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Sternenkinder: Wie ist es, das eigene Kind zu verlieren?

Wie geht man damit um, wenn das eigene Kind an plötzlichem Kindstod stirbt? Eine Mutter erzählt von ihrem Sternenkind und wie ihr Leben danach weiterging.

Das eigene Kind zu verlieren, ist wahrscheinlich einer der schwersten Schicksalsschläge. Sternenkinder sind Kinder, die vor oder kurz nach der Geburt versterben. Wie kann man in einer solchen Situation mit der eignen Trauer umgehen? Darüber habe ich mich mit Ari unterhalten. Ari ist eine junge Mutter von zwei Töchtern. Ihre erste Tochter, Emmi, hat sie 2019 durch plötzlichen Kindstod verloren. Da war Emmi gerade einmal drei Monate alt. Wie ist Mutter eines Sternenkinds zu sein und wie verändert es das eigene Leben?

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Emmi starb im Alter von 3 1/2 Monaten Foto: Ari privat

Der Tag, an dem Emmi starb

Wmn: Kannst du mir von dem Tag, an dem Emmi starb erzählen?

Ari: Emmi und ich sind morgens gegen 7:00 Uhr aufgewacht. Ich war zu dieser Zeit alleinerziehend und deswegen alleine mit ihr. Weil Emmi Hunger hatte, habe ich ihr eine Flasche gemacht und wir haben uns beide noch einmal hingelegt, gekuschelt und noch etwas geschlafen. Das haben wir meistens so gemacht. Gegen 10 Uhr bin ich wieder aufgewacht und habe mich schon gewundert, warum Emmi noch nicht wach ist.

Als ich sie wecken wollte, ist sie einfach nicht aufgewacht. Ich habe sie gerüttelt und bin immer lauter geworden, weil ich die ganze Zeit dachte, dass sie bestimmt gleich ihre Augen aufmachen wird, doch das hat sie nicht. Dann habe ich den Notruf gewählt und bin erst einmal in die Warteschleife gerutscht. Ich wusste davor gar nicht, dass man bei 112 in die Warteschleife kommen kann. Ich habe aufgelegt und bei 110 angerufen, die mich dann weitergeleitet haben.

Der Mann am Telefon fragte mich zuerst nach meinem Wohnort und hat mir dann telefonisch einen Takt vorgegeben, nach dem ich Emmi reanimieren sollte. Das habe ich versucht, aber habe es nicht lange durchhalten. Es tat mir einfach zu sehr weh zu sehen, wie irgendwann Blut aus Emmis Mund kam und ich nur dachte, dass ich sie damit verletze. Ich schrie in den Hörer, dass ich das nicht kann und habe immer wieder gefragt, wann sie denn endlich kommen würden. Für mich haben sich diese Minuten wie eine Ewigkeit angefühlt.

Dann sind sie endlich gekommen. Sie haben mir Emmi weggenommen und sind mit ihr ins Wohnzimmer, um sie dort weiter zu reanimieren. Währenddessen sind zwei Polizisten zu mir ins Schlafzimmer gekommen und wollten mich davon abhalten, ins Wohnzimmer zu laufen. Ich bin die ganze Zeit nur herumgerannt und wollte zu Emmi, doch die ältere Polizistin meinte, dass das nicht geht und versuchte mich zu beruhigen. Alles, was dann passiert ist, habe ich nicht so richtig wahrnehmen können. Ich war mit meinem Kopf einfach nur bei Emmi.

Währenddessen sind mehrere Menschen zu mir in die Wohnung gekommen und sogar ein Hubschrauber ist bei uns auf dem Dach gelandet, um eine Sauerstoffflasche aus dem Krankenhaus zu bringen. Von all dem habe ich im Schlafzimmer gar nichts mitbekommen. Erst als 2 Stunden später, gegen 12 Uhr, als ein mir unbekannter Arzt zu mir kam, fiel mir auf, wie viele Menschen auf einmal da waren. Er informierte mich, dass sie alles getan haben, aber es nicht reichte, um Emmis Leben zu retten. Emmis offizieller Todeszeitpunkt war 12:00 Uhr.

Todesursache: plötzlicher Kindstod

Wmn: Wie ging es dann weiter? Wurde eine Todesursache festgestellt?

Ari: Das hat tatsächlich sehr lange gedauert. Nachdem die Rettungssanitäter weg waren, durfte ich meine Schwester und meine Eltern holen und wir durften uns noch von ihr verabschieden. Um 16:00 wurde sie vom Bestattungsinstitut abgeholt.

Ich habe erst Wochen später einen Brief bekommen, in dem stand, dass die Todesursache der plötzliche Kindstod sei. Mit hat das nichts gegeben, weil ich mich damals noch nie mit dem plötzlichen Kindstod auseinandergesetzt hatte. Ich wusste nicht, was das ist. Für mich war das keine Erklärung.

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Die Todesursache: plötzlicher Kindstod Foto: Ari privat

Wohin mit den Gefühlen?

Wmn: Wenn jemand stirbt, dann suchen wir sehr schnell eine Erklärung oder einen Schuldigen. Beim plötzlichen Kindstod hat niemand Schuld. Da gibt es keine Erklärung. Wie bist du damit umgegangen?

Es war alles so, wie es sein sollte und sie ist trotzdem gestorben.

Ari über die Schwierigkeit eine Erklärung zu finden.

Ari: Damals habe ich mich gar nicht mit dem plötzlichen Kindstod auseinandergesetzt. Ich habe zwar immer irgendwelche Broschüren bei Ärzten gesehen, aber ich habe das nicht ernst genommen, weil ich, wie die meisten Menschen auch, immer dachte, dass der plötzliche Kindstod damit zusammenhängt, dass das Kind eine Decke über dem Kopf hatte oder dass es zu warm fürs Kind war. Und mir ist es so schwergefallen, eine Erklärung zu finden, denn Emmi hatte keine Decke über dem Kopf und es war auch nicht zu warm. Es war alles so, wie es sein sollte und trotzdem ist sie gestorben.

Heute weiß ich, dass beim plötzlichen Kindstod ein Enzym im Gehirn blockiert wird und deswegen das Herz aufhört zu schlagen.

wmn: Gibt es eine Möglichkeit, das im Vorhinein herauszufinden und präventiv zu agieren?

Ari: Damals nicht. Aber eine Ärztin möchte ein Screening entwickeln, mit dem man seine Kinder testen kann, ob sie das Risiko eines plötzlichen Kindstods in sich tragen oder nicht. Doch bis es das gibt, wird es noch einige Zeit dauern.

Danach: „Alkohol, viel Feiern und mein ungesundes Leben“

Wmn: Wie ging dein Leben weiter nach dem Tag, an dem Emmi gestorben ist? 

Ari: Ich habe sehr lange versucht, mich irgendwie abzulenken. Mir wurde immer wieder gesagt, ich solle doch einfach eine Therapie machen, aber die habe ich immer abgelehnt, weil ich nicht mit fremden Menschen darüber sprechen wollte. Ich war stattdessen viel unterwegs, auch mit meiner Schwester. Ich habe in dieser Zeit sehr viel Alkohol getrunken. Das war dann irgendwann so viel, dass ich im Krankenhaus gelandet bin.

Gegenüber vom Krankenhaus war eine psychologische Klinik. Die Krankenschwester, meine Mutter und meine Schwester meinten im Krankenhaus zu mir, dass ich doch bitte einmal rübergehen soll und mich dort vorstellen soll. Das habe ich dann auch gemacht. Der Arzt vor Ort hat mir dann meine Möglichkeiten erklärt.

Ich könnte einmal die Woche kommen, es würde auch jemand zu mir nach Hause kommen, oder ich könnte mich komplett einweisen lassen. Aber das wollte ich einfach alles nicht. Ich habe einfach weiter so gelebt. Mit Alkohol, viel Feiern und meinem ungesunden Leben. Und dann habe ich meinen jetzigen Freund kennengelernt, der mich da rausgeholt hat.

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Nachdem Ari ihren jetztigen Freund kennengelernt hat, hat ihr Leben eine starke Wendung genommen. Foto: Ari privat

Ein Stern namens Emmi

Wmn: Wie ist dein Freund mit der Thematik umgegangen und welche Auswirkungen hat deine Vergangenheit auf eure Beziehung?

Ari: Er wusste alles von Anfang an. Ich habe offen mit ihm darüber gesprochen und er hat sehr großen Respekt dafür und nimmt mich zu 100 % ernst. Seit Tag eins bis heute bezieht er Emmi immer mit ein. Er hat mir einen Stern gekauft und ihn nach Emmi benannt. Zum Geburtstag hat mir ein selbstgemachtes Bild geschenkt, in dem er es mit Fotoshop so aussehen lässt, als ob Daria, meine zweite Tochter, und Emmi nebeneinander im Bett sitzen.

Wieder schwanger: Zwischen Ängsten und Lebensglück

Wmn: Wie war das für dich, wieder schwanger zu werden?

Ari: In der Schwangerschaft ging es tatsächlich noch. Obwohl ich auch in dieser Zeit immer wieder sehr ängstlich war. Ich habe mir sogar so ein Gerät gekauft, das man sich auf den Bauch legen kann und dann mit Kopfhörer den Herzschlag des Kindes hören kann. Doch ich habe damit sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Einmal habe ich es falsch angesetzt und hat dann logischerweise keinen Herzschlag mehr gehört.

Für mich war dann sofort klar, dass irgendetwas mit dem Baby nicht stimmt und wir sind sofort ins Krankenhaus gefahren. Vor Ort wurde ein Ultraschall gemacht und uns gesagt, dass es dem Kind super geht. Dort haben sie uns empfohlen, das Gerät abzuschaffen, da es dadurch zu genau diesen Situationen führen kann und zu letztendlich viel mehr Angst.

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Die ersten Lebensmonate waren für die Familie eine Belastungsprobe Foto: Ari privat

Ich glaube, ich war die Hölle für meine Tochter, weil ich einfach eine Helikoptermutter war.

Ari über ihre Ängste als Mama von Daria

Als dann Daria auf der Welt war, habe ich die erste Zeit nur in Angst gelebt. Mein Blick war immer auf sie gerichtet, ob sie noch atmet und ob alles okay ist. Ich glaube, ich war die Hölle für meine Tochter, weil ich einfach eine Helikoptermutter war. Mit der Zeit wurde ich aber entspannter.

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Je älter Daria wurde, desto entspannter wurde auch Ari. Foto: Ari privat

Was hat geholfen? Der Weg aus der Angst

Wmn: War es nur die Zeit, die dich entspannter gemacht hat oder hast du einen Weg gefunden, mit der Angst umzugehen?

Ari: Am Anfang war es definitiv die Zeit. Die ersten drei Monate waren die Hölle, weil das auch Emmis Lebensmonate waren. Als Daria vier Monate alt war, bin ich so um 1 % entspannter geworden. Und so ging es weiter, dass ich mit jedem Tag, den Daria weiterlebte, ich immer etwas entspannter geworden bin.

Beim plötzlichen Kindstod sagt man, dass das Risiko bis zum zweiten Lebensjahr besteht. Als wir Darias zweiten Geburtstag gefeiert haben, war das wie eine Erlösung für mich und die Angst ist komplett verschwunden.

Sterneneltern sind nicht alleine

Wmn: Du bist mit deiner Geschichte in die Öffentlichkeit bzw. in die sozialen Medien gegangen. Was hat es für dich bedeutet, diesem Thema eine Plattform zu geben?

Es wird einem immer gesagt, dass es so selten vorkommt und gerade deswegen fühlt man sich auch so alleine. Und da sieht man mal, dass das gar nicht so selten ist.

Ari über den Support von Sterneneltern

Ari: Erst dann wurde mir bewusst, wie häufig plötzlicher Kindstod eigentlich vorkommt, weil mir so viele Sterneneltern geschrieben haben, denen das Gleiche passiert ist. Es wird einem immer gesagt, dass es so selten vorkommt und gerade deswegen fühlt man sich auch so alleine. Und da sieht man mal, dass das gar nicht so selten ist.

Ich habe auch gemerkt, dass viele sich nie getraut haben, darüber zu sprechen, weil es ein Tabuthema ist. Dementsprechend ist der Prozess der Trauer und der Verarbeitung viel schwieriger, weil wir uns nicht trauen darüber zu reden. Ich fand es schön, dass sich Leute bei mir melden, wir darüber reden und sie Anschluss finden.

Social Media als eine Art Therapie

Wmn: War Social Media wie eine Art Therapie für dich?

Emmi wird immer ein Teil von meinem Leben sein und das wird mich nie kaltlassen.

Ari: Wahrscheinlich schon. Ich habe in der ersten Zeit nie über dieses Thema geredet und konnte dementsprechend vieles nicht verarbeiten. Auf Social Media rede ich oft und viel darüber und kann es dadurch viel mehr verarbeiten. Das heißt nicht, dass es nicht Tage gibt, an denen ich die ganze Zeit heulen könnte und es mir super schlecht geht, aber das ist auch vollkommen in Ordnung. Emmi wird immer ein Teil von meinem Leben sein und das wird mich nie kaltlassen.

Auch Daria wird immer mit einbezogen, wenn es um Emmi geht. Foto: Ari privat

Wmn: Wie geht es dir aktuell und wie siehst du aktuell in die Zukunft?

Ari: Aktuell geht es mir sehr gut. Ich bin der Meinung, dass ich das jetzt so für mich gut verarbeitet habe und trotzdem immer noch an Emmi denke und um sie trauere. Für mich schließt sich das nicht mehr aus. Wir sprechen darüber auch mit Daria und wir beziehen sie mit ein. Sie kommt mit zum Grab und sie weiß ganz genau, welches Grab zu ihrer Schwester gehört. Sie zeigt darauf und sagt Emmi und damit wird sie auch gut aufwachsen. Uns ist es wichtig, dass es nicht erst in zehn Jahren ein Schock für sie sein wird, wenn wir ihr erzählen, dass sie eigentlich eine Schwester hätte. Deswegen glaube ich, dass es so für alle Beteiligten am besten ist.   

Auf Aris Instagramkanal spricht sie offen über ihr Leben, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft

Wmn: Hast du noch etwas, was du Menschen mitgeben möchte, die das gerade lesen, die das berührt oder die vielleicht selbst betroffen sind?

Ari: Was ich nur immer wieder sagen kann ist, dass niemand Schuld hat. Sterneneltern haben keine Schuld daran und sie sollen bitte aufhören, irgendwie einen Schuldigen zu suchen. Sie sollen lieber wissen, dass sie nicht alleine sind.