Es ist nicht leicht, eine Frau zu sein: Stereotypen werden uns hinterhergeworfen, Steine in der Berufswelt in den Weg gelegt und auch auf der Straße erwartet uns oft ein Spießrutenlauf: Nicht selten müssen wir hier sexistische und dumme Anmachen ertragen, meist dann, wenn wir sie am wenigsten erwarten und gebrauchen können. 

Wir haben es satt und wollen Sexismus im Alltag den Kampf ansagen. Wie das geht, verraten dir drei unserer Redakteurinnen. Sie berichten von ihrer letzten ungewollten Anmache und welche Strategien sich über die Jahre bewährt haben, um unliebsamen Situationen zu entgehen.

Dumme Anmachen sind Teil eines größeren Problems

Fast jede Frau hat bereits dumme Anmachsprüche gehört oder wurde auf andere Weise sexuell belästigt  – ob im öffentlichen oder virtuellen Raum. Welche Brisanz das Thema hat, beweist der TV Coup Männerwelten von Joko und Klaas aus dem Mai 2020. Sie überließen ihre 15 bei ProSieben gewonnenen Sendeminuten Frauen, die bereits sexuelle Belästigung und Gewalt erleben mussten

Das Schlimmste an den dort beschriebenen Erfahrungen? Es hat uns nicht verwundert, in vielen Stories haben wir uns sogar selbst wiedergefunden. Das Geniale an Männerwelten? Viele (vorrangig Männer) haben in ihrer geliebten Prime Time zum ersten Mal gesehen, wie tief Sexismus auch in unserer Gesellschaft verwurzelt ist.

Frau Stop
Bis hier hin & nicht weiter: Wir sagen ungewollten Anmachen den Kampf an.

Dumme Anmachen abzuwehren ist echt schwierig

Es geht uns nicht darum, das Flirten zu verbieten. Komplimente sind etwas Großartiges. Und auch ein freundliches Lächeln auf der Straße kann uns den Tag versüßen. Darum geht es hier allerdings nicht. Es geht um Situationen, in denen wir uns nicht wohlfühlen. Eben, weil wir nicht in Flirtstimmung sind, das Kompliment völlig daneben ist oder weil unser Nein nicht akzeptiert wird.

Oft bleibt es nicht bei nur einem Eisbrecher-Kompliment, oft wird versucht, uns in Gespräche zu verwickeln: Aus einem Spruch wird ein verbaler Balztanz. Und wir kommen nicht so schnell weg, wie wir möchten, weil wir mit der Bahn fahren, im Seminar sitzen oder es uns im Park bereits gemütlich gemacht haben. So reagieren unsere Redakteurinnen in solchen Situationen: 

Mona, 26

Was ist wirklich nicht verstehe ist, wie Männer in der Sauna anfangen können zu flirten. Ich gehe so gerne in die Sauna in meinem Fitnessstudio und schwitze alles aus, was an Toxinen in meinem Körper ist. 

Gestern hat es mir dieser Typ aber voll vermiest. Erst haben wir ganz ok gequatscht beim Saunieren. Ich erzählte ihm, dass ich sehr gerne joggen gehe.
Er: „Wir können ja mal zusammen joggen.“
Ich: „Ich jogge eigentlich ganz gern allein.“
Er: „Ach, allein ist doch langweilig. Zusammen ist es viel cooler.“
Ich „mhpf…“
Er: „Oder hast du einen Freund?“

Ich wurde so sauer. Nicht nur, dass sein nackender Penis vor meinem Gesicht baumelte. Ich hatte ihm doch gerade klip und klar gesagt, dass ich lieber alleine lief. Da war es doch komplett egal, ob ich einen Freund hatte oder nicht?

Männer, bitte. Warum ist es so schwierig ein „Nein“ von einer Frau zu akzeptieren? Und warum ist es so viel einfacher zu akzeptieren, wenn man weiß, dass ja schon jemand anders dran ist?

Anni, 27

Egal, ob ich auf der Straße gefragt werde, ob ich nicht zahlendes Mitglied irgendeines vermeintlich gemeinnützigen Vereins werden möchte, oder aber offenkundiges Interesse an einem Date mit mir geäußert wird – ich fahre immer dieselbe Masche: Die „Danke, hab ich schon“- Strategie. 

Danke, ich bin natürlich schon längst Mitglied und danke, ich hab schon einen Freund. Ersteres ist in der Regel gelogen, Letzteres nicht, was sich aber ändern würde, wäre ich wieder Single. Allerdings kommt es nicht selten vor, dass Männer auf der Straße eine ähnliche Penetranz entwickeln, wie unterbezahlte Promoter. 

Da fallen schon mal Sätze wie „Na ja, aber das kann man doch ändern.“ Oder „Ihr seid doch aber nicht verheiratet, oder?“ Könnte es sein, dass ich als erwachsene Frau durchaus in der Lage bin, selbst zu entscheiden, ob mein aktueller Freund gut genug für mich ist? Offensichtlich nicht. Ich besitze für solche Fälle sogar einen Fake- Verlobungsring, den ich vor allem beim Ausgehen trage. Das funktioniert tatsächlich erstaunlich gut.

Wio, 26

Ich finde Anmachsprüche per se meistens gar nicht so schlimm. Es kommt meistens auf die Haltung an. Macht man es mit einem Zwinkern oder in Pick-Up Artist Manier? Der tatsächlich nervige Teil kommt doch eigentlich immer, wenn man der Person absagt oder die Handynummer verweigert, denn dann kommt das WARUM? 

Und das ist meistens so penetrant wie bei einem Kleinkind: Warum bin ich nicht dein Typ, warum bin ich dir zu alt, warum können wir nicht wenigstens Freunde sein, warum hast du keine Lust auf eine Beziehung? Früher war mir der Eiertanz zu blöd, denn viele werden dann schnell mal ausfallend, wenn das Ego gekränkt ist. 

Also hab ich immer gesagt, dass ich vergeben bin. Mache ich jetzt nicht mehr. Die Leute müssen einfach mit einem “Nein, danke. Aber vielen Dank fürs Fragen.” klarkommen. So bin ich letztens übrigens auch mal abgeblitzt und es ist absolut erträglich.

Antonia, 25

Beim Joggen habe ich es eigentlich ganz gern, wenn ich angesprochen werde. Wenn man gemeinsam läuft, vergeht die Zeit viel schneller. Gestern war wieder einer dieser Momente. Wir sind uns entgegengekommen und haben uns gegenseitig angegrinst. Er lief erst an mir vorbei, kehrte dann um und folgte mir. Den restlichen Weg lief der Typ neben mir her und wir unterhielten uns angeregt.

Irgendwann sagte ich aber: “Ok, ich wohne da vorne. War nett mit dir.” Er erwiderte darauf “Oh, du lädst mich also schon zu dir nach Hause ein?” Witzig. Aber nicht sonderlich zielführend.
Ich ließ ihn stehen und trabte meiner Wege. Ich war irgendwie enttäuscht, dass man nicht einfach mal ein nettes Gespräch auf der Straße führen kann, ohne dass es
gleich auf Sex oder Ähnliches herauslaufen muss.

Der Podcast Wein & Weiber von wmn.de

In unserem Podcast Wein & Weiber trifft sich unsere Redakteurin Mona alle 2 Wochen mit einem Blind Date und kaut das Leben durch. Hier hatten die Turteltauben unter anderem das Thema „Richtig Flirten“ auf dem Tisch.

Frau Brave
Wir müssen einstehen für die Welt, in der wir leben wollen. Schluss mit Ausreden, her mit einem Klaren nein, danke!(Photo: istock.com/ jacoblund)

Belästigungen entschieden entgegentreten

Die Wahrheit ist die: Meist sind wir dermaßen perplex und überrumpelt von einer Anmache, dass wir gar nicht so schlagfertig parieren können, wie wir gerne würden. Zwar wissen wir, wie wir theoretisch reagieren würden. 

Im Ernstfall überwiegt jedoch das Unbehagen. Ein Unbehagen, was uns im Zweifel ein schnelles: „Sorry bin vergeben“ über unsere Lippen rutschen lässt. Dabei sollte nicht unsere Beziehungsstatus Wert haben, sondern unser Wort. Solltest du zukünftig ungewollt eine Anmache erfahren, dann solltest du:

  1. Freundlich bleiben & bestimmt sagen „Nein Danke, ich habe kein Interesse.“ Die Situation sollte so schnell wie möglich unterbrochen werden, damit sich nichts hochschaukeln kann. Sprich ruhig etwas lauter, um umstehende Personen aufmerksam werden zu lassen.
  2. Sieze die Person, die dich anspricht, sodass andere Leute merken, dass es sich um keine Person handelt, die du kennst. Außerdem schaffst du so ein Maximum an verbaler Distanz.
  3. Halte Abstand und zeige bereits mit deiner Körpersprache, dass du kein Interesse hast. 

Kurzum: Vertraue deinem Körpergefühl!

Du fühlst dich nicht wohl? Dann versuche nicht der Freundlichkeit wegen stehen zu bleiben oder ein Gespräch zu führen. Zeige deinem Gegenüber deutlich, dass du nicht interessiert bist: Für eine Zukunft, in der ein Nein, Danke Wert hat und in der Frauen ohne Fakeverlobungsring das Haus verlassen.

Mehr weibliche Selbstbestimmung gefällig? Warum die Entscheidung, keine Kinder zu bekommen, dein gutes Recht ist, mehr zum Thema Period Shaming und wie das Orgasmusvortäuschen sein Ende findet, liest du ebenfalls bei uns.