Jeannine Budelmann schreibt in ihrer aktuellen Kolumne über ihre Erfahrungen mit Sexismus am Arbeitsplatz. Einigen werden sich bei ihren Worten vor Scham die Zehennägel aufrollen. Andere können vielleicht selbst ein Liedchen vom sexistischen Verhalten der Männer singen. Wir freuen uns über Rückfragen, Kommentare und Selbsteinschätzungen.

Jeannine Budelmann ist Geschäftsführerin eines Elektronik-Unternehmens und stellvertretende Bundesvorsitzende der Wirtschaftsjunioren Deutschland. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Münster.

Für wmn.de schreibt Jeannine von ihrem Alltag als Chefin, ihren täglichen Begegnungen mit Männern und Frauen in einer patriarchalen Branche. Ihre Beobachtungen sind scharfsinnig, ihre Schlüsse sind wohldurchdacht und ihre Tipps sind spitzzüngig. 

Pfeifende Paviane: Ein Gleichnis des Sexismus

Im Zoo ist es häufig so: Meine Tochter und ich stehen vor dem Affengehege und sind uns nicht ganz sicher, wer hier eigentlich wen beobachtet: Wir die Affen oder die Affen uns? So geht es mir manchmal auch im Berufsleben. Mit Staunen und Verblüffung beobachte auch ich mein größtenteils männliches Umfeld. 

Gleichzeitig beobachten Männer wiederum die Frauenwelt. Viele Männer tun dies mit einer erstaunlichen Offenheit: Mal steht der Mund offen, mal bekommt man ganz besonders offene Einblicke in die Denkwelt des betreffenden Exemplars. Der Sexismus ist gerade am Arbeitsplatz offensichtlich.

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Frauen erleben noch immer häufig Sexismus am Arbeitsplatz. Unsere Kolumnistin klärt auf.(Photo: Gettyimages/Flashpop)

Sexismus am Arbeitsplatz: So sieht er aus

Das kennt auch Lisa. Die Einkäuferin eines Maschinenbauers ist häufiger mal bei Kunden zu Besuch. Der Klassiker: Vor einem großen Firmengebäude liegt ein Parkplatz, der von allen Bürofenstern auf dieser Seite gut einsehbar ist. Sie steigt aus dem Wagen, holt ihre Tasche aus dem Auto und läuft auf den Eingang des Gebäudes zu. Eigentlich ein ganz normaler Vorgang. Aber blickt sie nach oben, sieht sie offene Münder an Dreiviertel der Fensterscheiben und 40 Augenpaare, die sie auf dem Weg verfolgen. Anscheinend ist es für die überwiegend männliche Belegschaft ein Spaß, ihr Aussehen zu kommentieren oder über ihre Kompetenzen zu mutmaßen. Wie sollte man soetwas nennen, wenn nicht Sexismus?

Auch wenn es nichts zur Sache tut: Lisa trägt im beruflichen Kontext in der Regel hochgeschlossene Hosenanzüge. Als Frau frage ich mich: Was ist an einem Menschen so interessant, der aus einem Auto aussteigt und zum Gebäude läuft? Was, liebe Männer, denkt ihr euch dabei? Tatsächlich habe ich ein solches Phänomen noch nie andersherum beobachtet. Ich kann aber verraten, dass man sich als Frau in einer solche Situation fühlt, als sei man ein Affe im Käfig.

Sexismus Deluxe: Bitte irgendeine Frau noch schnell mit aufs Foto!

Es gibt für Männer im beruflichen Kontext aber noch weitere Varianten, um ihren Status auf Kosten einer Frau zu erhöhen: die Inszenierung der Frau als schmückendes Beiwerk zum Beispiel. Mein Mann berichtete mir Anfang des Jahres von einer Geschäftsreise mit einer Gruppe älterer Männer nach Brüssel. Lauter wichtige Wirtschaftsvertreter treffen sich mit wichtigen Politikern (selbstverständlich alle männlich). 

Es soll natürlich in der Heimat darüber berichtet werden, wie wichtig das Ganze sei und auf einmal stellt man fest: Mist! Wir haben ja gar keine Frau dabei! Egal, wer ist denn gerade noch in der Nähe? „Hey, Sie da! Könnten Sie bitte mit aufs Foto kommen? Wenn ich nach Hause komme, meckert meine Frau sonst wieder, dass wir keine Frauen dabei haben. Hahaha!“. 

Beförderung
So ungefähr stellen sich die erfolgreichsten Unternehmen Deutschlands ihre MitarbeiterInnen vor.(Photo: Wavebreakmedia Ltd via www.imago)

Warum macht man so etwas? Das Foto signalisiert: Wir sind für Gleichberechtigung. Wir sind gegen Sexismus am Arbeitsplatz. Frauen können dabei sein und wir wollen sie ja auch unbedingt an unserer Seite wissen. Gleichzeitig können die alten weißen Männer weitermachen, wie bisher, denn tatsächlich sind Frauen für sie nichts weiter als Dekoration.

Wir glauben an das Märchen der Emanzipation

Wir alle glauben mittlerweile, es gäbe Chancengleichheit. Wer möchte, kann ja Karriere machen. Die Türen stehen offen, jeder hat das Recht, sich zu bilden, zu arbeiten und damit nach oben zu kommen. Nur: Diese scheinbar witzigen Bemerkungen, die den Karriereweg von Frauen säumen, verdeutlichen, wie sexistisch es tief in unseren Köpfen noch immer aussieht: mittelalterlich. 

„Hm, das weiß ich gerade auch nicht. Müsste ich googlen. Dafür habe ich ja meine Kollegin neben mir sitzen“. Für sich genommen kann man zu jedem Kommentar sagen, dass es nicht so gemeint war, man sich nicht so haben solle. Aber überlegen Sie sich einmal, meine Herren, wie es Ihnen gehen würde, wenn Sie stündlich etwa 5-10 solcher Bemerkungen ausgesetzt wären! 

Hier ein Karrieretipp, den eine Bekannte kürzlich ungefragt bekam: „Je höher du nach oben kommen willst, desto tiefer musst du ihn in den Mund nehmen“. Was passiert mit Mädchen, die zu selbstbewussten Frauen heranwachsen sollen, denen aber permanent unterschwellig signalisiert wird: Ohne uns Männer bist du gar nichts! Es ist unerträglich, dass Frauen mit den Augen ausgezogen werden, dass ihnen im Büroflur anzügliche Dinge ins Ohr geraunt werden, dass man ihnen hinterherpfeift. Es ist übergriffig, wenn der Kleidungsstil, die Figur, das Essen, das Muttersein oder auch das Nichtmuttersein von männlichen Kollegen kommentiert werden – sei es offen oder auch im Hinterzimmer. Es ist ein Wahnsinn, dass wir das alles noch immer hinnehmen!

Von oben nach unten: Auf Gruppenfotos im Liegen posieren

Alle Frauen kennen solche Situationen: Im Privaten, aber eben auch im beruflichen Umfeld. Männern passiert so etwas seltener. Eine kurze Zwischenfrage an die männlichen Leser: Wann wurden Sie das letzte Mal gebeten, für ein offizielles Foto auf dem Boden liegend zu posieren? So geschehen in diesem Sommer: „Na, dann legen sich doch jetzt die Damen mal dekorativ vorne in die erste Reihe“. 

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz schon gehört habe. 50 Mal? 100 Mal? Und ich frage mich: Welcher Sexist glaubt eigentlich, dass das ein lustiger Einfall sei? Scheinbar liegt die Quote immer noch bei 30-40% (wenn man nach den Lachern geht). Es ist traurig. Unabhängig davon, ob ich dekorativ aussehe, wenn ich auf dem Boden liege – ich war zu diesem Termin unter den Anwesenden die Person mit dem höchsten beruflichen Status innerhalb der Organisation. 

Warum sollte also ausgerechnet ich unten liegen? Geistreich finde ich eine solche Bemerkung nicht. Es ist also scheinbar egal, wieviel wir arbeiten, wieviel wir erreichen. Final sollen wir doch wieder unten liegen und zu unseren männlichen Kollegen nach oben blicken. Sie thronen gerade am Arbeitsplatz über allem, völlig unabhängig davon, was sie geleistet haben. 

Ich für meinen Teil bin seit ein paar Wochen dazu übergegangen, jede sexistische Bemerkung am Arbeitsplatz zu spiegeln. Das ist anstrengend, aber wirksam. Zu obigem Foto-Posierungs-Vorschlag antwortete ich: „Mhmmm, ich wäre sehr stark dafür, dass sich unsere bestaussehendsten Männer vor uns auf dem Boden räkeln, am besten in Unterwäsche“. Schweigen. Irritierte Blicke. Es ratterte einen Moment und dann erst wurde klar, wo das Problem liegt. Auf einmal wurden die Männer zu Objekten, die man schamlos beobachtet, bewertet und benutzt. 

Jeannine
Jeannine ist eine junge Unternehmerin. Mit Kind. Verrückt.(Photo: WJD/Pia Jennert)

Ich hatte nicht das Gefühl, dass sich meine Mitstreiter in dem Moment sonderlich wohl fühlten. Schade, dass es nicht anders geht. Aber anscheinend ist vielen Menschen der alltägliche Sexismus so in Fleisch und Blut übergegangen, dass es drastischerer Methoden braucht, um darauf aufmerksam zu machen. Ich möchte nicht mehr der Affe im Käfig sein, den man ungeniert angaffen darf. Wir gaffen zurück! Vielleicht schafft es unsere ja Generation noch, den Zoo aus unserem beruflichen Alltag zu verbannen. Ich wünsche es uns sehr!

Noch mehr Kolumnen von Jeannine findest du hier:

Über Weiberarbende und vermeintliche Lästereien. Jeannine räumt mit Klischées darüber auf, was passiert, wenn Frauen sich treffen. 

Jeannine erklärt uns in ihrer Kolumne auch, was es bedeutet, trotz Kind Karriere zu machen. Unsere Kolumnistin ist es satt, dass ihr alte weiße Männer sagen, sie müssen sich zwischen beidem entscheiden.

Wie steht es eigentlich seit Corona um die Kinderbeteuung? Nicht sonderlich rosig, wenn man Jeannine fragt. Wie wir seit der Pandemie wieder in die 50er Jahre abgedriftet sind, erfährst du hier.