In unserer Reihe #CoronaAlltagsheldInnen werfen wir einen besonderen Blick auf die Menschen, deren Leben durch die Coronakrise deutlich über den Haufen geworfen wurden. Wir führen Interviews mit jenen, die seit Beginn des Jahres zu wenig Gehör fanden, denen ihre Existenz geraubt wurde und die nun versuchen müssen, in ein besseres Jahr 2021 zu blicken. 

Die Umsatzeinbußen der Gastronomie waren dieses Jahr jenseits von Gut und Böse. Noch gibt es allerdings keine absoluten Zahlen darüber, wie viel weniger Geld im Coronajahr in der Gastro eingenommen werden konnte. 

Die Gastronomie ist seit der Coronakrise nicht mehr die alte

Laut des Statista Branchenreports aus dem Jahr 2019 wurde der Umsatz der Gastronomie im Jahr 2020 in Deutschland auf gut 60,6 Milliarden € geschätzt. Das hätte einen Anstieg von knapp 3 % zum Vorjahr bedeutet. 

Und wo stehen wir jetzt? Nach Monaten des Lockdowns, nach Hygienemaßnahmen und verschlechterter Liquidität der deutschen Bevölkerung stehen viele Gastronomien vor dem Aus. Menschen haben ihre Jobs verloren, andere haben keine Ahnung, wann sie aus der Kurzarbeit zurückkehren können. 

Ein Interview mit einer Gastronomin aus Leidenschaft

Was macht das mit den Menschen im Gastrobereich? Welche Gedanken, Ängste und Nöte haben sie und wie schauen sie auf ihre Zukunft? Wir haben mit Annett gesprochen. Sie ist die Serviceleiterin des Torhaus Restaurants und Hotels in Soest am Möhnesee.

Annett ist 42 Jahre alt und arbeitet seit 25 Jahren in der Gastronomie. Sie könnte sich niemals vorstellen, einen anderen Job zu machen. Die berufliche Gastfreundschaft liegt ihr im Blut, das merkt man ihr sofort an. Seit gut 20 Jahren ist sie im Torhaus am Möhnesee angestellt, einem Kleinod im Arnsberger Wald, das als Ausflugslokal und Romantikhotel bis über die Grenzen Nordrheinwestfalens hinaus bekannt ist. 

Ich bin Gastronomin aus Leidenschaft. Ich könnte niemals etwas anderes machen.

– Annett, Gastronomin

 Mit gut 600 Sitzplätzen für die Gäste ist hier zu Hochzeiten die absolute Hölle los. Annett liebt den Stress und weiß sehr genau, wie sie mit ihrem 18-köpfigen Team umzugehen hat, wenn es hart auf hart kommt. Eigentlich. Denn Annett ist seit Monaten auf Kurzarbeit. Und langweilt sich zu Tode.

Wann haben die Repressalien bei euch angefangen?

Annett: Im März dieses Jahres begann die Kurzarbeit. Dann gab es im Sommer ein kleines Fenster, in dem wir wieder arbeiten konnten. Im November haben wir dann alle Urlaub und Überstunden abgebummelt und jetzt sind wir wieder auf Kurzarbeit.

Das heißt also, du bekommst seither 60% deines Gehaltes?

Annett: 67% , weil ich zwei Kinder zu versorgen habe. 

Aber ich muss ehrlich sagen: Es ist nicht das Geld, das fehlt. Damit kommen wir schon zurecht. Es ist vielmehr die Arbeit, die ich vermisse.

Jeden Tag mit den Menschen zusammen zu sein, die Kollegen zu treffen. Eine Aufgabe zu haben und zu schauen, dass alles läuft. Das ist alles vorbei. Ich habe keine Action mehr. Du kannst es dir vorstellen: Wenn es hier voll ist, dann müssen wir alle rennen. Und das gibt es jetzt alles nicht mehr.

Es ist vor allem die Arbeit, die ich vermisse.

– Annett, Gastronomin

Du sitzt also im Moment Zuhause und….

Annett: … gucke Fernsehen, ganz genau. Mein Highlight ist dann noch das Einkaufengehen.Schlimm war auch Weihnachten dieses Jahr. Das war auf jeden Fall das komischste Weihnachten, das ich jemals hatte. 

Normalerweise war ich über die Weihnachtstage immer am arbeiten. Heiligabend hatte ich zwar frei, aber über die Feiertage war ich immer hier. Ich liebe das: Die Leute sind so gut drauf und haben Spaß und die freuen sich richtig, wenn man denen etwas bietet. Und wir haben uns immer etwas Schönes ausgedacht für die Gäste.

Gatronomen in der Coronakrise
Annett und der Marcel, Koch des Torhauses, sind ein Dreamteam. Leider derzeit ohne Arbeit.(Photo: @luftsprung)

Und wie sieht es normalerweise an Silvester aus?

Annett: Da habe ich normalerweise auch immer gearbeitet. Wir haben hier zwar keine großen Feiern veranstaltet, aber es gab bis 23 Uhr immer ein 5-Gänge-Menü und einen Piccolo aufs Haus, damit die Leute auch gebührend anstoßen konnten. Das ist dieses Jahr auch nicht möglich.

Wie schätzt du die Situation ein? Am 10. Januar sollen die Maßnahmen theoretisch wieder gelockert werden…?

Annett: Auf gar keinen Fall wird das passieren! Ich denke so im März wird das frühestens wieder was. 

Hast du schon eine Idee, wie du die viele Zeit bis dahin überbrücken willst?

Annett: Puh, ja. Ich bin echt am überlegen, ob ich mir etwas suche. Irgendetwas Soziales kann man ja immer machen. Vielleicht im Altenheim aushelfen, oder den alten Menschen die Einkäufe nach Hause bringen. Irgendetwas muss man ja machen.

Du bist einfach ein Arbeitstier?

Annett: Ja, genau! Ich bin ja jetzt auch von 100% auf 0% heruntergebremst worden. Wäre ich krank geworden und könnte deshalb nicht arbeiten, wäre es etwas anderes. Aber so muss ich damit klarkommen, dass ich schlicht nicht arbeiten darf. 

Und was genau könntest du dir vorstellen zu tun?

Annett: Es sollte auf jeden Fall etwas Sinnvolles sein. Vielleicht werde ich mir einen 450€-Job in einem Impfzentrum suchen. Ich kann natürlich niemanden impfen, weil ich ja keine medizinische Ausbildung habe. Aber Hilfe können die sicher gebrauchen.

Klar könnte ich auch anfangen in einem Supermarkt Regale einzuräumen, aber es sollte schon eine Tätigkeit sein, die einen echten Sinn hat. Das würde ich auch unentgeltlich machen. Ich muss dafür nicht bezahlt werden. Ich will nur morgens aufstehen und wissen, warum ich aufstehe.

Das würde ich auch unentgeltlich machen. Ich muss dafür nicht bezahlt werden. Ich will nur morgens aufstehen und wissen, warum ich aufstehe.

– Annett, Gastronomin

Wenn ich mir jetzt überlege, wie derzeit im Lockdown mein Tag aussieht… Ich kriege nichts geschafft. Weil ich so viel Zeit habe. 

Wenn ich arbeite und weiß, ich muss um 12 Uhr mittags auf der Matte stehen, dann schaffe ich es, vorher einzukaufen, zu putzen, zu waschen, zu kochen und die Kinder zu versorgen. Und jetzt habe ich den ganzen Tag Zeit…

Ja, das Paradox kenne ich. Je weniger Zeit du hast, desto mehr bekommst du geschafft.

Annett: Ganz genau! Und jetzt, wo alle Zuhause sind, muss ich nichts mehr innerhalb kurzer Zeit schaffen. Das macht einen echt faul. 

Nochmal zurück zum Torhaus: Der Dezember ist wahrscheinlich normalerweise einer der umsatzstärksten Monate überhaupt für euch. Dieses Jahr fällt das komplett aus. Machst du dir Sorgen um den Betrieb und um deinen Job?

Annett: Nein, absolut nicht. Wir werden auf keinen Fall pleite gehen. Denn es wird wie nach dem ersten Lockdown sein: Die Leute sind so ausgehungert. Die vermissen die Gastronomie ja genauso wie ich. Sobald wir wieder öffnen dürfen, werden die uns hier die Bude einrennen. 

Und ich glaube auch, dass viele Menschen weiterhin in Deutschland Urlaub machen wollen. Da ist der Möhnesee absolut perfekt. Du kannst hier alles machen: Wandern, schwimmen, Fahrradfahren. Und wir sind eines der bekanntesten Ausflugslokale und Hotels in der Gegend… Die werden schon kommen. 

Wir werden die verlorenen Monate nicht auffangen können. Finanziell hat uns das auf jeden Fall weit zurückgeworfen, aber wir werden uns da rauskämpfen und einfach weitermachen.

Wurde bei euch jemand entlassen?

Annett: Nein, bei uns uns ist niemand gefeuert worden. Kurzarbeit: Ja. Entlassen: Auf keinen Fall.

Wie sah denn euer Hygienekonzept vor dem Lockdown aus?

Annett: Wir haben eine Ampelanlage vor den Toiletten eingebaut, überall Desinfektionsmittelspender aufgestellt, alles doppelt und dreifach gereingt, die Hälfte der Tische nicht genutzt. Die Gäste durften sich nicht mehr ihren eigenen Platz suchen, sondern mussten dort hingeleitet werden.

Falls jemand seine Maske vergessen hatte, haben wir sie für einen Euro angeboten. Der Erlös, der damit gemacht wurde, wird übrigens an einen guten Zweck gespendet.

Ist es dir schwer gefallen, dich an die Regeln zu gewöhnen?

Annett: Mittlerweile ist mir das komplett in Fleisch und Blut übergegangen. Für die Servicekräfte ist es ja ganz normal, sich dauernd zu waschen. 

Komisch war es aber, die Gäste zu registrieren. Von jedem Einzelnen die Name, Adresse und Handynummer war schon komisch. Vor allem, weil ich mir sicher bin, dass viele aus Angst, dass bei ihnen eingebrochen werden könnte, falsche Angaben gemacht haben.

Torhaus am Möhnesee
Das Torhaus ist eigentlich Treffpunkt alle Generationen. Derzeit trifft sich dort aber niemand.(Photo: @luftsprung)

Oh man. Dann sag doch mal: Was habt ihr mit den Daten gemacht?

Annett: Wir haben sie 4 Wochen lang im Keller gelagert. Danach kam alles in den Schredder.

Wo und wann hat die Politik  deiner Meinung nach in den letzten Monaten die falschen Entscheidungen getroffen?

Annett: Ganz klar: Die Restaurants hätten nicht schließen müssen. Wir und alle anderen Restaurants haben viel Zeit, Geld und Energie in Hygienekonzepte gesteckt, die von der Regierung vorgegeben waren. 

Es wurde ja sogar vom Ordnungsamt kontrolliert, ob die eingehalten werden. Und trotzdem waren wir die ersten, die zugemacht haben und wir werden die letzten sein, die wieder aufmachen dürfen. Gleichzeitig sitzen die Leute in öffentlichen Verkehrsmitteln dicht an dicht und das bleibt bestehen.

Was wünschst du dir vom Jahr 2021?

Annett: Dass wir genug Impfstoff haben. Und dass es für die Impfgegner eine lebenslange Maskenpflicht gibt.

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