Body Positive fat girls
Geht Body Positive zu weit? Bin ich zu dick? Credit: Instagram: jewelzjourney/ isoldhalldorudottir /

An dem Phänomen Bodypositivity kommen wir derzeit nicht mehr vorbei und das ist auch gut so. Junge Frauen, Männer und alle anderen Menschen dieses Planeten beginnen langsam damit, jede Körperform zu feiern und versuchen endlich Fatshaming den Garaus zu machen. Die Frage „Bin ich zu dick?“ hat nämlich lange genug den Alltag und das Selbstbewusstsein der Menschen bestimmt.

Es ist wunderbar, wenn wir zu unseren kleinen Makeln am Körper stehen können und sie lieben können. Doch wo ist eigentlich die Grenze? Wie schlimm ist es, wenn wir Übergewicht feiern?

Disclaimer: Bei Bodypositivity geht es nicht nur um eine paar Kilos mehr auf den Hüften. Hier werden alle Formen und Arten des Körpers geliebt und umarmt: Dazu gehören Akne, Falten, Dehnungsstreifen, Haare, Behinderungen und alles andere, was in der Gesellschaft nicht als traditionell „schön“ angesehen wird. In diesem Artikel wollen wir uns aber vor allem mit dem Übergewicht beschäftigen.

Bin ich wirklich nicht zu dick?

Problematisch am Übergewicht ist es, wenn Influencer:innen die Aufmerksamkeit auf Bodypostitivity ausnutzen und Follower:innen durch Fat Pride generieren. Fat Pride wird manchmal mit dem Magersuchtswahn verglichen und soll vor allem junge Frauen krank machen. Die Frage „Bin ich zu dick?“ wird hier mit „Ich bin noch nicht dick genug“ beantwortet.

frauen dick, body positive
„Bin ich zu dick?“ Bodypositive hat viele Frauen dazu gebracht, weniger Komplexe zu haben.

Bodypositive? Unbedingt! Fat Pride? Bitte nicht.

Fett zu sein ist ähnlich ungesund wie zu dünn zu sein, denn die körperlichen Einschränkungen sind immens. Es ist mit Gelenk- und Organschäden zu rechnen, wenn man zu lange zu viel wiegt. Wir zeigen dir zwei weitere Gründe, warum „fat positive“ mit Vorsicht zu genießen ist.

Die reinste Form des ‘Luxuskörpers’

Luxuskörper werden oft solche genannt, deren Schönheit aufgrund von Liftings und chirurgischen Eingriffen nachgeholfen wurde. So weit muss der Luxus aber heute nicht gehen. Viele junge Menschen beschäftigen sich rund um die Uhr mit ihrem Körper und seinen Problemzonen. Übermäßige Sporteinheiten und eine krankhaft gesunde Ernährung gehen oft mit den heutigen Luxusbodys einher. So sehen das auch viele Wissenschaftler

Der Körper ist das neue Statussymbol

Friedrich Schorb, Public Health Instititut, Bremen

Der Körper sei das Aushängeschild eines jeden Gesundheitsfanatikers. Man sieht ihm an, wie viel Zeit und Energie er oder sie ins Training und die Ernährung steckt. (Laut Definition ist Zeit Teil der neuen Luxusdefinition bzw. dem NEO-Luxus.) Das ist ein extremes Schönheitsideal, das garantiert nicht gesund für die Psyche ist. Viel gesünder ist es da doch, „Fat Pride“ zu leben, oder? Nicht ganz…

Bodypositive ist Lifepositive

Als Gegenbewegung zu den ewigen Skinny Bitches und Sportfanatikern entstand die Body Positivity-Bewegung. Sie steht für mehr Realness in der Online-Welt. Junge Frauen, die sich nicht mehr Fragen, ob sie genug sind, auch wenn sie an Gewicht zugenommen haben. Mütter, die nach der Geburt ihrer Kinder ihre Problemzonen zeigen und die echten Auswirkungen von Babys auf den Körper darstellen. Tatsächlich half die Bewegung jungen Frauen dabei, Essstörungen zu bekämpfen und sich in ihrem Körper wohler zu fühlen.

“Unicorns don’t do cardio” statt „Bin ich zu dick?“

Hier liegt das eigentliche Problem: Einhörner machen kein Cardio. Dieser Satz stammt von Julianna Mazzeal (@jewelzjourney) und ist für manche Frauen Grund genug, keinen Sport zu treiben. Julianna ist 27 Jahre alt und stark übergewichtig. Sie sagt, sie fühlt sich wohl und schön in ihrem Körper. Das ist ihr gutes Recht: Jeder Mensch sollte sich möglichst wohl fühlen. Doch ihr Körper leidet sehr unter ihrem Gewicht. Auf Instagram teilt sie ihren Lifestyle und ihre Pfunde liebend gern mit Fans, die sie unterstützen und ihr Mut machen. 

Eigentlich ein schöner Gedanke, denn Julianna wird akzeptiert und bekommt wunderbaren Support von der Community. Doch ihr Übergewicht ist besorgniserregend. Ihr Stolz auf die vielen Kilos bringt auch andere Frauen in ähnlichen Situationen dazu, sich nicht weiter um ein gesünderes Leben zu bemühen.

 

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Jewelz M (@jewelzjourney) am Jun 19, 2019 um 9:39 PDT

Julianna Mazzeal ist Plus Size Model mit gefährlich viel Gewicht auf den Hüften.

Gibt es Fat Pride überhaupt?

Auf der anderen Seite der Medaille stehen Creator:innen wie devonelizabethplz, die sich auf TikTok für Bodypositivity ausspricht. Sie sagt, dass es soetwas wie „Fat Pride“ eigentlich nicht gibt. Ihr Beispiele sind einleuchtend:

„Fat Creators geben nicht ihre 8 Tipps raus, wie man es bis zum Sommer schafft, fett zu werden. Ich habe noch nie einen Creator gesehen, der oder die Produkte verkauft, die Menschen „fett“ machen sollen.“

Danach macht die Influencerin noch einen treffenden Vergleich mit der Diätindustrie: „Es gibt auch keine 70 Milliarden Dollar-Industrie (allein in den USA), die Menschen zum Fettwerden anspornt.“

Die TikTokerin hat das Gefühl, dass Menschen es einfach nicht ertragen können, dass fette Menschen aufhören ihren Körper zu hassen und Selbstliebe zu praktizieren. Selbstliebe sei nämlich, egal in welchem Körper, gut für den Geist und die Seele.

Bodypositivity: Der schmale Grad

Keine Barbie-Proportionen zu verherrlichen heißt noch lange nicht, sich über massives Übergewicht zu freuen. Die Fat Pride-Bewegung wird aber beschuldigt, genau das zu tuen und bei jungen Frauen den Wunsch nach ungesundem Übergewicht auszulösen. Auch wenn manche Creator:innen sich dagegen aussprechen, begegnen uns im Social Web immer wieder ungesunde Körper.

Unter dem Hashtag #realwomenhavecurves findet sich heute auf Instagram eine breite Auswahl von Frauen. Von ‘vollschlank’ bis hin zu ‘besorgniserregend adipös’ ist alles dabei. Das Problem ist, dass das nichts mehr mit verkannten Schönheitsidealen zutun hat, sondern schlicht und ergreifend lebensgefährlich ist.

Ab wann wird es gefährlich? Zahlen & Fakten

Als adipös wird jeder eingestuft, der einen BMI von über 30 hat. Wenn du 1,70 m groß bist, bedeutet das, dass du ein Körpergewicht von 88 kg nicht überschreiten solltest. Das ist kein Fat Shaming, sondern die Realität. Mit dem Urteil ‘deutlich über dem Normalgewicht’ zu liegen, bedingt die Wahrscheinlichkeit echter Krankheiten massiv. 

Beispielsweise haben adipöse Menschen, die sich selbst als ‘fit’ bezeichnen, ein 28 % höheres Herzinfarktrisiko als Normalgewichtige. Hinzu kommen Diabetes, Arthrose, hoher Blutdruck, Atemprobleme und so weiter und so fort – die Liste der Krankheiten ist ewig lang. 

frau Burger essen
Ein gesunder Appetit ist super. Aber man sollte dennoch die Gesundheit im Blick haben.(Photo: frantic00)

„Bin ich zu dick?“ „Kann sein.“

Lassen wir die Schönheit mal einen Augenblick beiseite. Manche Menschen finden sich schlank unwiderstehlich, andere mögen ihr Spiegelbild lieber dick und rund. Ganz egal, was du selbst schön findest: Du wirst es nicht genießen können, wenn du dem Extrem nachjagst. Dick zu sein ist für Körper und Psyche ähnlich belastend wie zu dünn zu sein. 

Die Frage „Bin ich zu dick?“ ist eine heikle Angelegenheit: Sich selbst zu lieben und seinen Körper zu akzeptieren ist die eine Sache. Auf einem ganz anderen Blatt stehen die Menschen, die aktiv ungesunde Lebensweisen verherrlichen. Schließlich würde niemand den Hashtag #realwomensmokecigarettes unterstützen. Wir wissen schließlich alle, wie gefährlich Zigaretten sind.