Deutschland feiert 30 Jahre Deutsche Einheit. Vor mittlerweile drei Jahrzehnten wurden Ost und West wieder vereint. Nun sollte wieder das zusammenwachsen, was 41 Jahre getrennt war. Doch einfach war die Wiedervereinigung nicht. Noch bis heute gibt es sowohl gesellschaftlich, politisch als auch wirtschaftlich große Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland.

Die Chancen 30 Jahre nach der Deutschen Einheit

Doch wie sehr spielen diese Unterschiede für die junge Generation eine Rolle? Welchen Bezug hat sie zu einem historischen Ereignis, das sie nie erlebt hat? Interessiert die unter 30-Jährigen eines der wichtigsten Jubiläen Deutschlands überhaupt, wenn sie das Land getrennt gar nicht kennen?

Schätzungsweise 25 Millionen Menschen kennen nur ein vereintes Deutschland. Eine Kluft zwischen Ost und West spüren sie aber trotzdem deutlich. Das ergab bereits 2019 eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach, welches 1600 Probanden im Alter von 15- bis 24 befragte.

Eines der Erkenntnisse: Die Hälfte alle jungen Ostdeutschen glaubt, dass sich die Lebensverhältnisse noch immer unterscheiden. Im Westen sahen das nur 44 % so. Das wirkt sich natürlich auch auf ihre Zukunftschancen aus. In Ostdeutschland schätzen 42 % der jungen Menschen diese als ungünstig ein, während es im Westen nur 19 % sind.

Ostfrauen: East Side Gallery
30 Jahre nach der Wiedervereinigung: Deutschland hat viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede.

So sehen junge Frauen das 30-jährige Jubiläum 

Auch in unserer Redaktion wurde über eines der wichtigsten Jubiläen Deutschlands gesprochen – und die Sichtweisen hätten nicht unterschiedlicher sein können. Für einige spielt der 30. Jahrestag gar keine Rolle, für andere hat der Tag große Bedeutung. Lest hier, was unser Team dazu zu sagen hat:

Franzi, 27: „Es ist interessiert mich nicht mehr!“

„Ganz ehrlich: Es interessiert mich eigentlich nicht mehr. Es war ein wichtiger Meilenstein in unserer Geschichte, aber das war vor meiner Zeit und obwohl es noch Unterschiede zwischen West und Ost gibt, habe ich das Gefühl, dass sie mich nicht betreffen.

Dann und wann darf man sich als gebürtige Ostdeutsche halt manchmal ein dummes Vorurteil anhören, oder man macht halt selbst mal ein Witz darüber. Aber schlimm finde ich es nicht, die meisten Leute lassen sich nämlich dann doch ganz gut darüber aufklären und sehen ein, dass der Westen nicht Gold scheißt und der Osten nicht nackt im Wald haust.“

Anni, 27: „Wir sind noch nicht am Ziel angelangt!“

„Ich bin geborene Westberlinerin, definiere mich aber nicht als solche, sondern bin einfach Berlinerin (zumal ich jetzt im Osten wohne). Ob Menschen, denen ich begegne, aus West- oder Ostdeutschland kommen, ist mir schnuppe. Aber das trifft auf alle möglichen Herkunftsländer zu. Wir leben aber in einer Welt, in der Ausgrenzung und Stigmatisierung aufgrund von Herkunft ein großes Thema ist.

Ich kann mir also durchaus vorstellen, dass Menschen aus Ostdeutschland öfter Diskriminierungen erfahren, als mir persönlich bewusst ist. Ich weiß auch, dass Ostdeutsche sich oft als Ostdeutsche definieren, dezidiert ostdeutsch fühlen. Und ich denke, solange das der Fall ist, sind wir noch nicht am Ziel angelangt und dass dieses Empfinden seine berechtigten Gründe haben wird.

Vorurteile wie in Ostdeutschland sind alle rechts, die Schuldbildung ist schlechter und die reden alle so komisch, sind sicher nicht der richtige Weg. Und ich denke, dass auch ich in meinem Alltag mehr darauf achten sollte, solche Bilder nicht zu reproduzieren – und seien diese nur als Witz gemeint.“

30 jahre Deutsche Einheit: Diese Unterschiede gibt es noch immer.

Caro, 38: „Dass wir noch nicht eins sind, ist doch logisch!“

„Ich war zur Wendezeit gerade einmal 7, 8 Jahre alt. Und doch kann ich mich nicht nur sehr gut an diese Zeit erinnern – sie war auch sehr prägend für mich. Unsere erste Fahrt “in den Westen” war wie eine Reise ins Schlaraffenland. Alles war bunt und roch so gut. Diese Auswahl an Süßigkeiten und Spielzeug hat mich fast erschlagen. Die Welt um mich herum hatte sich rapide verändert. Plötzlich galten andere Regeln, wir bekamen neues Geld und durften weit reisen. Dass ich in zwei Ländern aufwachsen durfte, empfinde ich als absoluten Vorteil. Ich habe gelernt, mich immer wieder auf neue Gegebenheiten einstellen zu müssen.

Dass Deutschland heute nach 30 Jahren noch immer nicht ganz eins ist, finde ich nur logisch. Für die Älteren ist das ein Teil ihrer Identität, die ganz Jungen können mit der Bedeutung der Deutschen Einheit kaum noch was anfangen. Und ich hänge irgendwo dazwischen. Ich sehe mich nicht als “Ossi”, finde den Begriff schon furchtbar. Wenn, dann bin ich Norddeutsche. Mit meinem Mann, gebürtiger Hesse, kommt Ost-West-Thema kaum auf den Tisch. Es sind eher regionale Dinge, die wir am anderen witzig finden. Trotzdem hat der 30. Jahrestag eine Bedeutung für uns. Immerhin hätten wir uns ohne die Wiedervereinigung gar nicht kennenlernen können.“

Lisa, 26: „Wir brauchen dieses Jubiläum, um Aufkläungsarbeit zu leisten.“

„Meine Eltern sind beide aus dem ehemaligen Osten: Meine Mutti wuchs in Brandenburg auf, mein Vater in Ostberlin. Kennengelernt haben sie sich im Studium in Jena, das jedoch nur meine Mutter beenden konnte, aufgrund der Wende. Viele Studiengänge fielen nach der Wende einfach weg, so auch der meines Vaters. 

Oft haben sie mir davon erzählt, wie sie sich in der Disco kennengelernt haben und wie das Leben im Ostteil Deutschlands war. Ich wuchs mit diesen teils sehr romantisch verklärten Geschichten auf und musste erst später lernen, dass der Osten weniger gemütlich war, als die Geschichten meiner Eltern vermuten ließen. 

Ich denke, dass ich mit dieser Verklärung nicht alleine dastehe und noch immer viel zu viele Stereotype einen Riss durch das Land ziehen. Klischees des ostdeutschen Nazis oder der verwöhnten westdeutschen Hausfrau sind mir bis heute bekannt, auch 30 Jahre nach der Wende. Ein Jubiläum wie das diesjährige braucht es also allein deswegen, um erneut Aufklärungsarbeit zu leisten und den Status quo zu hinterfragen. Denn Fakt ist: Die realen Unterschiede zwischen Ost und West (allem voran das Ost-West-Lohngefälle) werden nicht allein durch die Zeit getilgt. Und auch Stereotype werden nicht allein verschwinden, solange sie nicht aufgearbeitet werden.“

Generation Z

Die junge Generation hat ein geteiltes Deutschland nie erlebt.(Photo: Shutterstock/Rawpixel.com)

Fazit: Die Deutsche Einheit geht jeden was an

Wir stellen fest: Das 30-jährige Jubiläum zur Deutsche Einheit wird von den jungen Menschen sehr unterschiedlich bewertet. Für die einen ist dieser Tag sehr bedeutend, für andere spielt er kaum eine Rolle. Wie dem historischen Ereignis Bedeutung beigemessen wird, hängt nicht nur mit der Herkunft und dem Alter zusammen, auch die Art und Weise, wie jeder individuell mit den Unterschieden zwischen Ost und West groß geworden ist und zurechtkommt. Die jungen Menschen mögen ein geteiltes Deutschland nie kennengerlent haben, die Nachwehen spüren sie aber auch 30 Jahre später noch immer.

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