Seit dem 1. Oktober kannst du die Tragikomödie Gott, du kannst ein Arsch sein! im Kino sehen. Wir haben mit der Hauptdarstellerin Heike Makatsch über ihren neuen Film gesprochen und darüber, was Verlust für sie selbst bedeutet.

Heike Makatsch in „Gott, du kannst ein Arsch sein!“

In Gott, du kannst ein Arsch sein! spielt Heike Makatsch die Mutter der 16-jährigen Steffi, bei der völlig unerwartet Krebs diagnostiziert wird – unheilbarer Krebs. Die Eltern (Heike Makatsch und Til Schweiger) setzen dennoch Hoffnungen in eine Chemo-Therapie, die ihrer Tochter etwas mehr Zeit verschaffen soll.

Statt sich aber dem Wunsch ihrer Eltern zu fügen, macht sich Steffi zusammen mit dem Zirkusartisten Steve (Max Hubacher), einem geklauten Auto, aber ohne Geld auf eigene Faust auf den Weg nach Paris. Für Steffis Eltern, die ihr stets auf den Fersen sind, ist es eine Zeit der Verzweiflung, aber auch der Erkenntnis darüber, dass Liebe auch Loslassen bedeutet.

Die Geschichte berührt nicht zuletzt deshalb, weil es Stefanie Pape tatsächlich gegeben hat.  Die 16-Jährige, die 296 Tage nach ihrer Krebsdiagnose starb, lies sich  kurz vor ihrem Tod den Satz „Gott, du kannst ein Arsch sein!“ tätowieren. Ihr Vater Frank Pape hielt ihre Geschichte in einem Buch fest, welches als Inspiration für den Film diente.

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Heike Makatsch, Gott du kannst ein Arsch sein
Die Eltern von der todkranken Steffi (Til Schweiger & Heike Makatsch) nach der Diagnose.(Photo: © UFA FICTION 2019/ Thomas Kost)

Heike Makatsch & wmn im Interview

wmn: Wie empfanden Sie die Herausforderung, sich mit der Sterblichkeit des eigenen Kindes auseinanderzusetzen?

Heike Makatsch: Nicht nur im Film, auch im wahren Leben beschäftigt man sich ja mit diesem Thema, ohne eine ständige Angst vor dem Worst Case- Scenario in sich zu tragen. Und doch erlaubt man sich den Gedanken daran, was einem das Wichtigste im Leben ist und was wäre, wenn es mir genommen würde. 

Der Tod – sei es der Tod der Eltern, des Partners oder der Kinder, bedeutet natürlich immer eine Bedrohung. Nichts ist dann mehr so, wie es vorher war. Der Gedanke daran, was ein unwiederbringbarer Verlust in mir auslösen würde, ist mir nicht fremd. Es ist wichtig, sich mit diesen Ängsten zu konfrontieren und an einen Punkt zu gelangen, an dem man loslassen kann und sich dem Schicksal fügt – wie auch im Film die Eltern der Steffi es getan haben.

wmn: Was hat Sie beim Lesen des Drehbuchs besonders an der Rolle der Mutter der Steffi gereizt?

Heike Makatsch: Am Anfang war sie, die Mutter, überwältigt von ihrem Schmerz und ihrer Angst und ihrem Unvermögen sich vorzustellen, wie das Leben jetzt weitergehen soll. Sie hat Steffi so sehr festgehalten, dass sie ihre Tochter überhaupt nicht mehr sehen konnte. Sodass sie nicht mehr erkennen konnte, was diese braucht und was für sie das richtige ist. Stattdessen war die Angst ihr Berater. 

Bis sie sich auf diese Reise begibt und ihre Tochter endlich glücklich sieht, trotz dieser unglücklichen Umstände. Hiernach konnte sie ihre Angst in Hingabe umwandeln. Dieser Umgang mit Abschied, mit Verlust und mit Tod – das hat mich beeindruckt. 

wmn: Wie würden Sie als Mutter mit Steffis Reaktion, also dem Weglaufen, umgehen? 

Heike Makatsch: Ich habe mich sehr in die Mutter hineinversetzen können, ihre Reaktionen sind für mich gut nachvollziehbar. Dass sie versucht, durch das Festhalten und Kontrollieren der Situation die Dinge doch nochmal ins Gute umzukehren. 

Ich denke, dass die Figur der Mutter eine Reise durchmacht, die insofern als archetypisch gesehen werden kann, als dass sie gar nicht mit dem Tod der Tochter enden muss, damit viele Zuschauer sich identifizieren können – sondern einfach damit, dass die Tochter irgendwann sagt “Ich bin jetzt nicht mehr dein Kind, sondern eine eigenständige Frau.” Das ist ja auch eine Form des Loslassens, etwas wogegen man sich als Mutter erst einmal wehrt. 

Da versucht man das Kind festzuhalten, indem man Dinge verbietet, Grenzen setzen will und so weiter. Man muss also in seiner Vorstellung vielleicht noch nicht einmal soweit gehen, dass das Kind stirbt, sondern es reicht schon, den Schmerz zu erfahren, wenn das Kind nicht mehr dein Kind ist, weil es nicht mehr auf dich angewiesen ist. Das sind diese Ablöse-Schritte, die jede Mutter durchmachen muss.

Heike Makatsch, Gott du kannst ein Arsch sein
Frank Pape (Til Schweiger) und Eva Pape (Heike Makatsch) bei Steffis Abschlussfeier.(Photo: © UFA FICTION 2019/ Thomas Kost)

wmn: Kann man in Bezug auf die Mutter-Kind-Beziehung im Film trotz des Sterbens von Steffi von einem Happy End sprechen?

Heike Makatsch: Ja, ich denke schon. Das Happy End für die Reise der Figur der Mutter Eva ist das Loslassen. Dass sich zwei Menschen ohne Zwang und mit Liebe voneinander lösen können und das Beste für den anderen wollen. 

Dass sie nicht mehr sich selbst im anderen verwirklicht sehen, ihn kontrollieren oder besitzen wollen, sondern dass es einfach um die Liebe für den anderen geht und den Wunsch, dass er in dem Moment glücklich ist, wo immer er jetzt hingehen muss oder will. Das ist eine Qualität der Liebe, die zu erreichen gar nicht so einfach ist. 

wmn: Haben Sie mit Angehörigen der echten Steffi sprechen können?

Heike Makatsch: Steffis Vater war präsent bei den Dreharbeiten und auch im Vorfeld. Aber ich sehe die Vorbereitung eher als eine Suche in sich selbst, statt in anderen. Und das, was man der Figur dann am Schluss gibt, hat manchmal nur bedingt etwas mit der Dramaturgie des Buches zu tun. 

Man sucht in sich Dinge, die zum Teil gar nicht eins zu eins im Buch stattfinden, die der Figur aber trotzdem ein Leben einhauchen, welches der Geschichte entspricht. Jedenfalls denke ich, dass die Auseinandersetzungen mit den eigenen Filmfiguren immer einen stark psychologisch-therapeutischen Ansatz hat. 

wmn: Wie ist in Ihrer eigenen Familie der Umgang mit dem Thema Tod?

Heike Makatsch: Ich hatte bisher das Glück, noch nicht mit so großen Verlusten konfrontiert zu werden. Meine Eltern sind gesund, meine Freunde auch. Krankheit und Tod haben noch keinen so großen Platz in meinem nahen Umfeld eingenommen. 

Wenn das aber der Fall wäre, würde ich natürlich in der Familie darüber sprechen. Ein Tabuthema ist der Tod bei uns also nicht. Im Gegenteil, ich würde wahrscheinlich sogar sehr viel reden. Dabei muss man manchmal auch einfach nur fühlen – und loslassen. 

Wir haben auch mit der Steffi-Darstellerin Sinje Irslinger über den Film gesprochen und sie hat uns verraten, wo sie ein Mal im Leben unbedingt gewesen sein will. Und wir haben uns „Die Misswahl“ mit Keira Knightley für dich angeschaut: Weichgespülter Feminismus oder echte Botschaft?