Gerade jetzt, da ich wegen der Pandemie hauptsächlich online shoppe, ärgere ich mich immer wieder darüber, wie dreist klein eine Konfektionsgröße 38 bei manchen Marken ausfällt. Hab ich wohl zugenommen, denke ich mir und kaufe eine Strumpfhose in Größe M. Turns out: viel zu groß! Was ist nur los bei den Kleidergrößen für Frauen?

Kleidergrößen für Frauen: Ein (frustrierendes) Mysterium unserer Zeit

2017 löste die Britin Lowri Byrne einen Shitstorm auf den Modegigant H&M aus – wegen dessen Kleidergrößen für Frauen: Die damals 22-Jährige trug normalerweise eine europäische 38 und scheiterte in der Umkleidekabine an einem Kleid in Größe 42. Das dazugehörige Facebook-Foto ging viral und brachte H&M aber auch andere Modemarken in Erklärungsnot. Wie kann es sein, dass eine junge Frau „Komplexe wegen meines satten Mom-Bodys“ – wie Byrne unter dem Foto schrieb – entwickelt, weil sie mit einem Durchschnittskörper keine passenden Klamotten mehr findet?

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Frau Laden shoppen Kleid
Vielen Frauen passt ihre gewohnte Größe nicht mehr. Credit: getty images/ Ol'ga Efimova / EyeEm

So haben sich Kleidergrößen für Frauen entwickelt

Wer entscheidet eigentlich, wie groß oder klein eine europäische 38 ist? Und bilde ich mir das nur ein, oder fiel die 38 früher mal deutlich größer aus als heute? Müsste das nicht irgendwo festgelegt sein? Schauen wir uns zum besseren Verständnis einmal die Geschichte der Konfektionsgrößen an.

Mit der fortschreitenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert verlagerte sich die Kleidungsproduktion von der Heimarbeit für die eigene Familie in maschinell unterstütze Fabriken. Das erste Warenhaus in Paris Le Bon Marché öffnete 1852 und brachte eine Reihe von Veränderungen mit sich: Kleidung konnte nun anprobiert werden, hatte einen Festpreis und wurde in feste Konfektionsgrößen eingeteilt.

Kleidergrößen für Frauen wachsen (oder schrumpfen) mit der Zeit

Dass sich die Kleidergrößen für Frauen verändern, ist kein reines Phänomen der Moderne. Seit der Festlegung der Konfektionsgrößen haben sich diese schon oft geändert. Das lag zum einen an der zeitgenössischen Mode und zum anderen an der Veränderung des weiblichen Körpers. Im Vergleich zu 1980 bringen wir heute durchschnittlich fünf Kilo mehr auf die Waage.

Auch die Techniken zur Körpermessung sind deutlich ausgetüftelter als früher. Seit 2007 werden Messungen mit Laser-Ganzkörper-Scannern als Grundlage für die Konfektionsberechnung der Kleidungsfirmen genutzt. Aber wieso sind die Kleidergrößen für Frauen dann von Marke zu Marke so unterschiedlich? Und wieso scheinen die Standardgrößen heute kleiner, obwohl wir „größer und breiter“ geworden sind?

Kleidergrößen für Frauen
Kleidergröße ist oft nicht gleich Kleidergröße. Foto: Pexels/ Ksenia Chernaya

Deshalb sind die Kleidergrößen für Frauen so unterschiedlich

Es gibt mehrere Gründe, warum wir immer und immer wieder frustriert in der Umkleidekabine stehen. Da wären zum einen wirtschaftliche Faktoren: Körpermaße hängen nicht nur vom Gewicht einer Person ab, sondern auch von ihrem Alter. Da spielt die Körpergröße eine Rolle und die Veränderungen der Proportionen. Große Firmen sind eher auf ein junges Publikum ausgerichtet und orientieren sich demnach an deren durchschnittlichen Körpermaßen.

Das Gleiche gilt für regionale Unterschiede im Körperbau. Zum Beispiel sind europäische Frauen im Vergleich zu Frauen aus dem asiatischen Raum oft größer und weniger zierlich. Wer seine Kleidung auf der ganzen Welt anbietet, kann diese Unterschiede mit Standardgrößen kaum abdecken. Um Kosten zu sparen, produzieren große Firmen wie H&M deshalb Doppelgrößen (also XS, S, M, L, XL usw.), in denen sich alle Größen von 34 bis 60 verstecken. Durch diese Verzerrung passt man oft in eine kleinere Größe, was bei nummerischer Größenbezeichnung wiederum zu Frust führt, weil da die 38 plötzlich zu klein ist.

Wie berechnest du deine korrekte Konfektionsgröße?

In der Regel werden die Kleidergrößen für Frauen nach folgender Formel angegeben: Konfektionsgröße = Brustumfang geteilt durch zwei minus sechs Zentimeter. Beispiel: 88cm/2 = 44-6 = Konfektionsgröße 38. Die Normalgrößen (32–44) für Frauen setzen eine Körpergröße von 164 bis 170 cm voraus. Verbindlich ist diese Art der Berechnung aber nicht und deshalb variieren die Konfektionsgrößen von Hersteller zu Hersteller.

Fazit: Konfektionsgrößen sagen nichts über dein Gewicht aus

Der Grund, warum mir und Lowri Bryne im einen Laden eine 38 passt und im nächsten wieder nicht, ist also zum einen, dass es keine verpflichtende Norm in der Konfektionsberechnung gibt und zum anderen, dass sich vor allem große Modeketten auf eine junge Zielgruppe fokussieren und deshalb tendenziell kleine Größen anbieten. Wir sind also nicht zu dick, sondern höchstens zu alt. Juhu.

Auf Nummer sicher gehst du bei kleinen Firmen, die nicht in weltweiter Massenproduktion herstellen, sondern auf europäische (und realitätsnahe) Körpermaße genormt sind. Eine Liste solcher Brands, die außerdem eco und bezahlbar sind, findest du hier. Außerdem liest du im Interview mit Snag-Gründerin Brie Read, warum eine breite Auswahl an Konfektionsgrößen so wichtig ist – nicht nur für eine gute Passform, sondern auch für deine Psyche.