Wenn man ans Loslassen in Beziehungen denkt, drängt sich oft der Gedanke an Trennung auf. Darum soll es hier aber nicht gehen. Ganz im Gegenteil: Wir zeigen dir, wie du durch loslassen lernen deine Beziehung retten kannst.

Das Ding mit Partner:innen, die einen wahnsinnig machen

Ich bin seit über sechs Jahren in einer Beziehung und die Liste an Dingen, die ich an meinem Partner gerne ändern würde, wächst von Tag zu Tag. Er ist zu unromantisch, schenkt zu selten Blumen, spielt zu viel Golf, fährt zu oft mit den Jungs in den Urlaub, raucht zu viel, lacht zu laut über die Witze dieser einen Kollegin, ständig liegen seine Sachen rum, kann er eigentlich mal die Küche aufräumen oder was soll das eigentlich, dass er immer schon unsere Serie anfängt, obwohl ich noch nicht im Raum bin?!

Die Streits, die wir wegen dieser Themen schon geführt haben, sind endlos. Jetzt ist die Frage: Beharre ich auf meiner Meinung und suche mir jemanden, der mehr meinen Erwartungen entspricht? Oder beschäftige ich mich damit, warum mich all diese Dinge so sehr aufregen? Weil mir viel an ihm liegt und weil dieser Artikel andernfalls keinen Sinn ergeben würde, entscheide ich mich für Letzteres.

Paar
Überall liegen seine Socken rum, aber ihn deshalb verlassen? Natürlich nicht! Foto: Getty Images/ Maskot /

Loslassen lernen mit The Work: Verabschiede dich von deinen Erwartungen

Was sich auf den ersten Blick liest wie der Rat an alle Töchter der 5oer-Jahre, soll natürlich nicht bedeuten, auf Teufel komm raus an toxischen Beziehungen festzuhalten. Aber der Rat ist doch radikaler als das, was man als moderne Frau von seinem eigenen Selbstverständnis gewohnt ist. Denn anstatt darauf zu pochen, jedes Recht der Welt auf die eigene Meinung zu haben, steht hier das Recht des anderen auf seine Meinung im Vordergrund.

Aber wer sagt das eigentlich? Byron Katie sagt das, deren Methode „The Work“ bereits fester Bestandteil vieler therapeutischer Ansätze ist. Es geht dabei um die enorme Wirkung negativer Glaubenssätze, mit denen wir uns Tag für Tag selbst manipulieren. Negative Glaubenssätze können auf dich selbst bezogen sein, wenn du beispielsweise denkst „Ich schaffe das eh nicht“ und damit dein eigenes Scheitern herausforderst. Wie wichtig es auch in beruflichen Fragen ist, an sich selbst zu glauben, erklären wir dir in unserem Artikel über The Self-Fulfilling Prophecy .

Negative Glaubenssätze kommen aber auch oft in Beziehungen vor und da vor allem in Bezug auf den Partner oder die Partnerin. Im Grunde sind all die Dinge, die ich oben aufgezählt habe, was mich an meinem Freund stört, negative Glaubenssätze. Das Knifflige dabei ist, dass man unterbewusst immer wieder nach Bestätigungen dieser Glaubenssätze sucht. Das heißt, der Fokus verschiebt sich auf das Negative, anstatt die guten Eigenschaften am Partner oder an der Partnerin zu sehen. Hier kommen wir zum Thema loslassen lernen.

Die „The Work“- Methode: 4 Fragen zum Loslassen lernen

Zusammengefasst basiert die Methode auf vier Fragen, die du dir selbst stellen sollst, wenn dich deine negativen Glaubenssätze aka. deine enttäuschten Erwartungen an deine:n Partner:in frustrieren:

1. Ist das wahr? (Ja oder Nein)
2. Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist? (Ja oder Nein)
3. Wie reagierst du (was passiert in dir), wenn du diesen Gedanken glaubst?  Beschreibe die körperlichen Empfindungen, die auftauchen, wenn du diesen Gedanken hast. Wie behandelst du dich und andere Personen, wenn du diesen Gedanken hast?
4. Wer wärst du ohne den Gedanken?

Diese Technik fordert dich und deine Erwartungshaltung heraus. Du hältst dir dabei selbst den Spiegel vor und reflektierst dich und deine Grundhaltung zu kontroversen Themen in deiner Beziehung. Ein Beispiel: Wenn ich enttäuscht bin, dass ich zum Valentinstag keine Blumen bekommen habe, frage ich mich, ob mich das wirklich verletzt, oder ob lediglich eine (durch Instagram verstärkte) Erwartungshaltung nicht erfüllt wurde.

Spätestens im zweiten Schritt gestehe ich mir ein, dass mir der Valentinstag eigentlich gar nicht so wichtig ist, sondern es mir „ums Prinzip“ ging. Dann fühle ich mich komisch, dass ich mich darüber aufgeregt habe, keine Blumen bekommen zu haben. Danach überlege ich, inwiefern ich meinen Freund meine Enttäuschung hab spüren lassen. Und im vierten und letzten Schritt stelle ich fest, dass ich einen ganz normalen und schönen Tag gehabt hätte, hätte ich mich nicht mit der Blumenthematik aufgehalten.

Frau Kaffee
Die „The Work“-Methode lehrt dir auch, selbstsicherer durchs Leben zu gehen. Foto: imago images/Westend61 /

In 4 Schritten das eigene Gehirn austricksen

Noch mal, es soll hier nicht darum gehen, dir selbst jegliche Erwartungshaltung auszutreiben. Sondern du sollst mit der „The Work“ Methode die Möglichkeit bekommen, durch loslassen lernen von Erwartungen, die dir eigentlich gar nichts bedeuten, einen klareren Blick auf deine Beziehung und deine:n Partner:in zu gewinnen. Dazu gehst du folgendermaßen vor:

1. Beurteile Deinen Nächsten

Schon wieder eine so kontroverse Aufforderung. Aber diesmal gehört es wirklich dazu, deine:n Freund:in und dessen „schlechtes“ Verhalten zu beurteilen und schriftlich festzuhalten. Ein Beispiel: „Er hört mir nie zu.“

2. Beantworte die 4 Fragen

Nun setzt du dich mit den obenstehenden Fragen auseinander und beziehst sie auf das, was du eben aufgeschrieben hast. Es geht darum, ein Bewusstsein über die eigene Denkweise zu entwickeln und nicht darum, deine Gedanken grundlegend zu verändern.

3. Kehre deine Gedanken um

Jetzt ist deine Aufgabe zum Loslassen lernen, für die zuvor analysierte Aussage („Er hört mir nie zu“) mindestens drei Umkehrungen finden. Die vier Fragen haben nämlich zum Ziel, deine Glaubenssätze, die Stress in dir auslösen, zu hinterfragen. Der Gedanke „Er hört mir nie zu“ kann auf verschiedene Weisen umgekehrt werden:


„Ich höre mir nie zu“
„Ich höre ihm nie zu“
„Er hört mir zu“

Ein weiteres Beispiel für eine Umkehrung wäre:
„Er versteht mich nicht“
„Ich verstehe ihn nicht“
„Ich verstehe mich nicht“
„Er versteht mich“

Die Selbstreflexion bewirkt, dass sich für viele Probleme die eigene Einstellung als Grund entlarven. Du kannst deine:n Parter:in nicht ändern, aber du kannst lernen, den Wunsch nach Perfektion in der Beziehung loszulassen.

4. Akzeptiere die Wahrheit

Und damit wären wir schon beim letzten Schritt zum Loslassen lernen. Anfangs wirst du noch innere Blockaden bemerken – auch, weil wir uns oft selbst für unfehlbar halten. Aber hier beginnt der Prozess, dich Deinen Gedanken zu stellen und zuzulassen, dass der Ursprung deiner Probleme tatsächlich bei dir selbst liegen kann.

Tipp der Redaktion:

Du sollst dich keinesfalls mit einer Beziehung zufriedengeben, die dir nichts gibt und dich einfach nur unglücklich macht. Wenn du dich aber so wie ich immer wieder an Kleinigkeiten verlierst, wegen derer du die Beziehung nicht beenden wollen würdest, denke immer daran, dass jeder Mensch seine eigene Sprache der Liebe spricht.

Das heißt, nur weil mir mein Freund keine Blumen zum Valentinstag schenkt, bedeutet das nicht, dass er mich nicht wertschätzt. Seine Sprache der Liebe ist eben nicht die der Geschenke als Liebesbeweis, sondern viel eher die Hilfsbereitschaft und physische Berührungen. Loslassen lernen bedeutet auch zu akzeptieren, dass selbst den Müll runterzubringen, eine Art der Liebesbekundung sein kann. Mehr zu den 5 Sprachen der Liebe erfährst du im Artikel.

Fazit: Loslassen lernen um Raum für Entwicklung zu geben

Das Schöne am Loslassen lernen ist ja nicht nur, dass du selbst entspannter wirst, weil du dich nicht über jede Kleinigkeit aufregen musst. Sondern vor allem, dass ein Mensch, an dem nicht andauernd rumgenörgelt und gezerrt und gezogen wird, Raum hat, sich selbst weiterzuentwickeln und in seinem eigenen Tempo der Mensch zu werden, der er sein will. Und das ist der wichtige Punkt, der für beide Parteien einer Beziehung gilt: Auch du brauchst Raum, du selbst zu sein. Loslassen lernen lohnt sich allein deshalb schon, damit du dich nicht in deiner Beziehung verlierst, sondern immer du selbst und eigenständig bleibst.

Tipp der Redaktion: Wenn du manchmal das Gefühl hast, dich zu sehr in deiner Beziehung verloren zu haben und praktisch nur noch für und mit dem anderen zu existieren, hilft dir ein Dankbarkeitstagebuch, wieder loslassen zu lernen: Darin schreibst du dir jeden Tag auf, was du heute erreicht hast und worauf du stolz bist. Das kann alles sein, vom Einkaufen gehen bis zur Abgabe der Bachelorarbeit. Wichtig ist, dass diese Zeit nur dir gehört und auch deine Gedanken nur Raum für dein eigenes Handeln und Fühlen beinhalten. So schaffst du es, dich auch unabhängig von deiner Beziehung wieder mehr lieben zu lernen. Und wie schon Oma und Opa wussten: Nur, wer sich selbst liebt, kann auch andere lieben.

Du willst noch mehr zum Thema Beziehung lesen? Wir haben uns angeschaut, was wirklich besser in einer Beziehung ist: Gegensätze oder Gemeinsamkeiten? Und: Was tun, wenn der oder die Partner:in im Streit immer sofort dicht macht? Wie Stonewalling Beziehungen zerstört.