Wie steht es um die Chancengleichheit für Frauen in der Modeindustrie? Der „Women on Top of Fashion“-Report gibt die Antwort.

Mode wird oft mit Weiblichkeit assoziiert. Modemagazine sind auf Frauen ausgerichtet und die Auswahl an Mode für Frauen in den Stores scheint deutlich größer als die für Männer. Auch Stilikonen sind meist weiblich. Aber fallen dir auf Anhieb mehr als drei große zeitgenössische Designerinnen ein? Oder gar weiblich geführte Modehäuser? Wie sieht es eigentlich aus in puncto Chancengleichheit in der Modeindustrie?

Mode von Frauen für Frauen? So sieht es in der Modeindustrie wirklich aus

Die Unternehmensberatung McKinsey hat 2018 eine Studie veröffentlicht, die einer weiblichen Assoziation mit der Modebranche deutlich widerspricht: Tatsächlich wird weniger als die Hälfte der Mode für Frauen von Frauen designt. Noch schlimmer: Gerade einmal 14 % der großen Modehäuser in Deutschland werden von Frauen geführt. 2020 sah das auch branchenübergreifend nicht besser aus. Von 160 börsennotierten Unternehmen in Deutschland haben nur 59 eine Frau auf der Führungsebene, so der AllBright–Bericht 2020.

Wie kann das eigentlich sein? Das haben sich auch das Magazin LIFESTYLE LAB von Fashion ID und die Marketingagentur Peak Ace gefragt und einen umfassenden Bericht unter dem Titel „Women on Top of Fashion“ veröffentlicht. Die spannenden Ergebnisse und was du tun kannst, um mehr Chancengleichheit in der Modeindustrie zu erreichen, liest du jetzt.

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Wie viele Frauen haben in Modeunternehmen wohl das Sagen? Foto; shutterstock/StratfordProductions Credit: shutterstock/StratfordProductions

Women on Top of Fashion: Wie ist der Status Quo der Modeindustrie?

Die intuitive Assoziation von Mode mit dem Weiblichen könnte daher kommen, dass die großen Ikonen, die für ihren Stil und ihren Willen zur Veränderung geliebt werden, meist weiblich waren und sind. Wie groß der Einfluss von Mode auf die weibliche Emanzipation ist, kannst du in unserem Artikel über die größten Stilikonen des 20. Jahrhunderts nachverfolgen. Aber auch die aktuelle Zeit profitiert von großartigen Frauen, die Stereotypen und Rollenklischees auf den Kopf stellen: Wir stellen dir unsre Top 10 der Stilikonen des 21. Jahrhunderts vor.

Aber schaut man sich abseits des Roten Teppichs und Social Media um, sieht es mau aus in Sachen weibliche Vorreiterinnen. Auch die größten Firmen der Modebranche können keine ausbalancierte Führungsebene vorweisen. Die japanische Unternehmensgruppe Fast Retailing, zu der auch der Moderiese UNIQLO gehört, hat eine Frauenquote von gerade einmal 11 %. Etwas besser sieht es da bei Inditex aus, eines der größten Textilunternehmen der Welt, zu dem unter anderem Zara, Pull & Bear und Massimo Dutti gehören. Hier sitzen im Vorstand immerhin zu 36 % Frauen. Das Traurige ist nur, dass Inditex damit schon der Spitzenreiter auf der Liste ist.

Weitere wichtige Firmen der Modeindustrie kannst du hier miteinander vergleichen:

CEOs großer Unternehmen sind meist männlich – auch in der Modeindustrie

Wie du siehst, ist in Sachen Frauenquote auch in der Modeindustrie noch nicht annähernd ein zufriedenstellender Zustand erreicht. Branchenübergreifend wird dieses Bild durch die Fortune–500–Liste gestützt, einer Aufzählung der 500 größten Unternehmen in den USA, die das Forbes-Magazin jedes Jahr veröffentlicht. Gerade einmal 8,2 % der aufgeführten Fortune 500 CEOs sind Frauen.

Minimal besser sieht das Ergebnis des Wirtschaftsprüfungsunternehmens PwC im Jahr 2019 aus. Laut dem„Unraveling the Fabric Ceiling“-Report, der den Anteil weiblicher Führung in der Bekleidungsindustrie in den USA offenlegt, sind 12,5 % der CEOs in der Modebranche weiblich. Die Frauenquote in den Vorständen liegt bei 26 %. Damit ist der geschäftsführende Frauenanteil in der Modeindustrie etwas höher als in der Fortune 500-Liste. Von einer Ausgeglichenheit kann aber in keinem der Fälle die Rede sein.

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Woran liegt es, dass Frauen es schwerer haben, die Karriereleiter hochzuklettern? Foto: shutterstock/Lim Yan Shan

Warum haben Frauen in der Modeindustrie immer noch schlechtere Chancen als Männer?

Der „Women on Top of Fashion“-Report hat sich angeschaut, wo die Gründe für die offensichtliche Chancenungleichheit in der Modeindustrie liegen könnten. Vier große Themen spielen demnach eine besonders große Rolle:

1. Fehlendes Interesse an Veränderung

Viele Unternehmen beugen sich dem Druck der Öffentlichkeit, die Diversity im eigenen Unternehmen zu hinterfragen. Das passiert leider öfter aus Zugzwang als aus aufrichtigem Interesse an Veränderung. Da werden dann Diversity-Schulungen abgehalten und die Marketingabteilung setzt auf eine ausgeglichene Besetzung von Models für Werbeplakate. Aber die Umsetzung von echten Maßnahmen zur Chancengleichheit liegt bei der Personalabteilung und hat nichts mit dem zu tun, was das Unternehmen nach außen präsentiert.

2. Gesellschaftliche Rollenbilder 

Ja, leider sind Rollenbilder noch immer ein Grund für fehlende Chancengleichheit – auch in der Modeindustrie. So wie oft noch Frauen dazu erzogen werden, dass Geldfragen Männersache seien, statt zur finanziellen Unabhängigkeit ermutigt zu werden, sind sie es gewohnt, sich selbst klein zu halten. Sich für alles mögliche zu entschuldigen, ist für viele Frauen so normal wie in beruflichen Fragen zurückzustecken. Das führt auch dazu, dass sie sich erst dann auf eine Stelle bewerben, wenn sie zu 100 % die Anforderungen erfüllen. Männer bewerben sich hingegen schon bei 60 %.

 3. Unbewusste Vorurteile

Laut dem „Women on Top of Fashion“-Report verbringt der Mensch etwa 40 % mehr Zeit damit, nach Informationen zu suchen, die seiner eigenen Meinung entsprechen, anstatt nach neuen, vielleicht auch konträren Meinungen zu forschen. So sind rund 50 % aller Männer und ein Drittel aller Frauen der Meinung, dass Frauen in Unternehmen mit nur 10 % weiblicher Führung ausreichend und gut vertreten sind. 

 4. Fehlende Konzepte für Familienplanung 

Wie lang soll Frauen eigentlich noch ein Strick daraus gedreht werden, dass sie diejenigen sind, die die Kinder auf die Welt bringen? Abgesehen von all den körperlichen und psychischen Strapazen des Schwangerseins werden sie zusätzlich im Job „bestraft“: Frauen, die wegen ihrer Kinder eine berufliche Pause einlegen, müssen nach ihrer Rückkehr ins Berufsleben häufig einen Karriererückschritt in Kauf nehmen. Eine Beförderung in die Chefetage rückt damit automatisch von Kind zu Kind in immer weiter Ferne. 

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Women support women! Aber wie? Credit: Unsplash/ @gemmachuatran /

Was du tun kannst, um Frauen in der Arbeitswelt stark zu machen

Jetzt haben wir lange über die Probleme der Frau auf dem Arbeitsmarkt und in der Modeindustrie gesprochen – es wird Zeit für Lösungen! Denn Hoffnung auf Verbesserung gibt es allemal. Ganze 73 % der Angestellten im Einzelhandel sind Frauen und 87 % der Studierenden an führenden Modeschulen sind weiblich. Wie es zukünftig mehr von ihnen auch in die Chefetage schaffen, erklärt der „Women on Top of Fashion“-Report:

1. Hab keine Angst, ein eigenes Business zu gründen.

Unternehmensgründung ist für Frauen gerade ein so großes Thema wie nie zuvor. Stafanie Giesinger mischt mit nu-in in der Modeindustrie mit und Lena Jüngst revolutioniert mit air up den Getränkemarkt. Wenn du selbst gründest, gelangst du automatisch in die Rolle des CEOs und hast die Möglichkeit, eine eigene Firmenkultur zu etablieren, die auf Gleichberechtigung und Chancengleichheit basiert. 

2. Hol dir Unterstützung

Niemand ist als Profi in seinem Bereich geboren. Um sicher in der Arbeitswelt aufzutreten, kann zusätzliche Unterstützung von außen nicht schaden. Die Zusammenarbeit mit einem Mentor kann dir helfen, geeignete Hard- und Soft Skills zu kultivieren und Erfahrungswerte für die weitere Karrierelaufbahn zu sammeln. Zusätzlich unterstützt dich ein Mentor nicht nur bei Entscheidungsfindungen, sondern erweitert im besten Fall dein berufliches Netzwerk um ein paar wertvolle Kontakte.

3. Augen auf bei Stellenausschreibungen

Wie oben erwähnt, warten Frauen häufig mit der Bewerbung, bis sie der ausgeschriebenen Stelle zu 100 % entsprechen. Lass dich von den hohen Erwartungen nicht abschrecken! Was hier „gefordert“ wird, ist ein Ideal, das auf dem Markt kaum zu finden ist – und dessen sind sich die Unternehmen durchaus bewusst. Wenn also das nächste Mal dein Traumjob ausgeschrieben wird, unbedingt die Bewerbung rausschicken und nicht lange überlegen! 

4. Gestalte deinen nächsten Karriereschritt aktiv mit

Harte Arbeit zahlt sich aus – oder auch nicht? Oft genug sammeln Frauen endlos Überstunden oder ziehen große Kunden an Land, sprechen das aber nicht beim Chef oder der Chefin an. Ob aus anerzogener Bescheidenheit oder wegen eines ausgewachsenen Hochstaplersyndroms – leg deine Scheu vor Lorbeeren ab! Es lohnt sich, aktiv nach Möglichkeiten und Angeboten aus der Chefetage zu suchen, anstatt darauf zu warten, dass jemand auf dich zugeht. Es ist dein absolutes Recht nach Feedback, Aufgaben, Zeit, Ressourcen und Möglichkeiten zur Weiterbildung zu bitten – und auch nach einer Gehaltserhöhung.

5. Nutze deine eigene Position als Frau im Vorstand

Du bist bereits als Frau im Vorstand eines Unternehmens? Herzlichen Glückwunsch! Da du nun ausführlich über die Lage von Frauen in der Arbeitswelt und der Modeindustrie informiert bist, weißt du, was zu tun ist: Unterstütze andere Frauen in deinem Unternehmen in ihren Karrieren und spreche dich unbedingt gegen Diskriminierung wegen Mutterschaft oder Ahnlichem aus.

6. Hilf dabei, geschlechtsspezifische Normen zu verändern

Eines der größten Argumente alter weißer Männer, warum Frauen nicht als Führungspersönlichkeiten geeignet seien, ist, dass man dafür unemotional und hart sein müsse. Dass das Quatsch ist, beweisen schon diverse Frauen in hohen politischen Ämtern, die ihren Job besser machen als gleichgestellte Männer. Trotzdem hängen viele noch dem alten Klischee nach. Um das zu ändern, braucht es dich als Frau an vorderster Front. Trete selbstbewusst und professionell auf, sei anpassungsfähig und präsent. Und nutze deine „weibliche Emotionalität“ für menschliche und gut durchdachte Entscheidungen.

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Frauen in der Modeindustrie: Ihr Erfolg liegt bei dir

Wenn Deutschland eines Tages eine Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt erreichen will, liegt noch viel Arbeit vor uns. Das Gute ist, dass du viele Möglichkeiten hast, diese Arbeit mitzugestalten. Ob du selbst davon träumst, ein Unternehmen zu gründen oder dich zukünftig aktiver an Diskussionen im Meetingraum beteiligst: Du findest deinen Weg, Frauen in der Arbeitswelt groß zu machen. Und wenn es um die Chancengleichheit in der Modeindustrie geht, ist es sogar noch einfacher: Unterstütze weiblich geführte Mode-Labels, indem du tolle Sachen shoppst. So habt ihr beide etwas davon. Freund:innen und Familie kannst du Gutscheine der Shops zum Geburtstag schenken. So machst du auf das Problem der Chancengleichheit aufmerksam und machst deinen Liebsten gleichzeitig eine Freude.

Wir konnten dir Lust auf dein eigenes Start-Up machen? Dann findest du hier Podcasts, die dir das nötige Know How vermitteln. Oder du bist auf der Suche nach deinem Traumjob? Diese 10 Berufe für Frauen werden richtig gut bezahlt.