2020 haben Verena Keller und ihr Kollege Caspar Flockenhaus das Nürnberger Start-up know your stuff gegründet. Die Fair Fashion- Plattform soll für mehr Transparenz in der Lieferkette sorgen. Ein QR-Code am Etikett oder Preisschild des Kleidungsstücks gibt Auskunft über Herkunft und Produktionsbedingungen.

Wir sind beeindruckt von dieser Idee und haben Verena Keller zu unserer dieswöchigen weekly heroine gekürt. Jede Woche möchten wir unseren Leser:innen eine Frau vorstellen, die uns inspiriert und von der wir uns eine Scheibe abschneiden wollen. Dass sich Verena Keller diesen Titel mehr als verdient hat, zeigt sie im Interview, in dem sie über den Wandel in der Modeindustrie und die Herausforderungen an Gründer:innen spricht…

Verena Keller kurz & knapp

  • Verena hat 2010 ihr Studium in Business Administration, Economics und Englisch abgeschlossen
  • Beruflich hat sie langjährige Erfahrung mit Textilienlieferketten gesammelt
  • Schnell hat sie gemerkt, dass ihr Herz für eine nachhaltige Produktion und die Menschen hinter den Produkten schlägt
  • Bei know your stuff ist sie verantwortlich für das Marketing, das Produktdesign und die Usability
  • Sie betreut außerdem Projekt- und Bachelorarbeiten an der DHBW Heilbronn im Studiengang Handel – Fashion Management mit dem Schwerpunkt Nachhaltige Bekleidung
Das know your stuff Gründerteam Verena Keller und Caspar Flockenhaus. Foto: know your stuff

Verena Keller im Interview: Die Nachfrage für nachhaltige Mode steigt – hier kommt know your stuff ins Spiel

wmn: Frau Keller, Sie haben Ihre berufliche Karriere im Sales & Marketing u.a. bei Siemens begonnen. Wie kam es zu Ihrem Interesse für die Modebranche und deren Nachhaltigkeitsfragen?

Verena Keller: Während meiner Werkstudententätigkeit bei Siemens wurde mir klar, dass ich unbedingt im internationalen Umfeld beruflich tätig sein möchte. Glücklicherweise erhielt ich dann direkt nach meinem Studium die Möglichkeit, für ein Praktikum bei der Südwolle Group nach China zu gehen. Dort begann für mich der Einstieg in die Textilwelt und mit dem Fokus auf die Naturfaser Merinowolle logischerweise auch das Bewusstsein für Natur und Nachhaltigkeit.

Im Laufe meiner Zusammenarbeit mit vielen großen Sport- und Modemarken habe ich aus erster Hand miterlebt, wie das Thema Nachhaltigkeit, also soziale und ökologische Produktionsbedingungen, mit jedem Jahr an Bedeutung für die Branche und Konsumenten gewonnen hat.

„Die Konsument:innen möchten nachhaltig und fair kaufen.“

wmn: Theoretisch weiß man von schlechten Arbeitsbedingungen und Umweltbelastungen durch die Fast-Fashion-Industrie. Eine wirkliche Abkehr der Konsument:innen von H&M und Co. lässt sich dennoch nicht beobachten. Welche Anreize müsste es Ihrer Ansicht nach geben, um ein nachhaltigeres Kaufverhalten zu fördern?

Verena Keller: Diese These kann ich so nicht zu 100 % bestätigen. Meine persönliche Erfahrung sowie viele Gespräche mit Endkonsumenten und diverse Studienergebnisse, beispielsweise die von Prof. Oliver Janz an der DHBW Heilbronn, sprechen eine andere Sprache. Der Großteil der Konsument:innen möchte unbedingt nachhaltig und fair Kleidung kaufen – und das übrigens nicht nur in der jungen Zielgruppe.

Das Bewusstsein steigt über alle Altersschichten hin weg. Allerdings ist es leider nicht ganz einfach, nachhaltige Produkte zu erkennen und meist kompliziert und zeitaufwendig, an diese Informationen zu kommen. Schließlich, das weiß wohl jeder von sich selbst, kauft man ja nicht nur Kleidung ein, sondern auch Lebensmittel, Kosmetik, Spielwaren, etc. Um eine nachhaltige Kaufentscheidung zu treffen, sind transparente und klare Informationen über die Produktionsbedingungen unverzichtbar.

Genau da setzen wir mit know your stuff an. Wir sehen es als unsere Verantwortung, nachhaltige Marken dabei zu unterstützen, ihren Kunden die Informationen klar aufbereitet und vor allem einfach zugänglich anbieten zu können. Und zwar genau dort, wo Konsument:innen diese Information benötigen. Am Point of Sale, bei der Kaufentscheidung.

know your stuff
Einfach QR-Code scannen und die gesamte Lieferkette nachvollziehen. Foto: know your stuff

„Wir brauchen transparente und klare Informationen über die Produktionsbedingungen.“

wmn: Know your stuff haben Sie 2020 mit Ihrem Co-Founder Herrn Flockenhaus gegründet, um für mehr Transparenz in der Modebranche zu sorgen. Erklären Sie doch unseren Leser:innen einmal, wie genau das funktioniert und bei welchen Firmen sie euren QR-Code bereits finden können.

Verena Keller:
Ganz einfach: Mit dem eignen Smartphone kann jede und jeder den QR-Code an den Kleidungsstücken scannen und gelangt dadurch unmittelbar – ohne Registrierung oder umständlichen Download einer App – auf die Reise des Kleidungstücks. Auf einen Blick werden
Materialzusammensetzungen, Zertifikate und viele weitere Produkteigenschaften sichtbar.

Klickt man dann auf „Entdecke meine Reise“ gelangt man direkt zu den jeweiligen Produzenten des
Kleidungstücks entlang der gesamten Produktionskette. Neben kurzen Profiltexten finden sich hier Infos über Zertifikate, Locations und selbstverständlich Fotos der Produktionsstätte und ihrer Mitarbeiter:innen. Zukünftig planen wir auch Nachhaltigkeitsfaktoren wie zum Beispiel den
Carbon Footprint mit aufzuführen. So erhalten Konsument:innen noch fundiertere Infos zu ihrem Kleidungsstück.

Marken, die bereits jetzt schon mit know your stuff arbeiten sind im deutschsprachigen Raum unter anderem Scroc, H.A.D.® und pickapooh sowie weitere internationale Marken aus Sport und Mode.

„Viele Konsument:innen sind überrascht, dass es so ein Tool wirklich gibt.“

wmn: Welche Hindernisse haben sich beim Markteintritt herausgestellt, z.B. in Bezug auf technische Herausforderungen und Fälschungssicherheit?

Verena Keller: Ganz entscheidend war beim Markteintritt das Thema „Einfachheit“, sowohl in der Bedienung als auch in der Verwendung unserer Plattform für die Marken. Zum Glück haben wir sehr kooperative Partner, die uns immer wieder Feedback gegeben haben, um so ein maximal user-freundliches Produkt zu entwickeln.

Außerdem ist natürlich der Bekanntheitsgrad entscheidend: Viele Konsument:innen sind überrascht, dass es so ein Tool wirklich gibt. Deshalb freuen wir uns, wenn immer mehr Konsument:innen darüber erfahren und das Tool einfach ausprobieren.

wmn: Wie schnell lassen sich heute Investor:innen für nachhaltige Projekte wie know your stuff finden?

Verena Keller: Aktuell haben wir einen Hauptinvestor, der zutiefst von der Zukunftsfähigkeit unseres nachhaltigen, digitalen Produkts überzeugt ist. Trotz schwieriger Startbedingungen durch die Corona-Pandemie hat uns unser Investor konsequent unterstützt und so die Grundlage dafür geschaffen, dass wir heute mit vielen Marken auf dem Markt sind.

Die Idee hinter know your stuff ist es, Konsument:innen unkompliziert Zugang zu allen wichtigen Information über ihre Kleidung zu geben. Foto: know your stuff

„Wir möchten dazu beitragen, Licht ins Dunkel der Textilproduktion zu bringen.“

wmn: Wie würden Sie die langfristigen Ziele von know your stuff definieren?

Verena Keller:
Ganz klar: Wir möchten dazu beitragen, Licht ins Dunkel der Textilproduktion zu bringen und Konsument:innen dabei unterstützen, die Infos zur Entstehung ihrer Produkte, soziale und ökologische Faktoren einzusehen, um eine bewusste, nachhaltige Kaufentscheidung treffen zu können. So schaffen wir es gemeinsam, die Textilindustrie zu einer transparenten, nachhaltigen Industrie zu machen.

wmn: Sie betreuen Projekt- und Bachelorarbeiten an der DHBW Heilbronn im Studiengang Handel – Fashion Management mit dem Schwerpunkt Nachhaltige Bekleidung – Was würden Sie jungen Studierenden raten, die sich beruflich dem nachhaltigen Handel widmen wollen?

Verena Keller: Eins vorweg: Ich bin immer wieder überwältigt, mit welcher Begeisterung sich die jungen Student:innen mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Es ist unter den jungen Leuten aktuell das Thema Nummer 1 im Fashion Management. Im Zuge der kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema durch die wissenschaftlichen Arbeiten, werden Student:innen dazu ermutigt und befähigt die aktuelle Situation zu hinterfragen und selbst Lösungswege für nachhaltigere Mode zu entwickeln.

Genau in diese Richtung geht auch mein Rat an die jungen Studierenden: Werdet selbst aktiv! Hinterfragt kritisch einfache Claims wie „green“ oder „eco-made“ und versteht, was Nachhaltigkeit wirklich bedeutet. Anschließend traut euch, eure eigenen Lösungen und Ideen zu entwickeln. Nur mit Kreativität und Mut können wir gemeinsam, Schritt für Schritt, die Textilindustrie nachhaltiger gestalten.

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