Wolfgang Niedecken (70, „Verdamp lang her“) zählt zu den bekanntesten Sängern Deutschlands. 1976 begann mit der Band BAP seine Karriere als Musiker. Bis heute tourt er als einzig verbliebenes Gründungsmitglied unter dem Namen Niedeckens BAP durch die Lande. Am 30. März feiert das Kölner Urgestein seinen 70. Geburtstag. Eigentlich wäre an diesem besonderen Tag ein Konzert in Köln geplant gewesen, doch die Corona-Pandemie machte dem einen Strich durch die Rechnung. Stattdessen gibt es eine Geburtstagsedition des aktuellen Albums „Alles fließt“, die am 26. März erschien.

Darauf sind unter anderem vier neue Songs unter dem Titel „Sibbe Köpp/Veezehn Häng (Vier Raritäten aus der Vorzeit)“ zu hören. „Ich bin ein Relikt aus einer anderen Zeit“, sagt der Jubilar auch über sich selbst. Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news blickt Wolfgang Niedecken auf die Höhen und Tiefen seines Lebens zurück, spricht über Krankheiten und seine Geburtstagspläne. Außerdem erklärt er, warum er täglich Sport treibt und was ihm einst sein Leben rettete.

Am 30. März feiern Sie Ihren 70. Geburtstag. Wie geht es Ihnen mit der Zahl?

Wolfgang Niedecken: Ich denke nicht darüber nach. Ich habe so viel zu tun. Natürlich spürt man, dass man älter wird. Wenn einer mit 70 behauptet, er würde das nicht merken, der lügt. Wie jeder, der behauptet, er wäre lieber alt als jung. Aber mir geht es sehr gut. Ich bin fit, mache genug Sport, freue mich meines Lebens und über meine Enkel. Ich hätte nie gedacht, dass es mir so gut gehen würde, wenn ich 70 Jahre alt werde.

Welchen Sport treiben Sie?

Niedecken: Ich setze mich jeden Morgen eine Stunde auf den Heimtrainer und fahre meine 28 Kilometer. Außerdem mache ich Gymnastikübungen – die muss ich machen, damit ich meinen Bandscheibenvorfall nicht doch noch operieren lassen muss.

Leiden Sie noch unter dem Bandscheibenvorfall?

Niedecken: Nein, der ist mittlerweile wohl ausgestanden. 2015 habe ich mich beim Umtopfen einer Pflanze verhoben. Die ersten beiden Ärzte, die ich aufgesucht hatte, wollten mich direkt operieren. Die wittern sofort das große Geld. Der dritte Arzt war der Meinung, dass ich keine Operation brauche. Mit Gymnastik und gezielten Spritzen in die entsprechenden Bandscheiben haben wir das hinbekommen. Man muss halt konsequent sein und jeden Tag seine Übungen machen.

Warum Heimtrainer und nicht einfach aufs Fahrrad?

Niedecken: Zwischen 50 und 60 bin ich jeden Morgen am Rhein entlanggefahren – bei Wind und Wetter. Das kann ich jedem empfehlen: An der frischen Luft schweißtreibenden Sport machen. Das stärkt die Abwehrkräfte. Das habe ich allerdings eine Zeit lang vernachlässigt und hatte deswegen einen Schlaganfall. Wären meine Abwehrkräfte besser gewesen, hätte ich diesen dämlichen Husten nicht bekommen. Durch den Husten hat sich nämlich eine kleine Wunde in der Halsschlagader gebildet, ein Gerinnsel stieg nach oben und führte zu einer Blockade. Diese Art von Schlaganfall ist sehr untypisch und wurde deswegen auch nach mir benannt: „Casus Niedecken“ heißt er jetzt. Ich habe ihn Gott sei Dank überlebt und nichts zurückbehalten.

Wie hat der Schlaganfall Ihr Leben verändert? Gibt es etwas, auf das Sie seitdem verzichten?

Niedecken: Ich bin konsequenter mit dem Sport. Das ist ungefähr so, wie wenn ein Fußballspieler die Gelbe Karte bekommt. Da gibt’s ein paar Doofe, die fünf Minuten später Gelb-Rot kriegen. Und dann gibt es die Leute, die sich danach in Acht nehmen. Einfach, weil sie das Spiel zu Ende spielen wollen. Und ich beherzige meine Gelbe Karte.

Wie blicken Sie auf Ihre 70 Lebensjahre zurück?

Niedecken: Absolut positiv. Wenn ich nicht dankbar bin, wer dann? Ich hatte nie mit einem solchen Erfolg gerechnet. Wir hatten überhaupt keinen Plan und nun dauert meine Karriere schon 45 Jahre an. Das ist ein Traum. Ich habe eine wunderbare Familie, wunderbare Kinder und mittlerweile sogar zwei Enkelkinder. Wenn heute Schluss wäre, würde ich sagen: „Vielen Dank dafür, ich trete dankbar ab.“

Was war der schlimmste Moment und was das Highlight in Ihrem bisherigen Leben?

Niedecken: Es gibt einige schlimme Momente in meinem Leben. Zum Beispiel, als ich erfuhr, dass meine Mutter Alzheimer hat. Oder als ich merkte, dass meine erste Ehe definitiv gescheitert war. Mein Schlaganfall war auch nicht toll. Aber so ist das Leben: Man durchschreitet Täler und manchmal erklimmt man einen Gipfel. Wer behauptet, sein ganzes Leben würde aus einem Homerun bestehen, der spinnt. Aber es war eine göttliche Fügung, dass ich meine jetzige Frau kennengelernt habe. Das hat mir letztendlich sogar mein Leben gerettet. Als ich sie kennenlernte, war ich in keiner guten Verfassung.

Am 30. März wollten Sie eigentlich ein Konzert in der Kölner Lanxess Arena spielen. Leider ist das Corona-bedingt nicht möglich. Waren Sie sehr enttäuscht über die Absage?

Niedecken: Das hat man schon im vergangenen Sommer kommen sehen. Eigentlich wollten wir am 18. September in Köln das Album „Alles fließt“ präsentieren. Doch daraus wurde auch nichts. Man muss einfach flexibel bleiben und überlegen, was wirklich machbar ist. Nicht irgendwelche Konzerte ankündigen und die Leute dann mit einem Gutschein abspeisen. Das ist alles Quatsch und man verliert an Glaubwürdigkeit.

Was machen Sie jetzt an Ihrem Geburtstag?

Niedecken: Ich werde nur im kleinsten Kreis zu Hause feiern. Es ist eh noch Lockdown. Meine Kinder werden da sein – vorher werden Schnelltests gemacht. Aber irgendetwas Schönes wollten wir auch offiziell machen. Deshalb gibt es die Geburtstagsedition vom aktuellen Album „Alles fließt“. Denn einfach so zu tun, als ob nichts wäre, ist auch doof. Und dann bleibe ich einfach noch ein Jahr lang 69 und dann gibt’s ein 70-A-Konzert, 2022 in der Kölnarena.

Die Geburtstagsedition enthält auch neue Lieder unter dem Titel „Sibbe Köpp/Veezehn Häng (Vier Raritäten aus der Vorzeit)“. Betrachten Sie sich manchmal auch als Rarität aus der Vorzeit?

Niedecken: Teilweise ja. Ich bin technisch nicht besonders versiert. Die Damen des Hauses haben mir beigebracht, wie mein iPad funktioniert. Ohne das Teil käme ich überhaupt nicht mehr klar. Schließlich muss ich fürs Songschreiben einiges recherchieren – Wikipedia und Google sind da eine große Hilfe. Heute ist alles nur einen Mausklick entfernt. Aber stimmt schon: Ich bin ein Relikt aus einer anderen Zeit. Ich bin ein haptischer Mensch, ich brauche meine Bücher aus Papier. Ich will mit Bleistift Sätze anstreichen können – da bin ich wirklich total oldschool.

Dafür haben Sie in alten Aufnahmen gestöbert. Kamen da alte Erinnerungen hoch?

Niedecken: Am meisten freut mich, dass ich das Lied „Leev Frau Herrmanns“ wiederentdeckt habe. Ich hatte es komplett vergessen. Tatsächlich muss der Anfang der BAP-Geschichte neu geschrieben werden. Ich habe das Geburtstaglied für Frau Herrmanns im Jahr 1976 geschrieben. Der erste BAP-Song „Helfe kann dir keiner“ stammt von 1977. Damit gibt es eine neue Nummer eins.

Denken Sie manchmal über den Ruhestand nach?

Niedecken: Irgendwann wird es soweit sein, dass ich einen Gang zurückschalten muss. Aber das wird nicht von einem Tag auf den anderen passieren. Mein Lieblingswort auf Kölsch ist „höösch“. Das heißt so viel wie „in aller Ruhe“. Ein bisschen mehr Ruhe wäre auch nicht schlecht. Aber wahrscheinlich würde es mir dann langweilig werden.

(amw/spot)