Als im Sommer 2019 verschiedene Lebensmittelkennzeichnungen getestet wurden, schnitt der Nutri-Score mit Abstand am besten ab. Das vielversprechende Fazit zum Nutri-Score lautete in 90 Prozent aller Fälle: „schnell und intuitiv“. Das ist er wirklich. Überschaubare fünf Buchstaben, eingefärbt in ein beruhigendes Grün oder warnendes Rot. Abhängig davon, ob das Lebensmittel gesund oder ungesund ist. Wie genau die Nutri-Score Berechnung funktioniert, wissen dagegen weniger Menschen und fallen häufig auf die Codes herein.

Die ersten Unklarheiten finden sich dabei ganz schnell, streift man einmal durch den Supermarkt. Im Regal stehen Trinkkakaopulver und Schokomilch mit einem „A“ auf der Verpackung, auf der Mandelmilch prangt dagegen nur ein „B“ und Marzipan, das bis zu 35 Prozent aus Zucker besteht, kommt auf ein „C“. Wie kann das sein?

Nutri-Score Berechnung: Das steckt wirklich dahinter

Die Berechnung des Nutri-Scores bezieht sich auf 100 Gramm oder Milliliter eines Produkts und setzt sich aus verschiedenen Inhaltsstoffen und Nährstoffen zusammen, die je nach gesundheitlicher Wirkung mit Punkten bewertet werden. Eine positive gesundheitliche Wirkung haben beispielsweise Eiweiße und Ballaststoffe. Auch ein Obst-, Gemüse- oder Nussanteil wirkt sich positiv auf die Bewertung aus. Eine negative Wirkung haben gesättigte Fettsäuren, Zucker, Salz und natürlich die Nahrungsenergie, also der Kaloriengehalt.

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Vitamine werden im Nutri-Score nicht berücksichtigt. Credit: shutterstock/ Anastasia_Vishn

Problem 1: Nicht alle Inhaltsstoffe werden erfasst

Womit wir bereits beim ersten Problem angekommen wären. Andere Inhaltsstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe oder ungesättigte Fettsäuren, die nachweislich gesund sind, werden im Nutri Score nicht berücksichtigt. Dasselbe gilt für ungesunde Zusatzstoffe wie Geschmacksverstärker oder Süßstoffe. Mit denen kann der Nutri-Score schnell mal eben verbessert werden, ohne dass das Produkt wirklich gesünder wird.

Umgekehrt enthalten Nudeln kaum Zucker, Fett und Salz. Walnüsse enthalten dagegen viele „gute“ ungesättigte Fette. Trotzdem wären Letztere nach dem Nutri-Score „ungesünder“.

Fazit: Der Nutri-Score schützt nicht vor falschen Schlüssen. Wer sich wirklich gesund ernähren will, kommt an der Zutatenliste nicht vorbei.

Problem 2: Die Berechnung bezieht sich (manchmal) auf die Zubereitung

Zurück zum „sehr gesunden“ Kakaopulver, das beim Nutri-Score ein „A“ abgestaubt hat. Das Pulver ist von Nesquik und besteht zu einem Viertel aus Zucker – trotz Reduzierung. Unter dem angefügten Sternchen ist dennoch „unter gleichem Kaloriengehalt“ zu lesen. Für die Bewertung gibt es zwei Gründe.

Der erste Grund ist die Zutatenliste. Im Pulver sind beispielsweise Mais-Ballaststoffe enthalten, die positiv eingestuft werden. Der zugefügte Emulgator fällt einfach durch den Nutri-Score Filter. Glukosesirup wurde auch noch hinzugefügt, fällt aber nicht immer unter die Angabe „davon Zucker“, weil er zum Teil auch aus Mehrfachzucker bestehen kann.

Der zweite Grund ist, dass sich die Nutri-Score Berechnung zwar meistens nur auf 100 Gramm des Produkts bezieht, aber weil niemand (oder wenige) Kakaopulver löffeln, wird das zubereitete Produkt bewertet. Bedeutet: 95,2 Milliliter fettarme Milch plus 6,4 Gramm Kakaopulver. Schlecht für Verbraucher:innen, die so einmal mehr nicht wissen, woran sie sind. Und während sie Nutri-Score-konform mit Feinwaage und Messbecher hantieren, lehnt sich Nesquik entspannt zurück.

Fazit: Meist bezieht sich die Berechnung des Nutri-Scores nur auf das Produkt an sich, manchmal aber auch auf die Zubereitung. Wann was der Fall ist, muss erst nachgelesen werden.

Problem 3: Der Nutri-Score bezieht sich nur auf eine Produktgruppe

Zu den Dingen, die Verbraucher:innen unbedingt wissen sollten, zählt auch, dass sich der Nutri-Score immer nur auf eine Produktgruppe bezieht. Deswegen liegen im Tiefkühlregal „A“-Pommes neben „B“-Gemüsepfannen, auch wenn die Gemüsepfanne natürlich das gesündere Produkt ist. Das ist irritierend und führt zu falschen Schlussfolgerungen, die das Grundziel des Nutri-Scores gefährden. Nämlich eine bessere Ernährung umzusetzen und Krankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen.

Fazit: Der Nutri-Score eignet sich nicht, um alle Lebensmittel zu vergleichen. Stattdessen können nur Produkte derselben Gruppe verglichen werden.

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Mit einem „C“ auf der Verpackung lässt sich Schoko-Pudding besser genießen als mit einem „D“. Credit: istock.com/FotografiaBasica /

Problem 4: Es gibt keine Garantie für den Nutri-Score

Für die Richtigkeit des Nutri-Scores sind die Hersteller selbst verantwortlich. Auch, weil die Kennzeichnung freiwillig ist. Auf einem Schoko-Mousse stand beispielsweise für einige Monate der Nutri-Score „C“, anstelle der richtigen „D“-Bewertung.

Fazit: Dem Nutri-Score fehlt eine Lebensmittelüberwachung. Das könnte sich ändern, indem die Kennzeichnung verpflichtend eingeführt wird.

Der Nutri-Score ist kein Gesundheitsversprechen

Die Einführung des Nutri-Scores war sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung und eine Orientierungshilfe für alle, die auf eine gesunde Ernährung achten. Große Firmen bessern teilweise ihre Rezepturen nach, um ihren Score zu verbessern.

Trotzdem müssen Verbraucher:innen auch über die Einzelheiten Bescheid wissen. Verbesserungspotenzial gibt es immer, hier sind die Schwachstellen aber sehr offensichtlich. Um Missverständnisse zu vermeiden, lohnt sich also immer wieder ein Blick auf die Nährwertangaben.

Mehr über den Nutri-Score erfährst du in unserem Artikel über die Lebensmittelampel.

Außerdem sagen wir dir, ob salzarme Ernährung auch Nebenwirkungen haben kann und warum du mit Soft Health gar nicht auf den Nutri-Score angewiesen bist.