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„Im Mittelalter wurden Orgien gefeiert, als die Pest vorbei war.“ Wahr oder falsch?

„Im Mittelalter wurden Orgien gefeiert, als man die Pest überstanden hatte.“ Die Wahrheit erschreckt ist anders als man denkt.

sex im Mittelalter
Sex wurde im Mittelalter immer mit Sünde und Teufel in Verbindung gebracht. In diesem Bordell tragen die Prostituierten Hörner. Foto: imago images/United Archives /

Das Mittelalter ist für viele einen üblen Nachgeschmack. Es klingt düster, triebhaft, kalt, dreckig und versext. Heute geistern einige Vorurteile über die Zeit des Mittelalters herum. Viele dieser Vorurteile sind unbegründet, andere haben durchaus einen wahren Kern. Im Folgenden geht es um die Orgien im Mittelalter. Gab es wirklich so viele davon, wie es heute der Ruf des Mittelaltes verspricht?

Orgien im Mittelalter: Das haben sie mit der Pest zutun

„Im Mittelalter wurden Orgien gefeiert, als man die Pest überstanden hatte. Weiß jemand, ob da schon was geplant ist?“ Dieser Satz geistert als Meme seit Anbeginn der Coronapandemie im Äther herum. Das Meme wurde Millionenmal geteilt und von vielen als Wahrheit empfunden und nicht weiter hinterfragt. Orgien im Mittelalter: So oft wurden die tatsächlich gefeiert:

Wir von wmn haben uns aber gefragt: Was ist denn wahres dran? Ob man damals wirklich das Ende der Pest mit großen Orgien feierte, klingt doch sehr absurd. wmn hat recherchiert und ist dabei auf Spannende gestoßen.

Meme von: Das Beste.de

Die Pest, oder auch der Schwarze Tod, den die Menschheit jemals kannte. Im 14en Jahrhundert raffte sie schätzungsweise ein Drittel der Bevölkerung Europas dahin, was gut 20- 50 Millionen Tote bedeutet. Genauere Zahlen über die Opfer der Pest gibt es nicht, weil damals noch nicht alles mit dem Zählen so genau genommen wurde. Insgesamt lag die Weltbevölkerung in diesem Jahrhundert bei gut 360 bis 432 Millionen. In Europa waren es nicht einmal 15o Millionen Menschen.

Die Pest war aber kein vorübergehendes Problem des 14ten Jahrhunderts. Wenn sie einmal ausgebrochen war, dann kam sie immer wieder und brachte schreckliches Unheil über die Bevölkerung. Die Angst vor der Pest war also allgegenwärtig, auch wenn es gerade keine Pestepiideemie war. Sie konnte ja alle naselang zurückkehren.

Orgien nach der Pest: Das ist sehr unwahrscheinlich

Die Annahme, dass sie Menschen große Orgien feierten, wenn sie die Pest überlebt hatten, ist also sehr unwahrscheinlich. Die Angst vor einem erneuten Ausbruch war einfach zu groß. Die Menschen wussten, trotz ihres nur geringen medizinischen Wissens, dass eine Ansteckung durch Berührung nur noch wahrscheinlicher war.

Niemand konnte sich sicher sein, ein hohes Alter erreichen, selbst wenn er oder sie eine oder zwei Pest-Epidemien überlebt hatte. Andersherum ist es also viel wahrscheinlicher: Viel mehr feierten die Menschen VOR der Pest große Feiern. Tatsächlich gibt es Belege des Autors und Poeten Giovanni Boccaccio, denen wir das entnehmen können.

Boccaccio wurde 1313 in Italien geboren. Eines seiner berühmtesten Werke ist Il Decamerone 1348–1353, eine Novellensammlung, die zur Zeit der Pest entstanden ist. Die Legende um die Entstehung dieser Novelle zeigt den Umgang mit der Pest im 14ten Jahrhundert.

Verhütungsmethoden im Mittelalter. vintage drawing
Das waren die Verhütungsmethoden im Mittelalter. Foto: imago images/KHARBINE-TAPABOR /

10 Tage, 100 Geschichten und viele Orgien?

Il Decamerone wird mit 10-Tage-Werk übersetzt. Die 100 Geschichten sollen innerhalb von 10 Tagen erzählt worden sein.

Boccacio und seine Freunde erfuhren damals, im Jahr 1348, dass die Pest bereits auf dem Weg zu ihnen war. Sie lebten damals in der Stadt Florenz und die Pest hatte gerade im italienischen Venedig Einzug gehalten. Giovanni und seine Freund:innen waren sich sicher, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis die Pest auch zu ihnen nach Hause kommen würde und sie dahinraffen würde.

So zog sich eine Gruppe von 10 Menschen (3 Männer und 7 Frauen) in das Hinterland von Florenz zurück. Ein letztes Mal wollten sie unbeschwert feiern und sich gegenseitig Gescihichten erzählen. Il Decameron, das Zehntagewerk, zeigt genau das. An jedem de zehn Tage wurden zehn Geschichten erzählt. Die Freund:innen verbrachten ein letztes Mal eine sehr intensive Zeit miteinander, bevor sie sich zurück nach Florenz begaben und aller Wahrscheinlichkeit nach in ihren Tod stürzten.

Die Pest und die Menschen: So schlimm war es wirklich

Die Pest war unentrinnbar für die Menschen des 14ten Jahrhunderts. Viele akzeptierten irgendwann ihr Schicksal, so wie die 10 Freund:innen von Florenz.

Gegen dieses Übel half keine Klugheit oder Vorkehrung, obgleich man es daran nicht fehlen und die Stadt durch eigens dazu ernannte Beamte von allem Unrat reinigen ließ, auch jedem Kranken den Eintritt verwehrte und manchen Ratschlag über die Bewahrung der Gesundheit erteilte. Ebensowenig nützten die demütigen Gebete, die von den Frommen nicht ein, sondern viele Male in feierlichen Bittgängen und auf andere Weise Gott vorgetragen wurden.

Aus: Il Decameron

Allerdings ist der Satz „Im Mittelalter wurden Orgien gefeiert, als man die Pest überstanden hatte“ wohl grundfalsch. Es gibt keinerlei Beweise dafür, dass das ein gängiges Verhalten nach einer Pestepidemie war. Die Menschen hatten einfach zu viel Angst vor der Pandemie, als dass sie ein Superspreader-Event veranstaltet hätten.

Wahrscheinlicher ist es, dass die Menschen, bevor die Pest bei ihnen ausbrach, ein letztes Mal gemeinsam feiern wollten und angstfrei Zeit verbrachten.

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