtlichen sexuellen Aktivitäten ebenfalls einschränken kann.

Sexsomnia beweist, wie wichtig das Thema gesunder Schlaf ist

Es mag zunächst witzig klingen: Da hat jemand Sex im Schlaf und masturbiert im Traum. Für Betroffene ist das Ganze jedoch wenig witzig. Erst recht nicht, wenn sie umstehende Personen dabei verletzen, die gar nicht wissen, wie ihnen im Schlaf geschieht. Betroffene sollten sich daher lieber früher als später Hilfe suchen und ihre Schlafstörungen behandeln lassen – ihrer eigenen (Schlaf-)Gesundheit und anderen Personen zuliebe.

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