Körper und Körperwahrnehmungen spielen in unserer Gesellschaft eine enorme Rolle. Trotz Body Positivity- Movements und steigender Akzeptanz sogenannter Curvy Models (zu denen normalgewichtige Models zu zählen sind), hadern, dank Instagram,Tik Tok und Co., vor allem junge Menschen mit ihrem Äußeren.

Solche unerreichbaren bzw. schlichtweg falschen Ideale sind ein häufiger Grund für Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Wie viel komplexer aber die Ursachen von Essstörungen sein können, erzählen uns unsere beiden InterviewpartnerInnen in diesem ersten Teil.

Interview: Über die Ursachen von Essstörungen

Lena* ist 27 Jahre alt und hat vor etwa 10 Jahren einige Wochen in einer Klinik wegen ihrer Bulimie verbracht. Tim* ist 24 Jahre alt und verbrachte sieben Monate in einer Klinik wegen seiner Magersucht. 

*Namen von der Redaktion geändert.

wmn: Wann hat dein Kampf gegen den eigenen Körper begonnen?

Tim: Nach dem Abi ging ich ein Jahr ins Ausland. Dort habe ich 15 kg zugenommen. Ich hatte mich einfach nicht wohlgefühlt und war unzufrieden mit mir und meiner Situation. Ich beschloss ordentlich abzunehmen, um dann, bei meiner Rückkehr nach Deutschland, alle zu beeindrucken.

Ich habe exzessiv Sport getrieben, Kalorien gezählt, jeden Tag. Die Erfolge stellten sich schnell ein und gaben mir einen richtigen Kick. Aber ganz zufrieden wurde ich einfach nicht und nahm immer weiter ab. Als ich einige Monate später zurück zuhause war, hatte sich dieses Ess- und Sportverhalten schon so gefestigt, dass ich da nicht mehr herauskam. 

Lena: In meiner Familie war Sport immer ein großes Thema. Ich habe früh getanzt, aber das war für meine Eltern kein richtiger Sport. Hätte ich nicht noch Fußball gespielt, hätte ich joggen gehen müssen, obwohl ich keine Lust darauf hatte.

Das Schönheitsideal, das ich beigebracht bekam, war keine Schauspielerin oder Sängerin, sondern meine Mutter. Mein Vater wurde nicht müde zu betonen, wie perfekt ihr Körper ist: groß und sehr schlank. Ich hatte den Eindruck, es würde von mir erwartet, auch so auszusehen.

Ich war als Kind aber eher stämmiger und hab immer gern gegessen. Meine Familie war nicht sehr sensibel bei dem Thema. Da kamen auch mal Kommentare beim Essen, wenn ich mir eine zweite Portion genommen habe. Das war ein echter Stressfaktor damals und irgendwann dachte ich mir: “Ich werd’s euch eines Tages zeigen!”

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Unsicherheit ist oft ein großer Faktor für die Entwicklung einer Essstörung.(Photo: KIVISER via www.imago-images.de)

Tim: In meiner Familie war Gewichtskontrolle und exzessiver Sport nie ein Thema. Ich erinnere mich sogar, in der Abizeit mal eine Doku über Magersucht gesehen zu haben und dass ich dabei noch dachte, so was könne mir nie passieren.

wmn: Könnt ihr Ursachen für Essstörungen definieren?

Tim: Ich glaube, so was passiert oft, wenn man, so wie ich nach dem Abi, irgendwie planlos und unsicher ist. Mit der Diät und dem Sport habe ich die Kontrolle wieder bekommen – dachte ich damals zumindest.

Lisa: Für mich hat der Beginn einer Essstörung erst mal nicht so viel mit Schönheitsidealen zu tun, wie man denken würde. Das kommt später dazu, aber ich glaube, die Ursachen sind andere: die Beziehungen zu Freunden und Familie, Probleme, traumatische Erlebnisse, Erziehung…

Und vor allem die Angst vor der Veränderung. Der Körper verändert sich und gerade junge Frauen macht das oft unsicher, weil sie die neuen Rundungen nicht mögen. Oder auch Lebensveränderungen wie bei Tim, der plötzlich allein im Ausland saß.

Da liegen oft die Gründe und das Essen ist dann nur noch das Ventil. Essen ist etwas, was du immer machst, jeden Tag, und deshalb bietet es sich an, Kummer und Unsicherheit darüber zu kompensieren.

Social Media verstärkt solche Unsicherheiten natürlich, was auch der Grund ist, warum ich kein Instagram habe. All diese perfekten Menschen mit ihrem perfekten Lifestyle… Das ertrage ich nicht. 

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Angst vor Veränderung kann ein Auslöser für Essstörungen sein.(Photo: Daniel Waschnig Photography via www.imago-images.de)

wmn: Tim, als du wieder in Deutschland ankamst, wogst du 10 Kilo weniger als bei deiner Abreise. Du hattest erwartet, dafür Respekt und Anerkennung zu bekommen. Wie hat deine Familie tatsächlich reagiert?

Tim: Meine Mutter dachte am Flughafen, dass ich unter meinem Rucksack zusammenbreche. Sie hat es damals nicht direkt angesprochen. Ich habe aber gemerkt, dass die Stimmung etwas angespannt war. 

Vorgestellt hatte ich mir das ganz anders. Ich dachte, sie würden mich feiern, aber es haben alle nur geschluckt, als sie mich gesehen haben. Mein Vater hatte mir extra einen Kuchen gebacken, den habe ich nicht angerührt. Spätestens da war ihnen wohl klar, dass ich ein Problem hatte. 

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Wenn dünn niemals dünn genug ist.(Photo: NomadSoul via www.imago-images.de)

wmn: Lena, bei dir war die eigene Familie ein wichtiger Faktor für die Entstehung der Bulimie. Wie haben deine Eltern auf dein neues Essverhalten reagiert?

Lena: Ich habe mich damals selbst auf Diät gesetzt: keine Süßigkeiten mehr, keine Kohlenhydrate, kein Fett, nur noch Gemüse und Obst und vielleicht Knäckebrot. Meine Mutter bemerkte, dass ich abgenommen hatte. Das war für mich ein positives Zeichen, dass es funktioniert und ich so weitermachen soll. 

Problematisch wurde es, als ich angefangen habe zu weinen, weil ich eine Gabel voll Spaghetti und nicht nur den Salat essen sollte. Ab da war es auch immer mehr Thema in der Familie, dass mein Verhalten komisch wird. Auch in der Schule begannen sich die Leute Sorgen zu machen, weil ich immer weniger wog. Ich aber wollte noch dünner sein.

Und irgendwann wurden die Gelüste nach ungesundem Essen riesig. Die Verlockung, essen zu können, was man will, war zu groß. So hat sich das eingeschlichen, dass ich immer, wenn ich allein zuhause war, Ess-Brech-Attacken hatte. Ich stopfte alles in mich hinein, was ich fand, und übergab mich anschließend.

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Allein schafft man es aus einer Essstörungen nicht heraus.(Photo: pexels/daisa-tj)

wmn: Wann habt ihr gemerkt, dass ihr ein Problem hattet?

Tim: Mir war das eigentlich die ganze Zeit klar, ich hab es nur erfolgreich verdrängt. Meine Mutter bat mich nach einiger Zeit sehr eindringlich, mir Hilfe zu suchen. Da hatte ich langsam das Gefühl, dass mir alles vielleicht entglitten ist. Ich habe dann, mehr ihr zu Liebe, als aus Überzeugung, einen Psychotherapeuten aufgesucht.

Ich dachte auch, dass Studieren helfen würde, weil es mich ablenken würde. Tatsächlich wurde es aber nur noch schlimmer. Mit einer Magersucht lässt man das soziale Leben links liegen. Der ganze Tagesablauf richtet sich nach den Ess- und Sportzeiten. 

Lena: Mir war lange nicht klar, dass es nicht normal ist, was ich da tu. Ich wollte doch nur ein bisschen abnehmen. Ich erzählte also einer Freundin davon und irgendwann gingen sie und zwei weitere Freundinnen zu meinen Eltern. Das war in meinen Augen ein riesen Vertrauensbruch. 

Außerdem hatte ich Angst, nicht mehr weiter abnehmen zu können, weil meine Eltern mich ab jetzt kontrollieren würden. Ich musste dann auch einmal die Woche zu einem Psychologen, der allerdings nicht auf Essstörungen spezialisiert war und mit dem ganzen Thema irgendwie nichts so richtig anfangen konnte.

Und obwohl ich über ein Jahr dort war, hatte ich weiterhin mindestens alle zwei Tage Ess-Brech-Anfälle. Es wurde so schlimm, dass ich in meinen Freistunden nach Hause gefahren bin, um mich dort vollzuessen und zu übergeben. Danach bin ich wieder in die Schule gefahren. Man verliert total die Konzentration und Energie, weil das natürlich sehr anstrengend für den Körper ist. Ich hab dann eine Klasse freiwillig wiederholt, weil ich nicht mehr hinterhergekommen bin.

Mit dem Wechsel zu einer neuen Psychologin begann ich wenigstens zu verstehen, dass es nicht gut ist, was ich mache. Aber ich konnte trotzdem nicht aufhören. Auch weil ich von meinem Umfeld Bestätigung erfahren habe. 

Die Jungs standen plötzlich auf mich und ich ging davon aus, das sei, weil ich so dünn war. Meine Eltern hingegen haben sehr gelitten und mein Arzt sagte mir, ich stünde kurz vor einer chronischen Bronchitis, weil meine Speiseröhre total überlastet war.

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Die meisten jungen Menschen kennen das Gefühl nicht gut genug zu sein.(Photo: pexels/jessica-ticozzelli-)

wmn: Gab es eine Art Schlüsselmoment bei euch, der euch gerettet hat?

Tim: Der Alltag war sehr anstrengend. Einkaufen gehen ging fast gar nicht mehr, diese 500 Meter bis zum Supermarkt waren einfach zu weit. Und trotzdem habe ich mein Sportprogramm durchgezogen. Kraft blieb nur für eines von beidem, ich war total am Ende.

Ich glaube, ich hatte auch einen konkreten „Schlüsselmoment“, als ich mit der Familie und unserem Hund unterwegs war und der Weg irgendwann leicht begauf ging. Ich stand da und dachte, dass ich es nicht nach oben schaffe. Und meine Mutter dachte sich nur: „Was für ein Hügel eigentlich?“

Mein Therapeut hat dann irgendwann veranlasst, dass ich einmal in der Woche beim Arzt meine Leber- und Nierenfunktionen checken lasse. Am Ende des zweiten Semesters war ich dann aber so untergewichtig, dass ich eingewiesen wurde.

Lena: Mein Schlüsselmoment zur Besserung war, als ich mich nach einem riesigen Fressflash übergeben habe und Blut gespuckt habe. Da war mir mit einem Schlag klar, dass das aufhören muss. 

Mir war bewusst, dass ich meine Organe kaputtmache und die Kontrolle verloren habe. Ich konnte nicht mehr mit meinen Freunden essen gehen und selbst, wenn ich für andere gekocht habe, hab ich nur ein Knäckebrot gegessen. Ich hatte Suizidgedanken, weil ich einfach keinen Ausweg gesehen habe.

Nach dem Vorfall habe ich eine Liste geschrieben mit Dingen, die ich wieder können wollte. Die habe ich meiner Mutter gegeben und ihr gesagt, dass ich in eine Klinik will. Zweieinhalb Jahre Therapie hatten nichts genützt, ich brauchte gezielte Hilfe und musste aus meinem gewohnten Umfeld raus. 

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Im zweiten Teil werden Lena & Tim erzählen, wie sie aus der Essstörung heraus kamen.(Photo: Konstantin Trubavin via www.imago-images.de)

wmn: Habt ihr den Eindruck, dass sich die Auslöser für Magersucht und Bulimie unterscheiden?

Tim: Ich glaube, bei Magersucht geht es mehr um Kontrolle. Mir fehlt die Kontrolle über mein Leben, also kontrolliere ich mein Gewicht.

Lena: Bei mir war es zwar auch Kontrolle, aber am Ende viel mehr ein Kontrollverlust. Ich glaube, Binge Eating kommt Bulimie noch näher als Magersucht. Weil beide demselben Anfall-Schema folgen. Und weil du damit auf Frust reagierst, versuchst damit etwas zu kompensieren. Während du bei Magersucht eher versuchst, über nicht-essen zu kompensieren. 

Tim:  Es gibt viele Parallelen zwischen Magersucht und Bulimie: Es gibt diese Schlagmomente, wie das Blut-Spucken zum Beispiel, das war bei mir ähnlich. Die Überforderung vom Alltäglichen, wie einkaufen gehen oder der Heulkrampf, weil man drei Spaghetti essen soll. Es hat uns beiden geholfen, in der Klinik zu sein, weil wir dort aus dem normalen Umfeld gerissen wurden. 

Im zweiten Teil des Interviews werden Lena und Tim darüber sprechen, wie ihre Zeit in den Kliniken war und was ihnen letztendlich geholfen hat, die Essstörungen zu kontrollieren. Du findest den Text ab dem 5. September hier auf wmn.de.