Die erste Beziehung ist etwas ganz Besonderes. Oder? Wir neigen dazu, der ersten Liebe besonders viele nostalgische Erinnerungen zu schenken, machen sie aber auch gern für aktuelle Probleme im aktuellen Liebesleben verantwortlich. „Der Mistkerl hat mich traumatisiert“, schimpfen wir bei einem Glas Wein über Tobi, der uns in der zehnten Klasse hat fallen lassen, damit er mehr Zeit für Fußball hat. Deshalb, so unsere Theorie, mögen wir es heute gar nicht gern, wenn uns nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Oder man schreibt Artikel darüber, ob man Vertrauen wieder lernen kann, nachdem man vom ersten Freund, mit dessen besten Freundin betrogen wurde. Gut, das war 2008, aber beste Freundinnen im Leben meines Partners sind auch heute noch ein rotes Tuch – zumal sich meine Skepsis ihnen gegenüber auch seither hier und da wieder bestätigt hat.

Aber wie groß ist der Einfluss unsrer Jugendliebe wirklich auf das spätere Liebesleben? Oder sogar auf die Entwicklung unseres Charakters?

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Macht es im Leben einen Unterschied, ob die erste Beziehung glücklich war oder nicht? Credit: The Valeria Ushakova Collection via Canva.com

Warum die erste Beziehung enttäuschen muss

Die Psychologie sagt, die erste Beziehung habe vor allem eine Aufgabe: Sie nimmt uns die rosarote Brille ab und zeigt uns, dass eine Beziehung deutlich weniger mit High-School Musical zu tun hat, als wir bisher dachten. Ihre Aufgabe ist es, zu desillusionieren. Und das tut sie in den allermeisten Fällen auch zuverlässig.

Das hört sich bitter an, ist aber gut und wichtig. Denn wer einem Beziehungsideal hinterherjagt, wie es uns Hollywood und Taylor Swift vorzugaukeln versuchen, wird nicht nur in seiner ersten Beziehung, sondern sein ganzes Leben lang enttäuscht werden. Mit etwas Glück erfährt man also in seiner ersten Partnerschaft, dass sie dann funktioniert, wenn man sich aufeinander einlässt, aufmerksam ist, Kompromisse eingeht und eine gute Art der Kommunikation entwickelt.

Wer das bereits in seiner ersten Beziehung geschafft hat, lebt vermutlich heute noch mit diesem Glückstreffer zusammen. Die meisten frühen Liebeserfahrungen enden dann doch eher in der Feststellung, dass es an mindestens einem der genannten Punkte heftig hakt. Oder daran, dass er jetzt mit seiner besten Freundin zusammen ist. Jedenfalls tut die erste Beziehung in den allermeisten Fällen spätestens an ihrem Ende weh. Und wenn etwas wehtut, merken wir uns das. Das ist wie mit der Herdplatte, auf die man als Kind genau einmal fasst und dann nie wieder.

Negativerfahrungen in der ersten Beziehung

Herdplatten, beste Freundinnen und eine zu große Fußballbegeisterung gehören durchaus zu den Erfahrungen, die uns prägen und spätere Entscheidungen beeinflussen können. Ein Freund beispielsweise hat bis heute – nennen wir es Vorbehalte – gegen sogenannte Pferdemädchen. Die Liebe zum Reitsport ist für ihn eine waschechte Red Flag. Woher das kommt? Richtig, seine erste Freundin war ein solches „Pferdemädchen“.

Man lernt in der ersten Beziehung aber auch allerlei Hilfreiches über sich selbst. Zum Beispiel, was das eigene Bindungsverhalten betrifft: Bin ich ein eher anhänglicher Beziehungstyp oder fühle ich mich schnell eingeengt? Welche Werte sind mir bei der Partner:innenwahl besonders wichtig? Wie möchte ich mich in einer Beziehung fühlen? Suche ich Abenteuer oder Sicherheit?

Auch auf das Selbstbewusstsein kann die erste Beziehung großen Einfluss nehmen. Es macht gerade für junge Menschen einen deutlichen Unterschied, ob sie verlassen oder verlassen werden. Wird man von der ersten Liebe auch noch gedemütigt, kann das echte Spuren hinterlassen. Aber wie sieht es mit der Charakterbildung aus? Nimmt auch hier die erste Beziehung Einfluss?

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Verlassen oder verlassen werden: ein großer Unterschied für junge Menschen. Credit: pexels/mododeolhar

Verändert die erste Beziehung unsere Persönlichkeit?

„Seit du mit Milan gehst, hast du dich total verändert!“ – Ein bestimmt den meisten jungen Menschen sehr bekannter Vorwurf. Spricht da die Eifersucht aus uns oder unseren Freund:innen, oder ist wirklich etwas dran? Verändert die erste Beziehung unsere Persönlichkeit?

Die jüngste Studie, die ich zu dieser Frage gefunden habe, ist leider schon etwas älter, aber dennoch aufschlussreich: Forschende der Universitäten Kiel und Tübingen haben zwischen 2004 und 2008 die Persönlichkeitsentwicklung von 312 jungen Erwachsenen beobachtet, die während dieser Zeit ihre erste Beziehung eingingen oder Single blieben. Tatsächlich wurden nur geringe Einflüsse der ersten Partnerschaft auf die Persönlichkeit und das Selbstwertgefühl festgestellt.

Fraglich ist hierbei, wie die besagten Beziehungen auseinandergegangen sind. Denn wie gesagt, eine traumatische Erfahrung in der ersten Liebe hat durchaus das Potenzial, späteres Datingverhalten zu beeinflussen. Wobei das natürlich nicht nur auf Erfahrungen zutrifft, die in der ersten Beziehung gemacht werden.

Junge Menschen in Beziehungen sind glücklicher als Singles

Die Studienergebnisse, die in der Fachzeitschrift „Social Psychological and Personality Science“ veröffentlichten wurden, zeigten auch, dass junge Erwachsene in ihrer ersten Beziehung zufriedener sind als Singles. Bei Proband:innen, die erst mit 23 bis 25 Jahren ihre erste Beziehung hatten, wurde außerdem beobachtet, dass sie dauerhaft „emotional stabiler“ blieben als gleichaltrige Singles.

Späte erste Beziehungen prägen uns also mehr als frühe. Das ergibt Sinn, ist man doch mit Mitte 20 schon deutlich weiter in Sachen Selbstfindung und Liebe als mit 16. Man weiß schon besser, worauf man bei der Partner:innenwahl achten sollte. In diesem Sinne mache ich auch gern meiner Freundin Hoffnung, die mit 26 noch nie einen Freund hatte. „Ist doch gut“, sag ich ihr dann – „Du hast dir eine Menge Stress erspart. Den pubertären Psychoterror überspringen und direkt in funktionale Erwachsenenbeziehungen starten, das ist clever!“

Besonders clever kommt sie sich nicht vor, aber dafür hat sie eine Gewissheit, die vielen Menschen in eines Tages unglücklich gewordenen Beziehungen fehlt: Sie weiß, dass sie allein zurechtkommt. Die Gefahr, sich an jemanden zu klammern, der ihr nicht guttut, aus der Angst davor, allein zu sein – die sehe ich bei ihr nicht. Und irgendwie ist es auch beneidenswert, dass sie den Zauber der ersten Beziehung noch vor sich hat.

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