Text me when you get home: Sarah Everard war erst 33 Jahre alt, als sie starb. 33 Jahre, die in einer Nacht ausgelöscht wurden. Als sie an ihrem letzten Abend eine Freundin besuchte und sich gegen 21 Uhr auf den Nachhauseweg machte, endete ihr Leben. Nur wenige Tage später wurde ihre Leiche in einem Wald gefunden, ein Polizist wurde festgenommen, weil er die junge Frau entführt und ermordet haben soll.

Text me when you get home & reclaim the steets

Seitdem sprechen zahlreiche Frauen unter den Hashtags #ReclaimTheStreets und #Textmewhenyougethome in den Sozialen Medien über den Vorfall und über das Risiko, im Öffentlichen Raum angegriffen, vergewaltigt oder Opfer eines Verbrechens zu werden. Dabei kamen zahlreiche Geschichten ans Licht, die zeigen, wie Frauen versuchen, sich auf dem Nachhauseweg vor einem Überfall zu schützen. Geschichten, die auch wir in der wmn-Redaktion aus unserem Alltag kennen.

5 Frauen erzählen: Angst, nur weil wir Frauen sind

Die wmn-Redaktion kennt das Gefühl der Angst nur zu gut. Wir haben unsere Erfahrungen und die uns nahestehender Personen aufgeschrieben. Auch sie verdienen es, gehört zu werden.

„Im Taxi habe ich mich gefragt, ob ich noch lebend zuhause ankomme.“

Es war eine lauwarme Sommernacht gegen 3 Uhr nachts, die Beats dröhnten aus den Boxen eines Berliner Nachtclubs und ich wurde müde. Also rief ich mir per App ein Taxi, um nach Hause zu fahren. Doch als der Fahrer vor der Tür stand und ich in sein Auto einstieg, hatte ich gleich ein mulmiges Gefühl. Er musterte mich von oben nach unten, bis sein Blick auf meinen nackten Beine landete.

Mehrere Sekunden vergingen, bis er sich endlich abwand. Mir kam es vor wie zehn unendlich lange Minuten. Auf der Heimfahrt machte er mir Komplimente über meinen Körper, fragte, wohin er mich fahren soll und ob ich alleine lebe. Ich log und sagte, dass ich mit zwei Freundinnen zusammen wohnte, schickte meiner besten Freundin einen Live-Standort und hoffte, dass ich lebend zuhause ankomme.

Frau krank Bett
Viele Frauen fühlen sich sogar schuldig nach einem sexuellen Übergriff. Foto: shutterstock/ Stock-Asso /

„Er holte sich auf mich einen runter – in der U-Bahn.“

Die U-Bahn war vollkommen leer in den frühen Samstagmorgenstunden. Nur ein älterer Typ saß hinter mir in der Reihe. Er hielt eine Aldi-Tüte auf dem Schoß. Das hatte ich gesehen, als er hereingekommen war uns sich hinter mich gesetzt hatte. Ich blickte aus dem Fenster in den U-Bahn-Schacht und hinter mir begann es zu rascheln und zu knistern. Der Typ holte wohl etwas aus seiner Aldi-Tüte heraus.

Das Rascheln hielt aber zu lange an, als dass er nur etwas herausholen könnte. Ich hatte eine böse Vorahnung. Ich blickte verstohlen und verschämt hinter mich. Da sah ich, dass der Typ sich im Schutz der Tüte gerade einen runterholte. Dabei stierte er mich gebannt an. Wahrscheinlich machte mein erschrockenes Gesicht ihn nur noch geiler.

Ich sprang auf und eilte nach ganz vorne in der U-Bahn. Ich zeigte ihn weder an, noch sagte ich dem Zugführenden Bescheid. Irgendwie schämte ich mich. Ich weiß bis heute nicht, warum.

“Ich wollte ihm nicht zeigen, wo ich wohne.”

Als ich eines Tages spät von einer Freundin nach hause gekommen bin, stand an meinem U-bahnausgang auf einmal eine dunkle Gestalt, ganz oben in der Mitte der Treppe. Er stand da schon eine Weile und schien gewartet zu haben. Ich dachte auf eine:n Bekannte:n, aber sobald ich in der Nähe war, ist er mir in den Weg getreten, hat mich angequatscht, gefragt wo ich wohne, wo ich hingehen möchte, ob ich nicht mit ihm gehen will.

Ich bin stoisch weitergelaufen, nur leider lag meine Wohnungstür nur 10 Meter vom U-bahnausgang entfernt und er ist mir nicht von der Seite gewichen. Dann kam meine Rettung: Ein Mädchen, welches im gleichen Haus wohnte, packte mich von hinten, begrüßte mich freudig, als würden wir uns schon ewig kennen und fragte, ob ich den Kerl kennen würde. Als ich verneinte, beschleunigte sie den Schritt und zog mich in unsere Haustür hinein. 

Frau Telefon Bahnfahren
In der U-Bahn ist man manchmal ganz allein. Foto: isotck/ FluxFactory /

“Andere mussten mir zu Hilfe kommen.”

Eines Tages bin ich spät von einer Hausparty nach hause gefahren und saß an der Haltestelle. Ein paar Sitze entfernt war ein älterer Mann, der freudig vor sich hinbrummte und ziemlich gute Laune hatte. Er fing ein Gespräch an und weil ich keine Stalkervibes von ihm empfang, ging ich darauf ein. Als meine Bahn kam, stieg er auf einmal mit ein und setzte sich zu mir. Daraufhin fragte ich ihn, wo er denn hin müsse und erklärte ihm, wann er umsteigen muss und wie er dorthin kommt.

Doch dann kippte das Gespräch und er fragte, wann ich aussteigen würde und ob er nicht mit mir kommen könnte. Ich bekam Panik und erklärte ihm eisern, dass er jetzt aussteigen müsse, wenn nachhause wollte. Doch er blieb sitzen. Die Panik wurde größer, weil ich an der Endstation wohne und dort nur wenige Leute aussteigen und mein Heimweg unbeleuchtet ist.

Also wurde ich immer lauter, habe fast geschrien beim Reden, damit die anderen Leute in der Bahn hörten, was er vorhatte. Schließlich hat mich eine Gruppe junger Männer zu sich geholt und wir sind zusammen zwei Stationen eher ausgestiegen. Sie warteten mit mir bis der Typ in einen Bus gestiegen war und den Rest des Wegs bin ich gelaufen.

“Er wollte einfach nicht gehen.”

Das Date lief ohnehin irgendwie schleppend und eigentlich wollte ich nur so schnell wie möglich nach Hause, um noch eine Netflixfolge zu schauen. Doch ich wollte nicht unhöflich sein und ihn aus meiner Wohnung schicken. Nach einem weiteren Glas Wein erklärte ich aber, dass ich müde sei und ins Bett wollte. Darauf antwortete er nicht mit Verständnis, sondern mit Überredungsversuchen. “Komm schon. Die Nacht ist doch noch jung. Es wäre doch eine Schande, heute keinen Sex zu haben.”
“Nein.” sagte ich.
“Bitte.” sagte er.
“Nein, vielen Dank.” sagte ich.
“Bitte bitte.” sagte er.
Das ging gut eine Stunde hin und her, bis ich irgendwann wirklich wurde und ihn rauswarf. Dieser Typ hat mich dazu gebracht, dass ich keine ersten Dates mehr bei mir zuhause stattfinden lasse.

Auch in unserem Podcast haben wir uns bereits über das Thema Selbstverteidigung und unsere Erfahrungen mit Ängsten auf der Straße ausgetauscht.

Text me when you get home: Schrecklich, aber normal

Leider ist es unter Frauen völlig selbstverständlich, sich immer wieder sehr unwohl in seiner eigenen Haut zu fühlen. Frauen unter sich wissen um diesem Umstand meist und er wird nur wenig thematisiert. Der Fall von Sarah Everard bringt diese Situationen auf schreckliche Weise in die öffentliche Debatte.

Diskriminierung & Sexismus sind leider noch immer Alltag im Leben einer Frau.

Diese 5 Momente kennt jede Frau. Warum brauchen wir nochmal den Feminismus? Achja, weil wir Frauen nicht immer wie ebenbürtige Mitmenschen behandelt werden.