In der Freistadt Christiania in Kopenhagen gibt es keine Polizei und keine Gesetze, dafür aber eine ganze Menge Haschisch. Die Häuser sind bunt, die Straßenränder sind voller Skulpturkunst und auf den Köpfen der Bewohner:innen sitzen geflochtene Blumenkränze.

Christiania ist vielen Menschen heute noch immer ein Rätsel. Tourist:innen habn entweder so großen Respekt vor dem Freistaat, dass sie gar nicht erst dort aufkreuzen, oder sie finden es gar so faszinierend, dass sie nur für Christiania nach Kopenhagen fahren. Wir von wmn haben uns die Hippiekommune etwas genauer angeschaut und haben uns dabei gefragt: Was können wir von Christiania in Kopenhagen lernen?

Hippie Frauen stehen im Feld
In Christiania machen die Bewohner ihre eigenen Regeln – die Gruppe steht über dem Einzelnen. Foto: Unsplash /

Die Entstehung Christianias

1971. Das ehemalige Mililtärgelände im Stadtteil Christianshavn in Kopenhagen ist seit Langem unbesetzt. Hier und da stehen einzelne Wärter, die das Gebiet sporadisch überwachen. 

Übrigens: Bitte nicht falsch machen, sonst könnten sich die Dän:innen über dich lustig machen. Auch wenn es „Havn“ geschrieben wird, wird es dennoch „Haun“ ausgesprochen.

Schon damals waren die steigenden Mieten in Kopenhagen ein unüberwindbares Problem für viele Bewohner:innen der Stadt. So kamen dänische Hippies auf die glorreiche Idee, die vielen noch vollkommen intakten Gebäude und sanitären Anlagen wieder zu nutzen. Sie rissen Zäune ein und begannen, sich heimisch einzurichten.

Christianhavn entwickelte sich zu Christiania; ein Ort, an dem die Zeit stillsteht und die Regeln vom Kollektiv gemacht werden. Regierung und Polizei ließen die Siedler:innen gewähren und dulden sie heute als “autonome Kommune”. Die Christianiter:innen waren frei zu tun und zu lassen, was sie wollten. Sie rissen Militärgebäude nieder, pflanzten Cannabis an und meditierten viel. Ein anarchistisches Inselidyll entstand.

Hippie Frau
Gut 1.000 Hippies leben in der Kommune bei Kopenhagen.

Die Pusher-Street und Christianias Probleme

Bald wurde klar, wie viel Potenzial hinter der putzigen Hippiekommune steckte. Heute ist die wohl bekannteste Straße von ganz Kopenhagen die sogenannte Pusher-Street in Christiania. An etlichen Buden wird hier Cannabis im großen und im kleinen Stil unter die Leute gebracht. 

Drogenhandel und Kriminalität gehen meist Hand in Hand und bereits im Jahr 2005 kam es tatsächlich zum Eklat: Verschiedene Gangs versuchen sich jeweils das Verkaufsrecht unter den Nagel zu reißen. Seither gibt es immer wieder kleinere und größere Zwischenfälle in dem Freistaat. Die eigentliche Idylle ist also durch den Verkauf von Drogen und bewusstseinserweiternden Substanzen gebröckelt. Heute ist die Pusher Street bei weitem nicht mehr das, was sie einmal war. Man kann dort als Torust:in jedoch noch immernoch Cannabis kaufen.

Pusher of the Day
Die Einwohner Christianias versuchen, ihr Problem mit Drogendealern mit Spaß zu sehen.

Was wir von dem Freistaat Christiania lernen können

In Christiania ist jedoch bei weitem nicht alles schlecht. Der Grundgedanke der hübschen dänischen Hippie-Kommune ist selbstlos, freiheitlich und vor allem friedlich. Diese 4 Lehren zeigen euch, wie Christiania in Kopenhagen funktioniert.

1. Keine Mietverträge

Wohnen kostet Geld. Auch in Christiania. Im Jahr 2011 kratzten die Einwohner mit Spenden genug Geld zusammen, um über die gut 36 Hektar Fläche frei verwalten zu können. Vollkommen anarchistisch leben die Christianiter:innen heute aber nicht mehr: Jeder Besetzer zahlt einen Beitrag für Strom, Miete und die Müllabfuhr. 

Mietverträge gibt es jedoch keine. Wer hier leben möchte, der holt sich das “OK” des sogenannten Basisdemokratischen Rates ein. Da der Freistaat nur gut 1.000 Einwohner zählt, reicht meist die Zustimmung eines einzigen Christianiters aus. Wer auszieht, der zieht aus – ohne 3-monatige Kündigungsfrist natürlich. Leerstehende Wohnungen können sich dann unter den Nagel gerissen werden. 

Kunst in Christiana
Kunst ist neben Cannabis einer der Mittelpunkte im Leben der Christianiten.

2. Entscheidungen nach dem Konsensprinzip

Wie oft haben wir uns schon über unsere unfaire Politik aufgeregt? Sie scheint ausschließlich Entscheidungen zu treffen, die nur für einen Bruchteil der Gesellschaft von Vorteil sind. Das liegt daran, dass Wahlen nach dem Mehrheitsprinzip getroffen werden – Mehr als 50% der Beteiligten stimmt mit “Ja”.

In Christiania trifft die Gemeinschaft gesellschaftlich relevante Entscheidungen nach dem Konsensprinzip. Dieses besagt, dass es keine einzige Gegenstimme geben darf. Ein echter Konsens also.

Dass auch dieses Prinzip seine Probleme birgt, wird jedoch schnell klar, wenn man den kriminalisierten Drogenhandel in Christiania betrachtet. Die meisten Einwohner sprechen sich gegen die vielen Dealer auf der Pusher Street aus – eine einzige Gegenstimme reicht jedoch aus und alles bleibt, wie es ist.

So werden Entscheidungen in Christiania aber auch sehr langsam getroffen. Denn um jede einzelne Stimme einzufangen, muss man sehr viel Überzeugungsarbeit leisten.

3. Eigene Regeln

Christiania unterliegt nicht dem dänischen Grundgesetz, sondern folgt seinen ganz eigenen Hippie-Gesetzen. Für ein funktionierendes Zusammenleben haben sich die Bewohner 8 Gebote und Handlungsempfehlungen zurechtgelegt.

  • Nicht stehlen.
    Da es in dieser kollektivistischen Wohnsiedlung theoretisch keinen persönlichen Besitz gibt, ist Diebstahl ohnehin überflüssig. Das Einschmuggeln von Diebesgut ist ebenfalls untersagt.
  • Keine harten Drogen.
    Cannabis ist okay. Vollkommen okay. So okay sogar, dass eine eigene Straße für seinen Verkauf errichtet wurde (die Pusher Street). Leider wird diese Verkaufsfläche auch für härteres Zeug und viel Kriminalität genutzt. 
  • Keine Fotos.
    Diese Regel bekommt vor allem in der Pusher Street eine besondere Bedeutung. Konsument wie auch Dealer werden ungern bei einer Transaktion abgelichtet.
  • Keine Gewalt.
    Jegliche Form von Gewalt ist in der alten Hippie-Kommune verboten. Es kann aber passieren, dass Bewohner ihre Manieren vergessen, wenn Regel 3 nicht mit dem nötigen Respekt befolgt wird.
  • Keine kugelsichere Kleidung.
    Diese Regel ist eine Absage an die Polizei, die hier in ihrer Uniform keinen Zugang hat.
  • Keine Waffen.
    Wer keine Gewalt ausüben darf, dem bringt auch eine Waffe nichts. Trotzdem ist es den Christianitern ein Anliegen, dies noch einmal hervorzuheben.
  • Keine Bikerwesten.
    Gerade Raudi-Bikerclubs wie die Bandidos oder die Hell’s Angels haben in Christiania nichts verloren.
  • Keine Autos oder Motorräder.
    Mit Ausnahme von Lieferanten bewegt man sich in Christiania zu Fuß oder mit dem Rad fort.
Christiania Einhorn
Die Deko in Christiania ist wie die Einwohner: kreativ und andersartig!

4. Kreativer & Nachhaltiger Häuserbau

In Christiania gibt es keine spießigen Einfamilienhäuser im Stil ostwestfälischer Vorstädte. Die Hausbesitzer sind oft so kreativ geworden, dass viele ihrer Hütten und Häuschen in Hochglanz-Architekturzeitschriften abgebildet werden könnten.

Nachhaltig ist es zudem deshalb, da die Wohnsiedlungen zum größten Teil aus Material der alten Kasernen und Militärbauten errichtet wurden. Das nennen wir mal echtes Upcycling!

Erlöserkirche
Die bunt bemalte Erlöserkirche liegt direkt neben dem Eingang zur Pusher Street.

5. Keine Regierung und doch wird regiert

So süß und unschuldig wie die Hippie-Regeln es vermuten lassen, läuft es allerdings nicht in Christiania. Hier regiert das Recht des Stärkeren. Drogenkartelle und Banden setzen sich heute täglich über beinahe jede einzelne der Regeln Christianias hinweg. Einst galt die Wohnsiedlung als einer der idyllischsten Orte der dänischen Hauptstadt. Doch schon vor langer Zeit hat die organisierte Kriminalität Einzug gehalten und mischt das ruhige Leben mächtig auf.

Fazit – Christiania in Kopenhagen ist nicht das, was es mal war

Christiania in Kopenhagen macht zur Zeit vor allem negative Schlagzeilen. Zu viel Drogenhandel, Banden und Genauereien machen den einst so idyllischen Freistaat kaputt. Von dem Grundgedanke einer freien und friedlichen Kommune können sich jedoch einige andere Gesellschaften etwas abschauen.