Hände hoch, wer kein einziges Vorurteil gegen Indien hat. Der asiatische Subkontinent ist eines der klischeebehaftetsten Länder der Welt: komische Musik, scharfes Essen, Perlenkettchen und buntberockte Frauen, die den ganzen Tag chanten. Das sind nur einige wenige der Vorurteile, die viele gegenüber Indien haben. Es gibt aber noch ein Stereotyp: Indien ist dreckig.

Seit Wochen grassieren bereits Theorien, nach denen InderInnen weniger coronaanfällig seien, weil sie arm und dreckig sind. Ist das Rassismus oder ist da was Wahres dran? Wir klären auf. 

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Indien in Zeiten von Corona.(Photo: imago images/Hindustan Times)

Indien ist zu dreckig für Corona: Ist da was Wahres dran?

Vorneweg: An jedem Klischee ist etwas Wahres dran. Dass Indien dreckiger ist als Deutschland, sollte den meisten bewusst sein. Das ist kein Rassismus, sondern Tatsache.

In Indien wurde ich immer wieder darauf hingewiesen, doch bitte die Schuhe auszuziehen, wenn ich ein Privathaus betrat. Weniger aus kulturellen oder religiösen Gründen, sondern weil meine Schuhe tatsächlich unglaublich dreckig waren. Wir bemerken in Deutschland auf den Straßen gar nicht, wie sauber es ist. Jeden Morgen fährt die Müllabfuhr durch die Stadt und die wenigsten erleichtern Darm und Blase am Wegesrand. Echte Privilegien.

Die Frage ist nun jedoch, ob das etwas andere Hygienekonzept der Inder dazu beiträgt, dass sie dort relativ wenig Corona-Infizierte haben. 

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Corona ist auch in Indien angekommen. Die Gründe, warum Menschen in Indien sterben, sind aber größer als der neue Virus.(Photo: imago images/Hindustan Times)

So sehen die Zahlen aus: Indien vs. Deutschland

Deutschland hat heute 20.000 Corona-Neuinfizierte auf 83 Millionen Menschen. Indien hat 50.000 Corona-Neuinfizierte auf 1.35 Milliarden Menschen. (Stand: 06.11.2020)

Deutschland hat nur gut 6 % der Bevölkerungsanzahl Indiens, aber gut 40 % der täglichen Neuinfektionen. Das steht doch in keinem rechten Verhältnis.

Natürlich liegen diese unterschiedlichen Zahlen teilweise daran, dass in Indien nicht jeder Einzelne auf Corona getestet werden kann. Die Regierung gibt zwar ihr Bestes, doch sie kommt bei Weitem nicht hinterher. Interessant sind aber dennoch die Gebiete, in denen Indiens Regierung es schaffte, relativ flächendeckende Coronatests einzuführen. 

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Antikörpertests wurden in Indien bereits im großen Stil durchgeführt.(Photo: imago images/ZUMA Wire)

Antikörpertests zeigen Indiens Coronazahlen 

In Mumbai und Delhi zum Beispiel. In den beiden Städten trifft Arm auf Reich – und das im großen Stil. Mumbai hat mehr als 23 Millionen Einwohner, Delhi fast 30 Millionen. Beide Städte haben Slums genau wie Reichenviertel. 

In beiden Metropolen wurde die Bevölkerung auf Corona-Antikörper getestet. Mit überraschenden Ergebnissen: Die arme Bevölkerung (beispielsweise in den Slums) hatte zu mehr als 55 % Antikörper entwickelt, während die reichere Bevölkerung nur zu gut 15 % welche besaß. 

Was bedeutet das? Die arme Bevölkerung in Indien lebt auf unheimlich engem Raum zusammen, vor allem in den Slums ist es fast unmöglich, Abstand zu halten. So infizieren sich hier auch viel mehr Menschen mit Corona. Doch offenbar verläuft die Krankheit hier nur selten schwer. Meist haben die Slumbewohner keine Symptome und entwickeln Antikörper, bevor sie überhaupt mitbekommen, dass sie eine Krankheit hatten.

Das Immunsystem der InderInnen scheint gut genug zu sein, um Corona zu trotzen. Verwunderlich ist das vor allem dann nicht, wenn man sich vor Augen führt, dass die Hälfte der Bevölkerung unter 25 Jahren alt ist. Nur gut 6 % gehört zur Risikogruppe.

Die indischen Lebensumstände kämpfen gegen Corona?

In Indien zu leben ist kein Zuckerschlecken. Vor allem nicht für uns Deutsche, die in unfassbar hygienischen Verhältnissen aufgewachsen sind. InderInnen sind ihren Lebtag lang anderen Bakterien- und Virenkombinationen ausgesetzt.

Das geht keineswegs spurlos an ihnen vorbei. Laut einer Studie aus dem Jahr 2019 sterben täglich gut 4.500 InderInnen an viren- und bakterienindizierten Krankheiten, darunter Atemwegserkrankungen und Darmkrankheiten. Jetzt ist Corona hinzugekommen. Für viele InderInnen einfach eine weitere Krankheit auf der langen Liste.

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In Indien wird die Corona-Impfung gerade mit Nachdruck angegangen. Auch bei der Impfung der Kinderlähmung ging das Testen sehr schnell.(Photo: imago/Xinhua)

Zu abgehärtet für Corona?

Die Behauptung, viele InderInnen seien gegen das Coronavirus resistent, da ihr Immunsystem im Alltag bereits gegen so viele Krankheiten zu kämpfen hat, kursiert gerade im Netz. Tatsächlich ist es nicht auszuschließen, dass ihre Lebensumstände dazu beitragen, dass Corona den InderInnen weniger Probleme bereitet. 

Der einfachste Vergleich: Indien wird noch immer von vielen Krankheiten heimgesucht, die in Deutschland schon lange ausgerottet sind oder die es hier niemals gab. 

Viele Menschen in Indien trinken täglich mit Chemikalien verseuchtes Wasser, essen vergammelte Lebensmittel, werden mit dem Dengue-Fieber und Diarrhö konfrontiert. Trotz schlechter medizinischer Versorgung überleben das erstaunlich viele. Warum? Ein unfassbar starkes Immunsystem.

Genau das scheinen viele Menschen als Hauptgrund dafür anzusehen, dass die Mehrheit in Indien gegen das Coronavirus immun ist. Es mag sein, dass dieses Land uns  was den Umgang mit fatalen Infektionskrankheiten angeht, etwas voraus hat. Doch zu sagen, dass die schlechten hygienischen Umstände dazu führen, dass Corona in Indien keine Chance hat, wäre vermessen.

Übrigens: In China gibt es eine ganz andere Theorie, warum die Menschen jetzt immun sind. Hier erfährst du mehr.

Indien ist schon echt weit auf dem Weg zu einem neuen Corona-Impfstoff. Wie weit sie tatsächlich sind, erfährst du hier.