Midlife-Crisis, Unzufriedenheit oder einfach nur riesige Arschlöcher: Es gibt verschiedene Gründe, warum Menschen fremdgehen. Bei Menschen stellt sich nach diesem Vertrauensbruch die berechtigte Frage: „Warum betrügt man jemanden, den man liebt?“ Expert:innen kennen die Antwort darauf.

Psychologie: Warum sie komplexer ist, als unsere Moral

„Mein Schatz würde so was niemals machen!“, sagen die meisten Menschen in Beziehungen voller Überzeugung über ihren Partner oder Partnerin. Und dann machts der Schatz eines Tages doch: ein einmaliger Ausrutscher, betrunken auf der Firmenweihnachtsfeier (Welch ein Klischee) oder gleich eine richtige Affäre mit der besten Freundin.

Frau Überfordert Traurig Kunst
Die meisten Menschen stehen unter Schock, wenn sie vom Betrug des Partners erfahren. Foto: istock.com/wundervisuals

Hat es alles schon gegeben und fast immer fielen die Betrogenen aus allen Wolken. Dachte man doch, die Beziehung sei stabil und man würde geliebt werden. Tatsache ist: Liebe und Fremdgehen schließen sich nicht gegenseitig aus, auch wenn das für die allermeisten Menschen unlogisch erscheint. Der Grund ist: Unsere Psychologie ist deutlich komplexer als unser moralisches Wertesystem.

Die große Frage: Warum betrügt man jemanden, den man liebt?

Unser moralisches Wertesystem sagt: Fremdgeher:innen sind charakterlose, kaltherzige Menschen. Psycholog:innen und Therapeut:innen hingegen versuchen mit Nachdruck, diese recht simple Betrachtungsweise aufzubrechen. Es steht außer Frage, dass Fremdgehende einen massiven Vertrauensbruch begehen und dass Betrügen immer mit einer Entscheidung für das Durchsetzen der eigenen Bedürfnisse einhergeht – auch, wenn es bedeutet, dass man dem Menschen, der einem vertraut, massiven Schmerz zufügt.

Stellen wir uns die Frage, warum man jemanden betrügt, den man liebt, findet sich ein Großteil der Antwort in eben jenem Stichwort: Bedürfnisbefriedigung. Das können völlig unterschiedliche Arten von Bedürfnissen sein – von der trivialen sexuellen Anziehung bis hin zum unterschwelligen Wunsch nach Anerkennung und Geborgenheit.

Wieso betrügt man jemanden, den man liebt? Die Antworten sind vielfältig. Foto: Pexels/ Ron Lach

Nicht Sex: Deshalb betrügt man jemanden, den man liebt

Drei US-Forscher von den University of Maryland, der Indiana University und der Stony Brook University haben 2020 in einer Online-Umfrage 500 Menschen, die untreu waren, nach ihren Beweggründen gefragt. Aus den Antworten konnten acht Hauptgründe herausgearbeitet werden. Überraschend: Sex gehört nicht dazu.

Oft wurde eine Wut-Reaktion genannt, zum Beispiel, weil der andere zuvor fremdgegangen war. Ganz vorn mit dabei sind aber auch tieferliegende Bedürfnisse wie Selbstwert und das Bedürfnis nach Liebe. Die meisten untreuen Menschen fühlten sich in ihren Beziehungen nicht genug gesehen oder wertschätzt.

Manche hatten nicht klar genug abgesprochen, wie in ihrer Beziehung die Rahmenbedingungen in puncto Treue aussehen. Und wieder andere nannten oberflächliche Gründe wie die Lust auf Abwechslung oder auch den Klassiker: zu viel Alkohol. Aber ist „betrunken sein“ wirklich ein Grund, jemanden zu betrügen, den man liebt?

Weder Alkohol, noch spontan: Wer liebt, betrügt aus einem tieferliegenden Grund

Die Frage, wie groß die Liebe zu jemandem ist, wenn schon ein Glas Sekt zu viel ausreicht, um sich auf einen Seitensprung einzulassen, sei dahin gestellt. Tatsächlich aber sind gerade solche „Ausrutscher“ seltener dem Alkohol geschuldet (auch, wenn die Betrügenden es selbst so wahrnehmen), als einem tieferliegenden Grund. Der Alkohol (oder die Wut) senken nur die Hemmschwelle, dem eigentlichen Bedürfnis zu folgen.

Wer seine:n Partner:in liebt und trotzdem betrügt, tut das selten aus einer spontanen Laune heraus. Es schlummern so viele komplexe Gefühle und Bedürfnisse in uns, dass wir manchmal nicht dazu in der Lage sind, die Kontrolle zu behalten. Man betrügt jemanden, den man liebt, weil man in der anderen Person etwas sucht, das die bestehende Beziehung nicht zu erfüllen scheint. Oder was man selbst nicht zu erfüllen schafft.

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Ein Betrug passiert nicht einfach so. Wer seine Emotionen & Bedürfnisse reflektiert, kann sie besser kontrollieren. Foto: IMAGO/ Cavan Images

Warum betrügen Menschen: Therapeutin Aino Simon weiß es

Die Paartherapeutin Aino Simon arbeitet viel mit Paaren, die einen Vertrauensbruch aufarbeiten wollen: „Ein Betrug entsteht oft deshalb, weil wir nicht miteinander reden. Da schlummert ganz viel in uns, was wir niemals zeigen und selbst in dieser ganz nahen Beziehung uns niemals trauen auszusprechen. Weil wir es vielleicht selbst gar nicht bemerken oder auch weil es so ungewohnt ist, darüber zu sprechen.“

Dass Bedürfnisse in Partnerschaften nicht immer erfüllt werden, hat nichts mit Liebe zu tun. Problematisch wird es, wie Aino Simon sagt, wenn diese Bedürfnisse unterdrückt und nicht besprochen werden. Das kann zu einer tief liegenden Unzufriedenheit führen, die an der Oberfläche vielleicht gar nicht spür- oder sichtbar ist. Darum sind die Betrogenen so überrascht, wenn die Bombe platzt. „Wieso habe ich denn nichts gemerkt?“, fragen sie sich dann und geben sich im worst case selbst die Schuld.

Kommunizieren statt betrügen!

Dabei konnten sie nichts merken, weil sie vermutlich ähnlich wenig von der Unzufriedenheit des Partners gewusst haben wie dieser selbst. Unsere Gefühle werden uns dann gefährlich, wenn sie unreflektiert in uns schlummern und eines Tages unkontrolliert ihren Weg nach außen suchen. Ob das dann auf der Weihnachtsfeier der Fall ist oder sich in einem Verliebtheitsgefühl für die beste Freundin der Partnerin äußert, ist individuell. Gemeinsam haben die meisten Fälle von Betrug, dass sie hätten verhindert werden können, würde in der Partnerschaft eine gesunde Offenheit den eigenen Gefühlen und denen des Partners gegenüber bestehen.

„Die Fähigkeit zu kommunizieren ist erlernbar“

Diese Art der offenen Kommunikation – und das ist die gute Nachricht lässt sich lernen. „Wenn Menschen die Fähigkeit fehlt, ihre Bedürfnisse auf eine faire und offene Art zu kommunizieren und zu erfüllen, kann ich das nicht verurteilen. Stattdessen möchte ich ihnen sagen, dass diese Fähigkeiten erlernbar sind, zum Beispiel in einer Paartherapie“, rät Aino Simon. Die eigenen Gefühle und Bedürfnisse lassen sich auch in der Einzeltherapie herausfinden. Wichtig ist nur, diese Dinge nicht zu verdrängen.

Unser Tipp: Wenn du gerne therapeutische Unterstützung hättest, die Wartelisten aber mal wieder voll sind, gibt es eine Alternative: Therapie, Coaching oder Paartherapie online mit der App Dearest. Erfahre mehr dazu im Artikel.

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