In Deutschland geht man normalerweise mit 67 Jahren in Rente. Wenn wir mit 20 Jahren anfangen, dann arbeiten wir also insgesamt gut 47 Jahre im Leben.  Das ist eine sehr lange Zeit. Haben wir nach 47 Arbeitsjahren wirklich ausgesorgt? Können wir uns danach auf die faule Haut (oder in den Schaukelstuhl) setzen und einfach unser restliches Leben chillen? 

Leider nein. Die Altersarmut in Deutschland steigt immer weiter und wird deshalb immer gefährlicher. Die Aktion Deutschland Hilft fand heraus, dass Menschen, die vor ihrem 60ten Lebensjahr ein mittleres Einkommen haben, mit hoher Wahrscheinlichkeit im Alter von Armut betroffen sind.  

Und vor allem sind es Frauen, die unter Altersarmut leiden. Eine Oxfam-Studie aus dem Jahr 2020 zeigte, dass der Vermögensunterschied zwischen Männern und Frauen immer weiter auseinandergeht. Heute haben Männer gut 50 % mehr Vermögen als Frauen.  

Frauen und Finanzen scheinen irgendwie nicht so richtig zusammenzupassen. Aber warum ist das so?

wmn hat darüber mit einer Frau gesprochen, die die Finanzwelt versteht wie keine zweite. Karolina Decker ist diese Woche unsere Weekly heroine.

Sie ist Mitgründerin von finmarie, der deutschlandweiten Finanzapp von Frauen für Frauen. Mit dieser App soll es gerade Frauen einfacher gemacht werden, zu investieren und die richtigen Antworten auf ihre wichtigsten Fragen zu bekommen. 

Karolina Decker: Kurz und knapp 

  • Karolina macht es sich zur Lebensaufgabe, die Finanzwelt verständlich zu machen und den Menschen unter die Arme zu greifen, die im Alter mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Armut hineingleiten.
  • Karolina ist 38 Jahre alt und beruflich Finanzexpertin.  
  • Sie hat selbst seit 2007 in Immobilien, in Aktien, in Fonds und ETFs investiert.  
  • Ihre Expertise im Finanzwesen kommt durch eine Ausbildung als Bankkauffrau in Breslau in Polen.  
  • Seit 2010 wohnt sie in Berlin. Zunächst arbeitete sie bei der Deutschen Bank als Compliance Auditorin.  
  • Karolina ist es besonders wichtig, dass man bereits in jungen Jahren mit Geld und Finanzen in Berührung kommt. Ihrer Meinung nach gibt es keine nennenswerte Finanzbildung im Schulsystem. Um die frühe Finanzbildung zu verbessern, hat sie die das Projekt “Schulgold” ins Leben gerufen. Das Projekt organisiert Finanz-Seminare für die Kinder.
  • Neben ihrer professionellen Karriere hat Karolina drei Kinder. 
  • 2022 gründete Karolina mit zwei weiteren Gründerinnen die Finanzapp finmarie. Diese App stellt Informationen rund um das Thema Finanzen zur Verfügung. Es gibt allgemeine Infos und persönliche Beratungen. Speziell Frauen fühlen sich von dieser App angesprochen, doch auch Männer können hier natürlich beraten werden. 

Alles eine Frage von Angebot und Nachfrage: Es braucht immer einen Idioten, der kaufen will und es muss immer einen geben, der es verkauft. 

Karolina Decker über den Markt

Frauen & Finanzen: Darum sind wir so viel schlechter im Finanzsektor aufgestelltt

wmn: Was für Fragen bringen Frauen an die Finanzwelt mit? 

Karolina Decker: Du musst wissen, dass Frauen sich ganz anders auf dem Finanzmarkt verhalten als Männer. Statistisch gesehen sind Frauen dazu bereit, monatlich viel mehr Geld zu sparen als Männer. Doch sie sind oft nicht dazu bereit, dieses Geld zu investieren. Männer hingegen investieren viel häufiger das Geld, was sie haben. Selbst wenn es nicht besonders viel ist.

Frauen sind also vorsichtigier. Langfristig gehen sie aber sogar nachhaltiger und besser mit ihrem Geld um als Männer. 

wmn: In was investieren Frauen also? ETFs, Kryptowährungen oder den Aktienmarkt? 

Karolina Decker: Frauen investieren meistens in klassische nachhaltige Fonds. Ihnen ist wichtig, dass diese Fonds schon seit Jahren auf dem deutschen Markt etabliert sind. Jüngere Frauen sind schon eher gewillt, in flexible Produkte wie beispielsweise ETFs zu investieren. In Kryptowährungen sind Frauen aber viel seltener investiert, denn sie werden noch immer als sehr riskante Produkte angesehen. 

Das ist ein Fonds:
Ein Investmentfonds ist ein Geldtopf, in welchen Anlegende ihr Geld investieren können. Der Fonds nutzt das Geld, um damit Wertpapiere oder Immobilien zu kaufen. Sollte der Wert dieser Anlagen steigen, steigt auch der Wert des Fonds und die Anlegenden bekommen Geld ausgeschüttet. 

Das ist ein ETF:
Exchange Traded Funds zeigen die Entwicklung des Wertes eines Indexes. Sie sind also ein Zusammenschluss aus vielen verschiedenen Aktienfonds. Dadurch, dass man hier auf mehrere Aktien gleichzeitig setzt, ist das Risiko beim Investieren sehr viel geringer.  

Der größte Unterschied beim Investieren zwischen Männern und Frauen ist Risikobereitschaft

Der größte Unterschied beim Investieren zwischen Männern und Frauen sind die Geschwindigkeit und die Risikobereitschaft, mit der gehandelt wird. So dauert es bei Männern nicht so lange, bis sie sich für ein Investment entschieden haben. Frauen wollen zunächst ganz genau wissen, was es nachhaltig für sie bringen kann.  

Männer inevestieren weniger in nachhaltige Fonds und probieren sich auch in Einzelaktien aus. Sie traden häufiger und gehen auch bei Kryptowährungen ein höheres Risiko ein. 

Das ist Trading:
Das englische Wort „Trade“ oder „to trade“ bedeudet auf Deutsch „der Handel“ oder auch „handeln.“ Im Aktienjargon ist hier aber der kurzfristige Handel von Aktein, Wertpapieren und anderen Werten gemeint. Die Handelnden setzen dabei auf das schnelle Reagieren bei kurzfristig steigenden oder sinkenden Kursen.

wmn: Woran liegt es deiner Meinung nach, dass Männer so viel risikobereiter beim Investieren sind? Liegt es daran, dass sie über mehr Kapital verfügen? 

Karolina Decker: Männer sind viel mutiger. Sie treffen einschneidende Entscheidungen schneller. Frauen wollen zunächst viele Angebote miteinander vergleichen und einen genau auf sie zugeschnittenen Finanzplan erstellen. Frauen holen sich auch oft mehr Hilfe ein, um ihr Portfolio zu strukturieren. Dafür sind wir bei Finmarie genau richtig.  

wmn: Gib uns doch mal ein Beispiel: Wie sollte eine junge Frau ihr Portfolio aufbauen? Ich bin 28 Jahre alt und habe keine Ahnung von Investments. Wie fange ich an? 

Auch als Frau: Sei dir über deine eigenen Finanzen bewusst

Karolina Decker: Zuerst einmal musst du einen Gesamtüberblick über dein Portfolio bekommen. Was sind deine Einnahmen und was sind deine Ausgaben? Da hilft ein klassisches Haushaltsbuch oder einfach ein Excel-Spreadsheet. Auf dem deutschen Markt gibt es auch tausende kostenloser Apps, die dir helfen, deine Finanzen zu strukturieren.  

So kannst du dir genau ausrechnen, wie viel Geld du zurücklegen kannst. In deinem Fall ergibt es Sinn zwischen 10 und 20 % zu investieren. Das klingt erst einmal viel, ich weiß. Aber du solltest immer dein Ziel vor Augen haben.  

wmn: Kannst du mir denn versichern, dass ich im Alter ein entspanntes Leben haben werde, wenn ich heute damit beginne, 20 % zu investieren? 

Karolina Decker: Das können wir ganz genau berechnen mit einem Rentenrechner. Dort kannst du berechnen, wie viel Geld du wahrscheinlich herausbekommst, wenn du ab heute monatlich 150 € in einen ETF-Sparplan investierst. Spannend ist es auch nachzurechnen, wie viel du rausbekommst, wenn du dich entscheidest, die Rente schon mit 60 anzutreten. 

Frage dich also, mit welcher Summe du heute starten kannst und wie du investierst. Entscheidest du dich für einen Sparplan, wirst du beispielsweise vom Zinseszinseffekt profitieren.  

Das ist der Zinseszinseffekt beim ETF-Sparplan:
Zins und Zinseszins sind wichtige Hebel beim Sparen. Sparst du einen Betrag, bekommst du von der Bank (oder einem anderen Institut) einen bestimmten Prozentsatz an Zinsen obendrauf. Dieser neue höhere Betrag wird wiederum verzinst. Diesen Gewinn nennt man die Rendite. So wächst dein Vermögen. Bei ETFs ist es möglich, deine Renditen zu reinvestieren, damit diese wiederum mehr Rendite abwerfen.

Frauen brauchen nicht einen anderen Finanzmarkt, sondern eine andere Ansprache

wmn: Inwiefern ist der Finanzmarkt für Männer transparenter als für Frauen? Was muss sich für uns Frauen ändern?  

Karolina Decker: Finmarie macht Finanzen von Frauen für Frauen. Doch es ist uns ganz wichtig, kein sogenanntes Pink Product zu erschaffen, also ein Produkt, das für Frauen gebrandet ist und allein deswegen teurer, aber nicht besser, ist.

Schon viele andere sind auf diesen Trugschluss hereingefallen. Wir brauchen keine besonderen Produkte für Frauen. Es geht nur um die Ansprache und die Kommunikation. Wir haben Finmarie 2018 mit dem Wissen gegründet, dass wir alles anders machen wollten als Banken und Versicherungen.  

Pink Tax: Wir zeigen dir, was ein Pink Product ist und wie damit unfassbar viel Geld gemacht wird. 

Das sind die 3 finmarie-Gründerinnen: Karolina Decker, Rica Klitzke, Leitha Matz und ihre Marketing Managerin Azra.

Männer sprechen mit Männern. Dann lasst uns mit den Frauen sprechen.

Karolina Decker: Damals haben wir so viel Feedback von jungen Frauen bekommen, die den Finanzmarkt für sie unduchsichtig fanden. Ein Beispiel: Eine Frau sagte zu mir: „Wenn ich zu meinem Finanzberater gehe, dann spricht dieser zu 90 % der Zeit mit meinem Mann. Ich fühle mich da absolut nicht angesprochen. Dabei bin ich offen für Erklärungen, Hilfestellungen und eine Anleitung durch den Dschungel der Finanzwelt.“ Das zeigt mir: Wir müssen Frauen nicht ändern, wir müssen die gesamte Finanzwelt reparieren.  

Wir müssen Frauen nicht ändern, wir müssen die gesamte Finanzwelt reparieren.  

Karolina Decker

wmn: Machen sich Männer also weniger Gedanken um ihre Investments? 

Karolina Decker: Das würde ich nicht sagen. Männer sind einfach mutiger und nicht so loyal. Männern passiert es viel häufiger, dass sie nach einer gewissen Zeit ihr Investment aufgeben, sollte es nicht geklappt haben. Frauen wollen ein Invest fürs Leben, Männer wollen alles einmal ausprobiert haben. 

wmn: Welche Frage treibt Frauen bei der Suche nach dem besten Finanzprodukt am meisten um? 

Karolina Decker: Eine der wichtigsten Fragen ist: Wie umgehe ich als Frau den Gender Pension Gap? Der liegt mittlerweile bei 42 %. Die Rentenlücke beginnt bereits mit 35 Jahren. Das bedeutet, dass Frauen ab 35 Jahren bereits Angst haben müssen, ebenfalls in die Rentenlücke hineinzufallen. 

Das ist der Gender Pension Gap: 
Der Gender Pension Gap errechnet sich prozentual mit dem durchschnittlichen persönlichen Absicherungseinkommen der Frauen eines Landes, das durch das durchschnittliche persönliche Absicherungseinkommen der Männer eines Landes geteilt wird. Eine genaue Berechnung der Gender Pension Gap ist sehr schwer. In den OECD-Ländern liegt er bei gut 25 %, in Deutschland bei gut 40 % bis 60%.  

wmn: Der Gender Pension Gap entsteht, weil Frauen weniger Einkommen haben und weniger investieren. Gibt es noch einen anderen Grund für diesen Gap?

Karolina Decker: Sie haben auch viel weniger Zeit, um sich um ihre Finanzen zu kümmern. Naja, schau dir doch einmal an, was bei den meisten Frauen passiert, nachdem sie ein Baby bekommen haben: 37 % der Frauen entscheiden sich danach für eine Teilzeitstelle. Das Geld, was sie dabei verdienen, wird nicht in den Vermögensauf oder die Altersvorsorge gesteckt. Es fließt meist direkt in das Kind.

Frauen verhandeln laut Statistik sehr viel erfolgloser als Männer.

Karolina Decker

Es gibt noch viele andere Gaps, die hier eine Rolle spielen. Der Gender Pay Gap zum Beispiel und die Lücke bei den Gehaltserhöhungen. Frauen verhandeln nämlich laut Statistik sehr viel erfolgloser als Männer.

In der klassischen Familie ist der Mann für die Finanzen zuständig

Auch klassische Familienrollenbilder sind ein Problem für die Frauen. In der Familie ist meist der Mann derjenige, der sich um die Finanzen kümmert. Hier lohnt sich sich ein Blick nach Skandinavien: In Schweden haben sie beispielsweise Steuersystem geschaffen, das Frauen größere Vorteile bei ihren eigenen Finanzen einbringt. Außerdem werden jungen Eltern mehr Freiheiten im Job gelassen, sodass sie sich um das Kind und um den Job kümmern können. 

wmn: Was würdest du der Leserin dieses Interviews raten, wenn sie noch heute mit dem Investieren beginnen will?

  1. Notgroschen aufbauen. Du solltest mindestens zwei bis vier Nettogehälter auf dem Konto haben.
  2. Haushaltsbuch führen. Es ist wichtig, dass du weißt, was reinkommt und was rausgeht.
  3. Investiere monatlich nur kleine Summen.
  4. Überprüfe deine eigene Risikobereitschaft. Bist du eher konservativ oder willst du mit deinem Geld ein wenig spielen?
  5. Informiere dich! Werde dir darüber klar, welche Art der Investorein du bist. Bist du risikobereit oder bist du eher ängstlich? 

Noch mehr Finanztipps von wmn:

Noch mehr weekly heroines: