Ich liebe Social Media. Wirklich! Aber Social Media liebt mich nicht. Ständig knallt es mir vor den Latz, dass ich faul, unsportlich, uninspirierend, schlecht eingerichtet und in einer absurd dysfunktionalen Beziehung bin. Wie, du bist 28, unverheiratet und hast noch kein eigenes Start-Up für Fair Fashion gegründet? Oh mein Gott, das Sofa ist sowas von 2015. Und was ist eigentlich mit deinen Poren los? Also bitte! – So redet es mit mir, den ganzen Tag. Leute, zu denen es netter ist, würden das wohl eine toxische Beziehung nennen. Ich muss da raus! Zeit für einen Social Media Detox.

Social Media Detox: Schluss jetzt damit!

Gerade einmal eine Woche ist es her, dass ich die Instagram-App von meinem Smartphone verbannt habe. Facebook folgte einen Tag später. Für TikTok bin ich zu alt und für Twitter zu verletzlich, deshalb gab es nur diese beiden Baustellen. Meine Konten gibt es natürlich noch. Ich will mich in diesem Leben schließlich noch mal in irgendeinem Onlineportal anmelden oder einen Job bekommen. Aber ich brauchte dringend eine Pause. Und ich merke bereits jetzt: Das Social Media Detox wirkt!

Was sind meine Probleme mit Instagram und Co.? Nun ja, da wäre zum einen der Prokrastinationsfaktor. Hätte ich meine absurd hohe Bildschirmzeit für meine Masterarbeit verwendet, könnte ich jetzt schon auf die Doktorarbeit upgraden. Das viel größere Problem sehe ich aber in dem, was mein Gehirn während dieser Zeit aufnimmt.

Social Media Detox
Wie soll man glücklich werden, wenn es immer noch besser geht? Foto: Pexels/ Mikotoraw Photographer

„Ich will das haben!“

Was von findigen Influencerinnen als kreative Fashion-Inspiration gemeint (oder getarnt – Auslegungssache) ist, wird von meinem Kopf folgendermaßen aufgenommen: Ich will das haben. Kauf das. Das ist teuer, aber kauf es trotzdem. Damit es wie der ganze andere Mist im Schrank hängt und du Marie Kondo fragen kannst, wieso du so viele Klamotten besitzt.

Eine ähnliche Wirkung haben Interior-Accounts auf mich. Das war dann auch der finale Grund für den Social Media Detox. Denn ich liebe meine Wohnung. Altbau, Balkon, mit viel Passion eingerichtet. Aber natürlich kann sie nicht mit diesen Stuck-Palästen auf Instagram mithalten, die so viel Platz bieten, dass überall völlig funktionsfreie Designervasen in der Ecke stehen. Statt mich also mit meiner für meine Lebenssituation (Studentin, ledig, teilzeitarbeitend) Top-Bude glücklich zu schätzen, begann ich Abend für Abend Sofas für mehrere Tausend Euro zu googlen und frustriert zu sein, dass ich weder Geld noch Platz dafür habe.

Was Drohnen mit Liebe zu tun haben

Etwas, das ich auch nicht habe, ist eine perfekte Beziehung. Nein, ich bekomme keine 300 Rosen zum Valentinstag, mit denen ich dann samt meines matching Kaschmir-Joggingsanzuges in der Designerküche posiere. Nein, wir fliegen nicht fünf Mal im Jahr auf die Malediven und lassen eine Drohne filmen, wie wir händchenhaltend am Strand spazieren gehen. Und verdammt noch mal nein, ich habe keinen Heiratsantrag in einem Rooftop-Restaurant in Miami bekommen!

Ich halte mich für klug genug, auf Instagram zur Schau Gestelltes von der Realität unterscheiden zu können. Denn ich weiß, dass es Apps wie Facetune gibt, was der richtige Filter und Lichteinstellungen bewirken und wie Weitwinkelfotografie funktioniert. Ich weiß auch, dass die Rosen-Malediven-Pärchen nicht halb so glücklich sind, wie sie es für ihre Kooperationen sein müssen. Wieso der Social Media Detox, wenn ich das doch alles weiß?

Perfekt, perfekt, perfekt – Ich bin dann mal weg! Foto: Pexels/ Nastasia Shuraeva

Wieso wir alle einen Social Media Detox brauchen

Weil ich auch weiß, dass all diese Bilder, Eindrücke und Emotionen Einfluss auf mich haben. In manchen Bereichen passiert das unterbewusst. Nämlich, wenn ich – trotz des Wissens über den schönen Schein – mir wünsche, in meiner Beziehung sei auch alles so super romantisch. Oder wenn ich, obwohl ich mit mir und meinem Körper zufrieden bin, grübele, wie viel Sport eine Caro Daur am Tag wohl so macht.

Dazu kommt der massive Einfluss auf mein Kaufverhalten. Menschen, die so werbeanfällig sind wie ich, sollten ein generelles Social Media Verbot bekommen. Ich will die Umwelt schützen, bestelle aber so viele Klamotten und Dekosachen online, dass ich wahrscheinlich auch zwei Inlandsflüge pro Woche antreten könnte. Dann stelle ich fest, dass die Sachen an mir nicht so toll aussehen wie an 1,80 Meter großen Influencerinnen und schicke alles wieder zurück. Well done.

Ich resümiere: Durch den Social Media Detox hoffe ich weniger Sachen kaufen zu wollen und weder mich, meine Beziehung noch meine Wohnung mit anderen zu vergleichen. Nach einer Woche schon fühle ich mich tatsächlich etwas glücklicher, irgendwie weniger gehetzt. Und ich bin netter zu meinem Freund. Ich bin auch netter zu mir selbst. Und zu meinem Sofa. Ich mag das alles hier, ich mag es so wie es ist. Vielleicht ist meine imperfekte, filterlose Realität am Ende eben doch perfekt.

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