Das Singleleben ist hart. Das Dauersingleleben noch härter und gerade setzt Corona meinem traurigen Dasein den Rosenkranz auf. Wenn mir dann auch noch andere Liebespärchen unter die Nase gerieben werden, setze ich mich dem hohen Risiko aus, dass “21 Gründe, das Alleinsein zu lieben” (Anzeige) schneller auf meinem Nachttisch auftaucht, als Attilas “Vegan for fit” (keine Anzeige) vor wenigen Monaten aus dem Fenster geflogen ist. Danke Bob Woodward. 

Während der Journalist und lebende Watergate-Legende sich darauf konzentriert, seinen zweiten amerikanischen Präsidenten per Arschtritt aus dem weißen Haus zu entfernen, fallen Hunderttausende seinen Enthüllungen als Kollateralschaden zum Opfer. Für seinen neuesten Streich hat Woodward 18-mal mit Trump gesprochen und andere Regierungsquellen interviewt. Das Resultat erscheint als Buch, nennt sich “Rage” (na gut, dann halt Anzeige), soll am 15. September erscheinen und enthält Briefe von Kim Jong-un an Trump.

Weil Enthüllungsbücher über Trump gerade IN sind, muss die Promo sitzen. Deswegen werden erste Inhalte auf CNN, der Washington Post und anderen Online-Zeitschriften in kurzen Auszügen serviert. Auf den ersten Gang mit der üblichen Schande über den amerikanischen Lügen-Präsidenten, folgen häppchenweise Delikatessen, die zeigen, wie romantisch es auf den höchsten politischen Ebenen werden kann und wie traurig mein Singleleben wirklich ist.

Liebesbriefe aus Nordkorea

Über zwei Jahre ist es her, dass ein amerikanischer Präsident zum ersten Mal nordkoreanischen Boden betrat. Seitdem sollen die beiden 27 Briefe untereinander ausgetauscht haben, bestehend aus Huldigungen, gegenseitigen Lobpreisungen und Schmeicheleien. Von “Meisterwerken” lese ich, möchte das so jetzt aber nicht bestätigen. 

Die Briefe sind schleimig bis romantisch, durchschnittliche Liebesbriefe. Weil ich aus Erfahrung weiß, dass relativierende Aussagen über angebliche Jahrhundertwerke mir meine Schulnoten regelmäßig versaut haben, überlasse ich die Einschätzung gerne jedem selber.

Selbst jetzt kann ich den historischen Moment nicht vergessen, als ich an diesem schönen und heiligen Ort fest die Hand Eurer Exzellenz hielt, während die Welt mit großem Interesse zusah. – Kim Jong-un in einem Brief an Donald Trump

Die schleimigen Übertreibungen dürften sogar Donald Trump aufgefallen sein. Zumindest sollte ihn jemand darauf hingewiesen haben, dass selbst für höflich-koreanische Verhältnisse das Wort “Exzellenz” zu häufig fällt. 

Die Briefe sind Streicheleinheiten, mit geschwollenen Schmeicheleien durchtränkt und von kreativen Umschreibungen durchflochten. Ein weiteres Treffen stellt sich Kim „wie eine Szene aus einem Fantasyfilm“ vor. Was bleibt ist eine bizarre Romantik, die höchstens in alten, kitschigen Liebesbriefen zu finden ist.

Warum die, aber ich nicht?

Woraufhin sich mir zwangsläufig die Frage stellt, womit Trump Liebesbriefe verdient hat, während ich mich nicht einmal auf den gängigen Bums-Plattformen zurechtfinde, verzweifelt versuche normal auf die Frauenwelt zu wirken, nach Möglichkeit wenigstens in Ansätzen sympathisch, gebildet und witzig rüberzukommen und mit zu viel Salat im Bauch und Muskelkater in den Beinen Selfie-Versuche am Fließband produziere, die die Grundvoraussetzungen des Online-Datings halbwegs erfüllen. 

Das alles kostet mehr Kraft, als ich dachte. Vor allem weil ich mir eingestehen muss, dass ich es nicht für mich selbst mache. Welcher verlorene Fantast denkt denn ernsthaft, dass jeder Jogger 15 Kilometer vor sich hin hüpft, um sich danach über sein Lungenvolumen oder eine zusätzliche halbe Stunde Lebenszeit zu freuen. Existence is pain, vor allem als Single. Da sitzt man doch freiwillig keine Überstunden ab. 

Kim Jong un auf einem Pferd
So sieht ein Herrscher aus.(Photo: imago images/ZUMA Press)

Das geht den beiden Regierungschefs natürlich anders. Selbst Online-Dating wäre für die beiden ein Klacks. Kim Jong-un als Tinder-Krösus. Eine ganze Bilderstrecke, vollgepackt mit majestätischen Reitausflügen auf weißen Schimmeln, Pferdeflüsterer als Hobby, Alleinherrscher von Beruf

Ein Selbstläufer in der Tinder-Welt. Trump hätte es schwerer. Golf spielen kommt als Lieblingshobby selbst auf ElitePartner schlecht an, Fotos mit ernster Miene und einer Bibel in der Hand locken höchstens Fetischisten und katholische Priester zur nächsten versauten Nummer. Pluspunkt: In die Beschreibung passen selbst milliardenschwere Kontostände. 

Kim hat trotzdem mehr. Das fängt beim viszeralen Bauchfett an und hört bei Titeln auf. „Repräsentant ganz Koreas“, „Oberster Führer“, „Strahlender Stern vom Berg Paektu“ und „Großer Mann der Tat“. Alles swipe-konform. Nichts klingt auf einmal langweiliger als “Präsident der USA”. Trotzdem hat Kim Trump zurückgematched. Warum macht er das?

Autokraten im Glück: So unkompliziert kann Liebe sein

Vielleicht mache ich es mir zu kompliziert. Eine gemeinsame Eigenschaft, ein gemeinsames Hobby. Fertig. Trump und Kim zeigen Singles auf der ganzen Welt, wie eine Beziehung funktionieren kann.

Tipp 1: Finde die schräge Gemeinsamkeit

Donald Trump und Kim Jong-un liegen daingehend voll auf einer Wellenlänge. Kim Jong-un als diktatorische Alleinherrscher, Trump, die wandelnde Selbstverherrlichung. Beide sind Autokraten, sie trennt lediglich der Kontext der Bezeichnung. Das allein reicht als Basis aus, um zu Verbündeten zu werden.

Tipp 2: Möglichst schnell & unkompliziert zusammenschweißen.

Beziehungen müssen nicht aus tiefsinnigen Gesprächen bestehen. Sie halten allein durch sozialen Klebstoff wie Lästereien. Bei den Treffen in Nordkorea ging es auch nicht um atomare Abrüstung, wie aus den Büchern des früheren Nationalen Sicherheitsberaters John Bolton hervorgeht. 

Mit Kumpels über Obama und die freie Presse herzuziehen macht schließlich viel mehr Spaß. Verhandlungsergebnisse gibt es deswegen nicht, dafür haben beide in dieser komplizierten Welt der Politik endlich mal wieder den Kopf frei bekommen. Zu Woodward meinte Trump: „Es ist komisch, je härter und gemeiner sie sind, desto besser komme ich mit ihnen klar.“

Trump Kim Jong-un Hochzeit
Trumps & Kims Hochzeitsvorbereitungen laufen, die Trauzeugen sind informiert.(Photo: cnn.com/transcripts-kim-jong-un-letters-trump)

Liebe macht blind

„Komisch“ ist das nicht wirklich, dafür hält der Kitt bis heute. Was beide geil macht, ist Macht. Diese Auszuleben und danach zu handeln, unterscheidet die beiden dennoch. Kim weiß, wie er sich geben muss, um seine Macht zu stärken. Das beginnt bei tadellos anonymen Aufenthalten in der Schweiz im Jugendalter und endet in rücksichtslosen Machtergreifungs- und Erhaltungsmaßnahmen

Sieben ranghohe Personen trugen den Sarg Kim Jong-ils zu Grabe. Seit 2011 sind alle entweder nie wieder gesehen worden, oder gelten als exekutiert. Sein Halbbruder, Kim Jong-nam, der ursprünglich gehandelte Nachfolger als Führer, fiel in Ungnade, äußerte sich kritisch über das Regime und wurde 2017 mittels Nervengift ermordet. Sogar Trump soll von Kim Jong-un persönlich erfahren haben, dass dieser seinen Onkel töten ließ. 

Was macht der amerikanische Präsident? Er behauptet vor Woodward, Kim habe „nie zuvor gelächelt. Ich bin der Einzige, bei dem er lächelt“. Eine Aussage, die nicht bizarrer sein kann. Sie zeigt Trump im Liebestaumel, unfähig zwischen Realität und Machtspiel zu unterscheiden. Immerhin ist damit geklärt, wer von beiden der Sugardaddy ist.

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