Ich bin mit Märchenbüchern aufgewachsen. Ich erinnere mich noch an das zerschlissene, dicke Buch, welches ich immer wieder hervorgeholt habe, wenn es hieß: „Welche Geschichte möchtest du heute zum Einschlafen hören?“ Märchen nehmen also schon immer einen wichtigen Platz in meinem Leben ein.

Umso wichtiger war es mir deshalb, das queere Märchenbuch Märchenland für alle zu lesen, welches in Ungarn einen regelrechten Skandal ausgelöst hat. Ich habe es in den letzten paar Tagen gelesen und kann dir nun schon eines vorwegsagen: Der Skandal hat sich gelohnt. Denn auf diese Weise hat dieses wunderbare Buch eine riesige Publicity bekommen, welches es absolut verdient.

Der Skandal um ein queeres Märchenbuch: Eine (traurige) Geschichte

Man möchte meinen, dass Märchen fast jeden glücklich machen. Klar, sie sind oftmals klischeehaft oder in ihren Werten veraltet. Doch genau dagegen wollte die Labrisz Lesbian Association in Ungarn die Märchen-Anthologie „Meseország mindenkiéw“ („Märchenland für alle“) im September 2020 veröffentlichen. Für mehr Diversität, mehr Sichtbarkeit, mehr Repräsentation.

„Uns ging es allein darum, marginalisierte Gruppen in Märchen auftauchen zu lassen“, sagt Boldizsár Nagy, der die Märchen-Anthologie unterschiedlicher Autor:innen herausgebracht hat. In dem Buch findet man Geschichten über Charaktere mit den unterschiedlichsten Schicksalen: Einem Häschen mit drei Ohren oder Prinzessinnen, die lieber selbst ihre Rettung in die Hand nehmen.

Zwei Schwule Männer
„Märchenland für alle“ will zeigen, dass Liebe Liebe ist. Foto: IMAGO Images / Addictive Stock

Neben all dieser Diversität befindet sich auch eine Geschichte mit zwei schwulen Prinzen in dem Märchenbuch – welche Vertreter:innen rechter Parteien in Ungarn ganz bitter aufstieß. Neben dieser kam auch noch das Märchen eines weiblichen Rehkitzes, welches gerne ein Geweih hätte, in die Kritik.

„Angriff auf die ungarische Kultur“

Die rechtsextreme Parlamentsabgeordnete Dóra Dúró bezeichnet Märchenland für alle als einen „Angriff auf die ungarische Kultur“ und schredderte das Kinderbuch öffentlich auf einer Pressekonferenz. Die Autor:innen der Anthologie sahen sich seitdem zahllosen Angriffen ausgesetzt. Manche der Beteiligten sind noch nicht einmal Teil der LGBT*-Community und werden trotzdem durch Hassreden attackiert.

Der rechtspopulistische Regierungschef Viktor Orbán brachte vergangenes Jahr ein Anti-LGBT*-Gesetz auf den Plan, welches er „Kinderschutzgesetz“ nannte. Am 03. April dieses Jahres kann über das Gesetz in Ungarn abgestimmt werden. Orbán schürt mit gezielten Fragen wie „Sind Sie damit einverstanden, dass die sexuelle Orientierung ohne Genehmigung der Eltern in öffentlichen Bildungseinrichtungen thematisiert wird?“ zu diesem Thema unnötige Ängste.

„Märchenland für alle“: Der Erfolgszug eines Buches

Als ich gehört habe, dass der stern sich dazu entschlossen hatte, das ’sagenumwobene‘ Buch in Deutsch herauszubringen, war für mich klar: Das muss ich lesen. Natürlich hatte auch ich von diesem Skandal gehört und wollte gerade deshalb dieses besondere Buch unterstützen. Und nicht nur ich dachte so.

Märchenland für alle bekam durch die harte ungarische Kritik einen regelrechten Höhenflug. Das Buch stand in seinem Heimatland teilweise sogar auf Platz Eins der Bestsellerlisten. Und was sagt uns das? Dass die queere Community und seine Allys viel stärker sind, als wir vielleicht denken.

In dem Buch wird mit Stereotypen gebrochen, es wird für Sichtbarkeit gesorgt und die Märchen, die wir kennen, werden aufgemöbelt und auf den aktuellen Stand der Zeit gebracht. „Denn es ist gut, nicht der Norm zu entsprechen“, so stern-Chefredakteurin Anna-Beeke Gretemeier im Vorwort zu Märchenland für alle.

„Es ist gut, anders und vielfältig zu sein. Es sollte für jeden Menschen selbstverständlich sein, das eigene, authentische ,Ich‘ leben zu können, ohne sich zu verstellen.“

„Märchenland für alle“. Vorwort von Anna-Beeke Gretemeier

Auch unsere weekly heroine Caroline Kebekus ist begeistert von diesem Buch und schreibt „Darauf habe ich wirklich lange gewartet!“. Und diese Begeisterung bezieht sich nicht nur auf Deutschland. Mittlerweile wurde es in zehn Sprachen übersetzt. Boldizsár Nagy sagt selbst, dass durch die vielen Diskussionen zu diesem Buch eine „große Solidarität, nicht nur innerhalb der LGBT*-Community, sondern unter den verschiedenen Minderheiten entstanden [ist]“.

Frau mit Regenbogenflagge
„Märchenland für alle“ ist nicht nur etwas für die queere Community sondern für jeden Einzelnen. Foto: IMAGO Images / Addictive Stock

Darum sollte jeder dieses Märchenbuch gelesen haben

Ich wusste von vorneherein, dass mir dieses Buch gefallen wird. Schließlich liebe ich Märchen und ich liebe es, immer mehr LGBTQ-Repräsentation im deutschen Buchraum zu sehen. Doch dass ich das Buch SO SEHR lieben würde, hätte ich nicht erwartet.

Die Worte, mit denen dort kleine Geschichten und Wunder gesponnen werden, gehen so an die Seele, dass ich nach jedem Märchen mit einem wohlig-warmem Gefühl im Herzen das nächste Geschichten-Abenteuer begann. Ich konnte es gar nicht mehr aus der Hand legen und habe die Hälfte der enthaltenen Märchen an einem Abend verschlungen.

Als Kind sieht man noch nicht die vielen ‚Probleme‘, die die klassischen Märchen mit sich bringen. Je älter man wird, desto toxischer erscheinen einem manche Rollenbilder in den Geschichten jedoch. Märchenland für alle macht mit den binären Geschlechterverhältnissen Schluss und zeigt, wie bunt und vielfältig es in der Welt zugehen kann und auch zugehen sollte. Zuletzt möchte ich die wunderschönen Illustrationen nicht unerwähnt lassen, die das Lesen noch einmal mehr bereichern und in die Welt der (queeren) Märchen entführt.

Das Buch ist eine dicke Empfehlung von mir und das nicht nur für eine bestimmte Gruppe, sondern für alle, die ihren Horizont erweitern wollen und richtig schöne Märchenstunden verbringen wollen. Ich hab das Buch auf jeden Fall meiner Mama mitgegeben, die Kindergärtnerin ist, damit sie es gleich ihrer Gruppe vorlesen kann. Denn, wie schon Anne-Beeke Gretemeier weiß: „Kinder sind unvoreingenommen. Sie hören zu und nehmen auf. Daher ist es wichtig, ihnen gegenüber nicht darauf hinzuweisen, was besonders ist, sondern wiederzugeben, was normal ist.“

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