Vielleicht kennst du das Gefühl, ein Kompliment für deine Leistung zu bekommen und es mit einem Handschlag abzutun, weil das nun wirklich nicht der Rede Wert war. Vielleicht hast du sogar schon mal daran gezweifelt, ob du dieses Lob und deinen Erfolg wirklich verdienst. Solche Zweifel beschleichen uns alle mal mehr und mal weniger. Betroffene des Hochstaplersyndroms, auch Imposter-Syndrom genannt, treiben diese Zweifel allerdings ständig um.

Sie sehen sich selbst als Betrüger:innen, die sich ihren Erfolg erschlichen haben und gehen jeden Tag mit der Angst durchs Leben, sie könnten entlarvt werden. Das Problem? Diese Zweifel sind nicht nur unbegründet, sondern können bei Betroffenen auch ernste Folgen haben. Was hinter dem Hochstaplersyndrom steckt und wie man es schafft, dem Teufelskreis der ewigen Selbstzweifel und Tiefstapelei zu entkommen, liest du hier.

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Wie kann es sein, dass man seine Erfolge permanent anzweifelt? Foto: IMAGO / Addictive Stock

Was steckt hinter dem Hochstaplersyndrom?

Imposter = Betrüger:in

Der englische Begriff zu diesem Syndrom mag auf den ersten Blick drastisch und irreführend zugleich klingen. Denn hier wird niemand betrogen. Höchstens betrügen sich die Betroffenen des Imposter-Syndroms selbst, weil ihre permanenten Selbstzweifel sie zu der Aussage treiben, sie wären nicht gut genug und sie hätten ihre Erfolge nicht verdient.

Das Kuriose: Meist handelt es sich bei den Betroffenen um sehr erfolgreiche und ehrgeizige Menschen, die hart für ihre Errungenschaften kämpfen. Doch die Zweifel an den eigenen Fähigkeiten und Leistungen sind hartnäckig und führen dazu, dass Lob schnell dem Glück oder Zufall zugeschrieben werden.

Es besteht demnach eine gravierende Diskrepanz zwischen der Eigen- und Fremdwahrnehmung. Während Außenstehende eine zielstrebige, ehrgeizige und erfolgreiche Person sehen, sind die Personen selbst der Ansicht, ihre Fähigkeiten würden überschätzt. Ist dieses Selbstbild besonders ausgeprägt, leben Betroffene zudem in ständiger Angst, ihre Inkompetenz könnte eines Tages entlarvt werden.

Übrigens: Bewusst habe ich im letzten Satz die Bezeichnung Selbstbild gewählt. Denn einige Wissenschaftler:innen sprechen ungern von einem Syndrom. Der Grund? Dem Wort Syndrom haftet etwas Krankhaftes an. Das Hochstaplersyndrom ist nach dem weltweit anerkannten Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen (ICD-10-GM) aber nicht als Krankheit gelistet.

Wie ist man auf dieses Selbstbild gestoßen?

Erstmalig ist der Begriff des Hochstaplersyndroms 1978 in einem Artikel von Pauline R. Clance und Suzanne A. Imes aufgetaucht. Hier berichteten die beiden Wissenschaftlerinnen von ihrer Beobachtung, dass vor allem erfolgreiche Frauen glauben, sie wären nicht sonderlich intelligent und dass ihre Leistungen von anderen überschätzt würden.

Zunächst wurde das noch als Persönlichkeitsmerkmal verstanden. Heute wird in der Forschung vor allem gesehen, dass diese Selbstzweifel als Reaktion auf verschiedene Ereignisse verstanden werden müssen. Beispielhaft können stereotype Rollenzuweisungen genannt werden, die täglich auf Frauen einprasseln und das Gefühl bestärken, sie hätten ihre Position im Leben nicht verdient.

Das Hochstaplersyndrom wird vor allem in Kontexten beobachtet, welche auf Leistungen ausgelegt sind. Beispielhaft tritt es im Arbeits- oder Studienkontext besonders häufig auf. Doch auch im sozialen Kontext können die Selbstzweifel überhandnehmen und Ängste aufkommen lassen, dass der/die Partner:in zum Beispiel entdecken könnte, dass man gar kein so toller Mensch ist.

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Vor allem Akademiker:innen leiden unter dem sogenannten Imposter-Syndrom. Foto: IMAGO / Westend61

Wer ist besonders anfällig?

Erste Beobachtungen haben demnach gezeigt, dass vor allem Frauen am sogenannten Imposter-Syndrom leiden. Heute weiß man, dass Männer und Frauen in etwa gleich häufig unter diesem von Zweifeln gebeutelten Selbstbild leiden. Wenngleich betont werden muss, dass sich Frauen dennoch häufiger in der Lage wiederfinden, sich von der Außenwelt besonders beobachtet zu fühlen. Ein Umstand, der dieses Phänomen bestärkt. Warum sich vor allem Frauen im Understatement üben, liest du hier.

Neben dem Geschlecht spielt zudem der soziale Stand bzw. die Ausbildung eine entscheidende Rolle. So sind vor allem Absolvent:innen einer Universität und Akademiker:innen besonders anfällig dafür, am Hochstaplersyndrom zu leiden.

Ganz besonders sind dabei solche Menschen betroffen, die aus einem „bildungsfernen Haushalt“ kommen und eine akademische Laufbahn eingeschlagen haben. Sie werden dann von dem ständigen Gefühl beschlichen, am falschen Platz zu sein und ihren Erfolg nicht zu verdienen.

Übrigens: Selbstzweifel sind zu einem Drittel eine Frage der Gene. Zwei Drittel werden dagegen durch die Erziehung und Sozialisation ausgemacht. Zudem ist man besonders betroffen, wenn man einen sehr hohen Leistungsanspruch an sich selbst hat, sich demnach auch selbst als perfektionistisch beschreiben würde und zudem einen sehr geringen Selbstwert aufweist.

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Selbstzweifel sind halb so wild? Leider nicht. Denn sie können ernst zu nehmende gesundheitliche Folgen haben. Foto: IMAGO / Westend61

Wie ernst sollte man Selbstzweifel nehmen?

Permanente Selbstzweifel sind nicht nur anstrengend und kräftezehrend, sondern können auch ernst zu nehmende Folgen haben. Denn wer in der ständigen Angst lebt, eines Tages als Betrüger:in entlarvt zu werden, ist auch ständig gestresst. Folglich stellen sich Stresssymptome ein, wie ein erhöhter Blutdruck oder auch Schlafstörungen. Aber auch psychosomatische Beschwerden wie Kopf- und Magenschmerzen sind möglich.

Neben der Gesundheit können zudem die sozialen Kontakte der Betroffenen auf der Strecke bleiben, da die sich immer häufiger isolieren. Denn wer in ständiger Angst lebt, seine Erfolge nicht zu verdienen, ist auch stets bemüht, sich den nächsten Erfolg jetzt aber wirklich zu verdienen. Dafür arbeiten sie hart, manchmal Nächte lang und vernachlässigen dabei ihre Familie, Partner:innen oder auch Freund:innen.

Selbsttest: Bist du vom Hochstaplersyndrom betroffen?

Kannst du folgenden Aussagen überwiegend zustimmen, könntest du am Imposter-Syndrom leiden:

  1. Mein letzter Erfolg war Zufall.
  2. Über meinen letzten Erfolg habe ich mich kaum gefreut.
  3. Mein letzter Misserfolg war allein meine Schuld.
  4. Ich bin nicht gut genug.
  5. Jemand könnte merken, wie unfähig ich bin.
  6. Ich bitte selten um Hilfe.
  7. Komplimente sind mir unangenehm.
  8. Die Meinung von anderen Menschen ist mir sehr wichtig.
  9. Mein Umfeld überschätzt mich.
  10. Ich zweifele ständig an mir und meiner Leistung.

Was man gegen das Hochstaplersyndrom tun kann

Sobald die Tiefstapelei so weit reicht, dass Betroffene unter ihrem Selbstkonzept leiden, also ihr Wohlbefinden, ihre Gesundheit oder ihre persönliche Entwicklung leiden, wird eine Therapie nötig. Vor allem wenn das Selbstbild derart ausufert, dass depressive Verstimmungen oder Burn-out eintreten.

Der erste Schritt zur Besserung? Wie so häufig braucht es dafür zunächst die eigene Erkenntnis. Dann kann es auch helfen, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Du hast Angst, stigmatisiert oder nicht ernst genommen zu werden? Dann solltest du dich in jedem Fall um einen Therapie-Termin bemühen.

In der kognitiven Verhaltenstherapie wird dann zum Beispiel der gedankliche Prozess hinter den Selbstzweifeln erfragt, um Annahmen anschließend zu überwinden. Das Ziel? Eine objektive Betrachtung statt einer subjektiven Entwertung des Selbst.

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