Machen wir es kurz und schmerzlos: Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn sich der eigene Partner in einen anderen Menschen verliebt hat. Und ich weiß aufgrund der damaligen Reaktionen im Freundeskreis und dessen, was die Filmindustrie gern aus solchen Geschichten macht, dass das für die meisten Beziehungen das Ende bedeutet. Und deshalb möchte ich heute darüber sprechen, was es wirklich bedeutet, wenn man sich in einer Beziehung fremdverliebt hat.

Was passiert, wenn sich der Partner fremdverliebt

„Man verliebt sich nicht in jemand anderes, wenn man in seiner Beziehung glücklich ist.“ – dieser Satz spukte mir wochenlang im Kopf herum, nachdem ich erfahren hatte, dass sich mein damaliger Freund fremdverliebt hatte. Verlassen hat er mich nicht deshalb, im Gegenteil. Er habe Freundschaft mit Liebe verwechselt und wüsste nun umso mehr, wie sehr er mit mir zusammen sein wolle.

Ich würde lügen, würde ich sagen, dass ich nicht sehr verletzt war. Dass meine Welt auf dem Kopf stand und ich alles, was zwischen uns war, infrage gestellt habe. Aber darum soll es heute nicht gehen. Ich will viel mehr darüber sprechen, wie sich während meiner Verarbeitungsphase meine Einstellung zum Thema Fremdverlieben verändert hat. Schnell habe ich anfangen, mich zu fragen: Ist man wirklich „geschützt“ davor, sich fremd zu verlieben, nur weil man schon vergeben ist? Und warum ist diese Art der Verliebtheit eigentlich so ein riesiges, alles veränderndes Tabu, das für so viele Beziehungen das Ende bedeutet?

Wenn sich der Partner fremdverliebt hat, tut das in erster Linie einfach nur weh.

Wo die Liebe hinfällt …

Die meisten Menschen würden spontan wohl sagen, dass für sie emotionaler Betrug, also der eigenen Fremdverliebtheit nachzugeben, unverzeihlich sei. Ich habe mit Überraschen festgestellt: Ich sehe das anders. Denn ob, wann und in wen man sich verliebt, lässt sich doch überhaupt nicht steuern. Klar, man kann der Person aus dem Weg gehen, um Schlimmeres zu verhindern. Aber ist das der Sinn und Zweck von Liebe? Dass man sich für immer an eine bestehende Beziehung klammert, auch wenn man gar nicht mehr so glücklich ist?

Natürlich gibt es da diese Idealvorstellung von Beziehung, in der man sich kennenlernt, verliebt und für den Rest des Lebens nur noch Augen füreinander hat. Aber kann ein solches Liebes-Konzept der Realität standhalten? Meine eigene Erfahrung (und die vieler, vieler anderer Paare) spricht dagegen. Da ich aber noch neu auf dem Gebiet war und meine Gedanken nicht einordnen konnte, habe ich mir den Rat einer Expertin geholt. Aino Simon ist Beziehungscoach und hat in ihrem Job immer wieder mit Paaren zu tun, bei denen sich einer von beiden fremdverliebt hat.

Für sie liegt das „Problem“ nicht in dem Umstand, dass sich jemand fremdverliebt hat. Sondern kompliziert werde es immer dann, wenn die Menschen nicht wissen, wie sie mit diesen Gefühlen umgehen sollen. Denn Verknalltsein an sich ist doch eigentlich etwas total Schönes. Und es ist menschlich. Dennoch ist es ein riesiges Tabu, weshalb sich Fremdverlieber oft wahnsinnig schlecht fühlen und das Bedürfnis haben, ihre Gefühle zu verheimlichen.

Der kleine aber feine Unterschied zwischen Verliebtheit und Liebe

Auch mein Partner damals war der festen Überzeugung, dass ich ihn augenblicklich vor die Tür setzen würde, würde er mir von seinen Gedanken erzählen. Dabei vergessen wir ganz oft, dass Verliebtheit und Liebe nicht dasselbe ist. Wir verlieben uns ständig. Ganz ehrlich! Wer hatte denn noch nie einen Kommilitonen, den man sich in seine eigene Arbeitsgruppe gewünscht hat, damit man ihn auch nach Unischluss sehen kann? Wer hat noch nie weiche Knie bei der neuen Freundin eines Kumpels bekommen, weil sie wunderschön war und witzig und einfach toll?

Der springende Punkt, so Aino Simon, ist: Verliebtheit geht in den allermeisten Fällen auch wieder vorbei. Also kann man das Gefühl, es ist nämlich ein sehr schönes, auch einfach als solches annehmen und genießen. Schwierig wird es, wenn der Fremdverliebte anfängt, sein Handeln nach diesen (vermeintlich verbotenen) Gefühlen auszurichten. Das ist der Moment, wenn der Betrug anfängt. Wer unbedingt aktiv werden will, um zu sehen, was das mit dem oder der anderen sein könnte, muss in seiner bestehenden Beziehung ehrlich sein. Und ja, das Risiko besteht, dass er am Ende allein da steht. Aber man kann nun mal nicht alles haben.

Aus Fremdverliebtheit kann auch die große Liebe werden. Credit: Pexels/ Ron Lach

Manchmal wird aus Fremdverknalltheit die große Liebe – manchmal aber auch nicht

Wer sich fremdverknallt hat, sollte in erster Instanz beobachten, was diese neuen Gefühle mit ihm machen. Geht die Verknalltheit vorbei, hatte man eine schöne Zeit mit ein paar Schmetterlingen im Bauch und ist sich am Ende um so sicherer, mit dem eignen Partner den richtigen Menschen an seiner Seite zu haben. Die Entscheidung für einen Menschen kann nicht verbindlich für das ganze Leben getroffen werden, aber man kann sie immer wieder erneuern. Am Ende beruhen glückliche Beziehungen auf der immer wieder getroffenen Entscheidung füreinander – und nicht auf „Naja, jetzt sind wir halt verheiratet, jetzt is‘ halt so.“

Wir verändern uns im Laufe unseres Lebens und unsere Partner ebenfalls. Am Ende ist doch die Frage, was im Leben wirklich zählt: das Scheinideal einer lebenslangen Beziehung, die nie auf die Probe gestellt wurde und in der nie Fehler gemacht wurden? Oder ist es nicht vielmehr die Freiheit, mit dem Menschen zusammen zu sein, für den man sich aus ganzem Herzen entschieden hat? Ich jedenfalls habe meinen Frieden mit dem Thema geschlossen und sollte ich mich eines Tages einmal fremdverlieben, werde ich aus meiner eigenen Geschichte gelernt haben.

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