Betreten die meisten Menschen einen Raum mit vielen Menschen, zum Beispiel auf einer Party, wandert ihr Blick zunächst zu bekannten Gesichtern oder aber zur Bar. Zielstrebig steuern sie dann durch den Raum, begrüßen Freunde oder Bekannte und holen sich einen Drink. Was sich hier als völlig normale Situation liest, erscheint Menschen, die unter sozialer Angst leiden, absolut illusorisch.

Ihre Angst vor menschlichen Kontakten ist so groß, dass sie solche Situationen entweder ganz meiden oder den gesamten Abend mit einem flauen Gefühl zu kämpfen haben. Ertönt dann auch noch schallendes Gelächter, haben sie häufig das Gefühl, es würde über sie gelacht. Doch wie kommt es zu einer solchen Sozialphobie und was kann man dagegen tun? wmn klärt auf.

Was steckt hinter Sozialer Angst bzw. einer Sozialen Phobie?

Nach der ICD-10 Klassifikation der WHO (Weltgesundheitsorganisation) gehört die Soziale Angst zu den phobischen Störungen. Ähnliche Begriffe sind die sogenannte Anthropophobie, also die Angst vor Menschen oder aber die Soziale Neurose. Gemeint wird mit dem Begriff die Angst vor dem prüfenden Blick anderer Menschen. Häufig geht diese Angst mit einem niederen Selbstwertgefühl und der allgemeinen Angst vor Kritik einher.

Betroffene Sozialer Angst haben also zumeist die Befürchtung, von anderen nicht gemocht zu werden oder aber als merkwürdig oder komisch abgestempelt zu werden. Besonders die Angst, andere könnten sich über die eigene Person lustig machen, lähmt Betroffene.

Meist beginnen sie sich für die eigenen Bewegungen zu schämen oder auch dafür, wie sie essen. Bezogen auf unser obiges Partybeispiel vermeiden sie es so beispielsweise zu tanzen und auch am Buffet bedienen sie sich nur ungern. Das kann soweit führen, dass sie es in jeder Lebenslage vermeiden, vor anderen zu essen.

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Betroffene fürchten sich vor allem davor, dass ihre Angstsymptome von anderen entdeckt werden. Ein echter Teufelskreis. Credit: IMAGO / Westend61

Wie äußert sich Soziale Angst?

Soziale Angst tritt vor allem in Situationen auf, in der sich Betroffene beobachtet fühlen oder in denen sie bewertet werden. Neben Partys fällt es ihnen so auch schwer, sich in Bewerbungsgesprächen, bei Prüfungen oder bei Vorträgen zu beweisen – auch wenn sie die nötige Qualifikation aufweisen. Jede Situation, in der man Kontakt mit anderen Personen aufnehmen muss, wird so zum Problem. Die Folgen? Sozialer Rückzug oder aber ein Leben in steter Angst.

Mit dem Gefühl der Unsicherheit und Scham gehen häufig auch körperliche Symptome einher:

  • Herzklopfen
  • Zittern
  • Übelkeit
  • Durchfall
  • Drang zum Wasserlassen
  • Muskelanspannung
  • Panikattacken

Die körperlichen Symptome sind zugleich ein weiterer Grund, warum sich Betroffene schämen. Insgesamt erschwert eine soziale Phobie das Leben enorm. Und dabei ist diese psychische Erkrankung nicht einmal selten. Genau genommen gehört sie sogar zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Allein in Europa sind ca. zehn Millionen Menschen betroffen. Zudem heißt es, dass zwischen sieben und zwölf von hundert Menschen mindestens einmal im Leben an Sozialer Angst erkranken. Meist tritt die Angst jedoch schon im Jugendalter auf.

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Vor allem, wer bereits schlechte Erfahrungen gemacht hat, kann soziale Angst entwickeln. Aber auch die Vererbung und die Erziehung sind mögliche Auslöser. Credit: IMAGO / Westend61

Welche Ursachen gehen der Angst voraus?

Doch woher kommen diese Ängste? Die Forschung sieht verschiedene Gründe in einer sozialen Phobie:

  • Genetische Veranlagung: Soziale Phobien können demnach schlicht vererbt werden.
  • Erziehung: Besonders fordernde und kontrollierende Eltern können die soziale Phobie begünstigen.
  • Traumata und belastende Lebensereignisse können ebenfalls Auslöser sein.
  • Persönlichkeitsmerkmale: Schüchternheit ist zwar klar von sozialen Ängsten abzugrenzen, doch kann sie diese zugleich mit der Angst vor Neuem begünstigen.
  • Etablierte Denkmuster: Besonders der Drang nach Perfektion, aber auch der Hang dazu, die schlimmstmöglichen Szenarien in allem zu vermuten, unterstützen die Soziale Angst. Aber auch ein negatives Selbstbild kann die Erkrankung auslösen.
  • Gedankenkarussell: Wer sich zu sehr auf seine Symptome versteift und darauf konzentriert, kann in diesem Gedankenkarussell verloren gehen.
  • Unangenehme Erfahrungen: Zu guter Letzt können auch schlechte Erfahrungen in sozialen Situationen die soziale Angst hervorrufen. Mobbing und Demütigung sind dann häufige Auslöser.

Wie kann Soziale Angst überwunden werden?

Die schlechte Nachricht zuerst: Von allein verschwindet die Soziale Angst nicht. Insbesondere dann nicht, wenn sie im Erwachsenenalter auftritt. Die gute Nachricht schicken wir aber gleich hinterher: Mit einer Psychotherapie sind Soziale Phobien überwindbar.

Solch eine Therapie ist dann allein auch daher wichtig, da Soziale Angst selten allein auftritt. Zumeist geht sie mit weiteren psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angsterkrankungen wie Panikattacken oder Abhängigkeitserkrankungen einher. So sind die Chancen sehr ausgeprägt mit der Angst, auch Alkoholmissbrauch zu entwickeln.

Bevorzugt wird die kognitive Verhaltenstherapie eingesetzt, die in manchen Fällen auch durch Antidepressiva ergänzt wird. In der Therapie geht es vor allem darum, Befürchtungen ausfindig zu machen, diese zu hinterfragen, zu verstehen und sich ihnen letztlich zu stellen.

Neben der Therapie kann es auch helfen, Freunde oder Familie miteinzubeziehen. Vor allem, wer sich vor einer Therapie scheut, kann dann auch versuchen, sich in Selbsthilfegruppen oder bei Beratungsstellen zu melden.

Der Sozialen Angst stark entgegentreten

Vergiss niemals: Du bist nicht allein. Auch dann nicht, wenn du dich zu Hause einigelst und unter sozialer Angst leidest. Es wird immer Menschen geben, die vielleicht selbst betroffen sind und/oder die dir helfen können. Andere Menschen sind nämlich nicht der Feind. Einzig man selbst steht sich im Weg und kann sich all die Ängste nehmen. Und zwar, indem man um Hilfe bittet. Der wohl mutigste und zugleich wichtigste Schritt für ein unbeschwertes Leben.

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