In Deutschland gibt es rund 13 Millionen junge Menschen unter 17 Jahren. 26 Prozent davon sind Einzelkinder, 48 Prozent haben ein Geschwisterkind, 28 Prozent wachsen mit mehreren Geschwistern auf. Gerade um Einzelkinder gibt es immer noch einige Klischees, bei denen sie nicht besonders gut wegkommen. So sollen Einzelkinder in der Regel egoistisch, intolerant und verwöhnt sein. Aber was ist da eigentlich dran?  

Die TikTok-Psychologie: So sollen Einzelkinder wirklich sein 

Auf TikTok kursieren mehrere Trends zu Einzelkindern. Doch schaut man sich die Accounts an, die von Therapeut:innen geführt werden, merkt man, dass nicht alle Klischees so ganz stimmen. Laut einer Trauma-Expertin und TikTokerin, haben Einzelkinder demnach folgende Eigenschaften!  

1. Erwachsen sein 

Da Einzelkinder viel Zeit mit Erwachsenen und den Eltern und anderen Erwachsenen verbringen, tendieren sie häufig dazu, für ihr Alter sehr erwachsen rüberzukommen. 

2. Schwierigkeiten, nach Hilfe zu fragen 

Einzelkinder sind super selbstständig? Dieses Klischee in den meisten Fällen korrekt. So kommt es im Erwachsenenalter allerdings häufig dazu, dass sich Einzelkinder ungern helfen lassen. 

Frau malt
Einzelkinder können sich gut allein beschäftigen. Foto: Pexels /RF._.studio

3. Sensibel sein 

Da Einzelkinder die Erfahrung von Geschwisterstreit vorenthalten wird, können sie dazu tendieren sensibler zu sein, wenn sie auf Konfrontation stoßen. 

4. Schwierigkeiten Kompromisse einzugehen 

Wenn man als Kind nicht teilen musste, wieso sollte man es dann können? Damit ist allerdings nicht gemeint, dass Einzelkinder egoistisch sind, sondern viel mehr einfach Schwierigkeiten haben, einen Kompromiss zu schließen. 

5. Eigenständig sein 

Ein großes Klischee von Einzelkindern ist, dass sie gern allein sind. Laut der TikTokerin @thesimplestself stimmt dies. Denn Einzelkinder mussten von Kindheit an lernen, sich mit sich selbst zu beschäftigen und können so gut allein sein. 

Laut Studie: Einzelkinder sind sprachgewandter 

Ann Layborn von der Universität Glasgow hat in einer großen Langzeitstudie 400 Einzelkinder mit 2000 Geschwisterkindern verglichen. Sie konnte keinerlei Unterschiede in Bezug auf Verhaltensbesonderheiten emotionaler und psychischer Art feststellen, wenn Eltern von Anfang an bewusst dem Einzelkind-Schicksal entgegensteuern. Job Metsemakers von der niederländischen Universität Limburg nach der Auswertung von 5943 Krankenakten aber schon: Nach seiner Analyse sind Einzelkinder häufiger krank und übergewichtig, während der Gesundheitszustand mit Abstand stets am allerbesten ist, wenn Kinder in Großfamilien aufwachsen. 

Sie sind außerdem sprachgewandter, weil Eltern mit ihnen häufiger und länger sprechen. 

Einzelkinder ohne Bezugsperson

Bei einer Scheidung verlieren Einzelkinder im schlimmsten Fall 50 Prozent ihrer Hauptbezugspersonen, Drittgeborene dagegen nur 25 Prozent. Sie leiden daher wesentlich häufiger und stärker unter der Scheidung ihrer Eltern, am größten ist das Leiden bei Jungen, wenn sie zum Zeitpunkt der Scheidung zehn Jahre alt sind, bei Mädchen hingegen erst, wenn sie 17 Jahre alt sind. 

Außerdem kursierte lange der Mythos, dass nur Einzelkinder als Erwachsene verwöhnt und anspruchsvoll werden. Eine umfassende Persönlichkeitsstudie zeigt nun, dass dieser Mythos unbegründet ist. Die Persönlichkeit wird demnach nicht nur nicht durch die Stellung in der Familie bestimmt, sondern sie kann sich auch im Laufe der Erwachsenenjahre verändern. 

Zwei Frauen am Handy
Einzelkinder sind nicht so sozial wie Geschwisterkinder? Das ist ein Klischee. Foto: Pexels / Aline Viana Prado

Mythen des Einzelkind-Daseins widerlegt 

Die Psychologin Susan Newman, die unter anderem für Psychology Today schreibt, widerlegt einige Mythen, wenn es um Einzelkinder geht. So sollen sie laut ihr weniger herumkommandieren und Studien sollen zeigen, dass Einzelkinder sehr gut im Umgang mit Gleichaltrigen sind. Außerdem sollen sie nicht immer verwöhnt sein, dies sei laut Newman einzig und allein eine Frage des Sozialstatus.

Ebenfalls sind sie keinesfalls selbstbezogen sein. So fördern Eltern in der Regel die Fähigkeit zum Teilen und zum Einfühlen in andere. Sie sind die besten frühen Lehrmeister, weil Kinder ihren Eltern vertrauen und ihnen vertrauen. Alle Eltern können damit rechnen, dass ihre Kleinkinder und Teenager manchmal egoistisch handeln. 

Fazit: Klischees über Einzelkinder treffen nur in Teilen zu 

Einige Klischees über Einzelkinder können von Psycholog:innen und Expert:innen bestätigt werden. Jedoch lässt die Wissenschaft Einzelkinder um einiges besser dastehen als so mancher TikTok-Trend. Bei der Entwicklung des Kindes spielen außerdem viel mehr Faktoren rein als eine reine Geschwister-Komponente.