Ich bin ein Einzelkind. Und ja, in meinem Fall stimmt das Klischee: Wollte ich als Kind etwas haben, habe ich es in der Regel bekommen. Vielleicht nicht auf dem ersten Weg. Denn meine Mutter war oft unerbittlich. Aber spätestens, wenn ich bei meinem Vater auf die Tränendrüse gedrückt habe, war mir mein Wunsch sicher. Ohne Scham kann ich zugeben, dass ich ein verwöhntes Kind war. Stolz bin ich darauf allerdings nicht, denn wo mir meine Grenzen in der Kindheit nicht aufgezeigt wurden, musste ich sie als Erwachsene umso mehr spüren. Daher weiß ich ganz genau, zu welchen charakterlichen Defiziten eine allzu süße Kindheit führen. Fünf davon findest du hier…

Verwöhnte Kinder: Wie schmal ist der Grat zwischen Fürsorge & Verwöhnung?

Es ist ein schmaler Grat, die Bedürfnisse und die Wünsche eines Kindes zu erfüllen. Bedürfnisse sind für das Überleben notwendig: Essen, Schlafen, Arztbesuche, Respekt und Bildung sind unter anderem solche Bedürfnisse. Und die müssen jedem Kind ohne Zweifel erfüllt werden.

Wünsche hingegen konkretisieren diese Grundbedürfnisse und übersteigen sie zum Teil. Ein Kind möchte beispielsweise nicht mehr nur sein Grundbedürfnis auf Nahrung gedeckt wissen, sondern verlangt nach Süßigkeiten. Natürlich darf man Kindern solche Wünsche erfüllen, jedoch sollte man dabei immer ein gesundes Maß wahren. Sonst riskiert man, ein verwöhntes Kind heranzuziehen.

Ein Kind verwöhnt man nicht, weil man ihm zu viel Liebe, Aufmerksamkeit und Lob schenkt, sondern zu viele materielle Dinge erlaubt, die es gar nicht braucht. Und dieses Übermaß an Dingen, dieses zu häufige Ja-Sagen und dieses permanente Einknicken kann sich auch später noch zeigen, wenn die Kinder längst erwachsen sind…

Kennst du schon den Wein & Weiber Podcast vom wmn-Magazin? In dieser Folge sprechen Mona und Lisa über das Erwachsenwerden.

5 Probleme, die nur verwöhnte Kinder kennen

Kinder, die nach Strich und Faden verwöhnt wurden, haben nie ein Nein kennengelernt. Bei Brettspielen ließ man sie gewinnen, bei Sportfesten tröstete man sie mit Sätzen wie: „Dabei sein ist alles!“ und auf einem Jahrmarkt durften sie sich an jeder einzelnen Bude ausprobieren – Zuckerwatte in der einen und Schokoobst in der anderen Hand.

So verlockend diese Kindheit auch klingt, verwöhnte Kinder haben es mitunter in der Erwachsenenwelt nicht leicht. Denn sie zeigen oft schwierige Charakterzüge – und ich darf das sagen, immerhin habe ich mich bereits selbst als verwöhntes Kind geoutet. Daher weiß ich allerdings auch, dass die folgenden fünf Eigenschaften vorkommen können, man aber sehr wohl an ihnen arbeiten kann…

1. Kritikunfähigkeit

Du warst Papas Prinzessin oder Mamas kleiner Prinz? Dann wirst du wissen, wie unangenehm Kritik und Zurückweisung sich als erwachsener Mensch anfühlen können. Denn in der Kindheit blieb die aus. Egal, wie hässlich das selbstgemalte Bild war, wie schlecht die Matheklausur lief oder wie langsam man den 100-Meter-Sprint lief, Mama und Papa standen mit einer Belohnung bereit.

In der Erwachsenenwelt fällt es dann schwer, plötzlich Kritik einzustecken und damit zu arbeiten. Doch Reflexion ist alles. Daher habe ich dir hier einen Text geschrieben, wie man Kritik besser annehmen kann.

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Verwöhnte Kinder haben es als Erwachsene oft schwer, Kritik anzunehmen, da sie das aus ihrer Kindheit nicht kennen. Credit: IMAGO/ Addictive Stock

2. Unselbstständigkeit

Verwöhnte Kinder müssen sich in der Regel um nichts kümmern. Ich weiß noch, wie mein Vater mir in der 10. Klasse meine Praktikumsbewerbungen schrieb. Als ich an der Uni auf Jobsuche ging, fiel ich berechtigterweise ganz schön auf die Nase und war völlig überfordert, weil ich mit dieser Aufgabe nie zuvor auf mich allein gestellt war.

Gleiches gilt für meinen Orientierungssinn. Da meine Eltern mir jede Entscheidung und Richtung beispielsweise im Urlaub vorgaben, musste ich selbst nie räumlich denken. Bis heute fällt es mir schwer, mich ohne Google Maps im Urlaub und überhaupt zu orientieren. Selbstständigkeit sieht anders aus. Aber keine Sorge: Dank dem lebenslangen Lernen kann auch das nachgeholt werden. Mittlerweile laufe ich nicht mehr in die falsche Richtung.

3. Mangelnde Initiative

Verwöhnte Kinder sind es gewohnt, dass alles im Leben seinen Lauf nehmen wird und sie für Erfolge nicht kämpfen müssen. In der Folge zeigen sie oft auch als Erwachsene wenig Initiative und lehnen sich entspannt zurück. Irgendwer wird es schon erledigen. Die Realität lehrt einen allerdings schnell, dass man erfolgreicher ist, wenn man sich in Dinge proaktiv reinhängt. Glaubst du mir nicht? Probiere es einfach mal aus!

4. Schlechte Verlierer:innen

Was soll ich sagen? Ich bin 27 und es ist kein Jahr her, dass ich wegen eines Brettspiels geheult habe – wie ein verwöhntes Kind. Zum einen bin ich voller Ehrgeiz und zum anderen habe ich nie gelernt zu verlieren. Denn standesgemäß haben meine Eltern mich bei Mensch-Ärgere-dich-nicht, Monopoly und Maumau gewinnen lassen. Bis heute bin ich damit beschäftigt, dieses Defizit aufzuarbeiten, vor allem fernab von Brett- und Kartenspielen, wenn es um die Arbeit geht.

Vielleicht bist auch du mit diesem Charakterzug vertraut? Dann solltest du dich nicht entmutigen lassen. Verlieren gehört zum Leben dazu. Schwarzmalerei allerdings nicht. Versuche es stattdessen mit positiven Affirmationen, die dir beim nächsten Mal Erfolg verschaffen können.

Weiterlesen: Wie du deine Wut kontrollieren und in geordnete Bahnen lenken kannst, liest du hier.

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Verlieren oder zurückgewiesen werden passt dir so gar nicht? Das könnte daran liegen, dass du als Kind permanent deinen Willen bekommen hast. Credit: IMAGO / Addictive Stock

5. Ständiges Handtuchwerfen

Verwöhnte Kinder haben bekommen, was sie sich gewünscht haben. Und wenn nötig, waren Mama und Papa da, um den nötigen Schubs ins Ziel zu geben. Als Erwachsene schauen diese Menschen nun aber in die Röhre, denn allein um etwas zu kämpfen, kann ganz schön kräftezehrend sein. Vor allem, wer öfter mal das Handtuch wirft und Projekte nicht zu Ende bringt, sollte sich fragen, ob die eigene Kindheit etwas damit zu tun hat.

Aber versteht mich nicht falsch! Aufgeben ist kein Versagen. Ab und an ist es sogar verdammt heilsam. Lies hier meinen Artikel zum Thema: Warum das Mantra „Niemals aufgeben!“ in der heutigen Zeit brandgefährlich ist.

Verwöhnte Kinder müssen nicht zu verwöhnten Erwachsenen werden

Womöglich hast du einige der fünf Probleme bzw. Charakterzüge bei dir wiedererkannt und musstest dir eingestehen, dass auch du ein verwöhntes Kind warst? Das ist kein Problem, solange du dich reflektierst und an dir arbeitest. Nur weil deine Eltern es etwas zu gut mit dir meinten und dich mit Liebe und materiellem Besitz vollgepumpt haben, muss dein späteres Leben nicht darunter leiden. Wie sagt man so schön? Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung …

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