Veröffentlicht inInsights

Our weekly heroine: Anaklav übers DJ- und Mutter-Sein 

Das Leben von DJs stellen wir uns meist ereignisreich vor, lange Nächte und ganz viel Party. Anaklav berichtet uns von der anderen Seite: DJ und Mutter-Sein.

Anaklav ist DJ und Mutter. Sie produziert seit 7 Jahren Musik. Wenn sie von der Arbeit kommt, schläft sie meist drei Stunden und steht pünktlich um sechs Uhr wieder auf, um mit ihren Kindern zu frühstücken. Mit ihrem Beruf findet sie sich in einer Minderheit wieder. Laut dem Verzeichnis weiblicher Vertreterinnen in der elektronischen Musik, lag der Anteil weiblicher DJs in Elektroclubs im Jahr 2014 aber bei gerade mal neun Prozent.  Bei wmn küren wir jede Woche eine starke und inspirierende Frau zu unserer wöchentlichen Heldin. Diese Frauen empowern uns und reißen uns mit ihren starken Aussagen mit. Darüber, wie sie das DJ-Sein und Mutter-Sein unter einen Hut bekommt, haben wir mit Anaklav gesprochen.     

Anaklav kurz und knapp:

  • Anaklav ist Mutter, DJ, Produzentin und Sängerin. Ihr Interesse zur Musik wurde schon in frühen Kinderjahren geweckt.
  • Sie produziert mittlerweile seit 7 Jahren allein ihre Musik.
  • Anaklav spricht mit uns über Empowerment von Frauen in der Musikindustrie und darüber wie sie das Leben und Arbeiten als DJ und Mutter im Alltag meistert.

Anaklav im Interview: „Der Begriff DJane ist veraltet.“

Wmn: Wie bist du dazu gekommen DJ zu werden? 

Anaklav: Es ist eine lange Geschichte. Ich war vorher als Produzentin und Sängerin tätig. Nachdem sich meine Band aufgelöst hat, habe ich eine Pause gemacht, habe ein Kind bekommen und kurze Zeit später habe ich mich dazu entschlossen, wieder zu produzieren. Ich wollte die Sache selbst in die Hand nehmen und war müde davon, abhängig zu sein von anderen Produzenten. So dachte ich mir: Wenn die das können, kann ich das auch. Ich habe einen Kurs belegt und angefangen selbst zu produzieren, dadurch bin ich quasi ganz automatisch DJ geworden. 

Die Debatte um die Berufsbezeichnung: DJ oder Djane?

Während im deutschen Wikipedia-Eintrag zur Berzeichnung „DJ“ der vermeintlich weibliche “counterpart” noch im ersten Absatz der Begriffserklärung aufgegriffen wird, befindet sich das Wort DJane im englischen Wikipedia-Text deutlich weiter unten: „a term describing female DJs used in countries such as Germany that employ grammatical gender in their languages.“  Der Begriff DJ bedeutet laut einem Kommentar „Disc Jockey“ und kommt aus dem Englischen. Dort wird zwar mal die Übersetzung für Schauspieler „actor“ in der weiblichen Form als „actress“ gegendert, es haben sich beispielsweise für einige Berufsbezeichnungen wie „steward“ und „stewardess“ aber auch neutrale Begriffe wie „flight attendant“ etabliert. 

Der Begriff disc jockey ist jedoch eigentlich eine genderneutrale Bezeichnung, rein sprachlich ergibt „DJane“ demnach gar keinen Sinn.  

Wmn: Es gibt ja diesen Konflikt zwischen den Begriffen DJ und Djane. Wie handhabst du das für dich selbst? 

Anaklav: Ich finde den Begriff DJane veraltet und nicht zeitgemäß. Ich benutze den Begriff DJ und bin zufrieden damit. 

Foto Anaklav
Die zweifache Mutter und DJ Anaklav meistert ihren Alltag trotz Nachtschichten. Foto: Anaklav

„Ich habe in der Schule an die Tafel gestarrt und gedacht: Das brauche ich doch alles nicht.“

Wmn: Was fasziniert dich an deinem Beruf am meisten?  

Anaklav: Ganz klar die Liebe zu der Musik. Das macht mich glücklich. Für mich ist es unbeschreiblich, wenn man die Idee für eine Melodie hat oder einen Song zu Ende geführt hat. Die Bühne, das Musizieren und die Energie des Publikums sind unbezahlbar. Diese Liebe hat für mich schon ziemlich früh angefangen, in der 3. Klasse. Ich habe immer an die Tafel gestarrt und hab gedacht: Das brauche ich doch alles nicht. Mit 13 Jahren habe ich dann angefangen in einer Punkband zu singen. In meiner Heimat Brasilien waren wir sehr erfolgreich damit. 

„Ich bin eine ganz normale Mutter und komme zum Frühstück wieder nach Hause.“

Wmn: Dein Beruf spielt sich hauptsächlich nachts ab. Wie lange bist du wach? 

Anaklav: Ich bin eine ganz “normale” Mutter. Ich bringe die Kinder zur Schule, frühstücke mit Ihnen, eben das ganz normale Chaos am Morgen. Ich brauche aber auch Zeit, um kreativ zu sein. Das spielt sich dann meistens spät abends ab. Das bedeutet für mich: Entweder bin ich unterwegs am Reisen, auf Tour oder am Wochenende nachts unterwegs, manchmal lege ich auch erst um drei Uhr nachts auf.

Das bedeutet, ich bringe die Kinder ins Bett, bereite mich vor und gehe dann zu einer Veranstaltung. Manchmal komme ich dann direkt zum Frühstück wieder nach Hause. Klar, die Mama ist dann ungeschminkt, aber ich bin präsent und meine Kinder sind glücklich.  

Allerdings habe ich auch Unterstützung durch meinen Ehepartner. Wir haben einen guten Zusammenhalt. Meine Kinder sind damit auch aufgewachsen. Tatsächlich habe ich, nachdem meine Kinder auf die Welt kamen, auch eine lange Pause gemacht. Ich wollte, dass sie ganz normal aufwachsen. Es ist viel Organisation und jonglieren mit den Terminen.

Mein Studio ist bei mir zu Hause, damit ich zu Hause arbeiten kann. Und meine Kinder wissen auch Bescheid: Mama ist im Studio und wir kommen nur rein, wenn es dringend ist und Papa gerade nicht kann. Es hat sich alles eingespielt. Von außen könnte man denken: Oh was für ein verrücktes Leben, aber ich bin eine ganz normale Mama. 

Wmn: Wie kam es zu eigenen Routinen? 

Anaklav: Am Anfang war es ziemlich schwierig. Ich bin nicht perfekt und keine Super-Mama. Vor einiger Zeit habe ich angefangen mit einem Kalender zu arbeiten, damit meine Kinder auch sehen, wann ich zu Hause bin. Ich bin immer mit meinen Kindern in Kontakt oder sie kommen einfach mit auf Tour. Aber vor allem meine große Tochter hat mittlerweile verstanden:

Sobald Mama in ihre anderen Klamotten schlüpft, ist sie als DJ Anaklav unterwegs. Das bin auch ich aber ein anderer Teil von mir. Aber es war natürlich auch viel Arbeit und auch Leid: Manchmal will man gar nicht auf Tour gehen, sondern lieber mit den Kindern kuscheln. Aber ich glaube auch eine Frau hat das Recht sich beruflich zu entwickeln. 

Our weekly heroine Charlotte OC: „Du erreichst nichts, wenn du dich davon zurückhältst, du selbst zu sein.“

„Vernachlässige ich meine Kinder weil ich als Mutter berufstätig bin?“

Wmn: Kind und Karriere: Was war für dich die größte Hürde? 

Anaklav: Ich denke immer noch: ich muss allem gerecht werden. Das Gefühl geht nicht vorbei. Oft denke ich auch: Vernachlässige ich meine Kinder? Aber ich versuche mir immer zu sagen, dass das nicht stimmt. Es bringt nichts, wenn eine Mutter unglücklich ist, weil sie ihren Wunschberuf nicht ausführen kann, weil die Kinder da sind. Ich habe damals gedacht, ich schaffe das alles nicht unter einen Hut zu bekommen.

Mein Mann sagte dann: “Ich unterstütze dich, wir schaffen das.” So hat es Schritt für Schritt angefangen, dass ich wieder angefangen habe zu arbeiten. Wir sind alle miteinander aufgewachsen.  
An alle Mamis da draußen: Gebt euren Traum nicht auf. Mutter-Sein ist nicht das Ende der Welt.  

Alkohol und Drogen als DJ: Ja oder nein?

Wmn: In der Party-Szene gibt es einen hohen Alkohol und Drogenkonsum generell. Wie gehst du damit um? 

Anaklav: Man könnte bei meinem Beruf denken: Sie geht bestimmt total ab. Seitdem ich angefangen habe Musik zu machen, trinke und rauche ich nicht. Dahingehend bin ich total langweilig. Ich verurteile niemanden, aber ich möchte früh morgens klar im Kopf nach Hause kommen, denn auf mich warten:

Ein Hund, ein Mann und zwei Kinder. Ich kann mir nicht “voll die Kante geben”. Schlaf bekomme ich pro Nacht sowieso nur maximal 2-3 Stunden und meine Kinder wollen danach spazieren gehen oder auf den Spielplatz. Sie interessiert es nicht, ob ich nachts wach war, Kinder sind egoistisch und das ist auch gut so. Sie haben das Recht dazu meine Zeit einzufordern!

Weniger Gage, weil du eine Frau bist

Wmn: Einige deiner Kolleginnen haben von gedrückten Gagen berichtet, weil sie weiblich sind. Hast du das auch schon erlebt? 
Anaklav: Ja. Das ist eine Sache, die mich immer wieder ärgert. Es ist brutal. Mir wird auch oft gesagt: Welcher Produzent hat das für dich gemacht? Das geht mir unter die Haut, weil ich diejenige bin, die nachts lange arbeitet. Ich habe viel gelernt, bin auch Mediengestalterin für Bild und Ton. Und das zu hören, tut weh, nur weil man blond ist, eine Frau und Mutter. Da denken alle: Die Frau kann nichts.  

Bezüglich der Gage: Die männlichen Kollegen verdienen einfach mehr. Es hat sich mittlerweile zwar viel getan, aber ich denke viele Kolleginnen trauen sich noch nicht “Nein” zu sagen und zu ihrem Wert zu stehen. Die Promoter sind klug, sie wollen alle sparen und nutzen die Gutmütigkeit der Frauen aus. Ich habe meinen Preis und ich bin Geschäftsfrau und so möchte ich auch behandelt werden. Deshalb ist die Frauenquote leider sehr niedrig.

Auch als Produzentin wurde ich nicht ernstgenommen. Mir wurde so oft gesagt: Wie wäre es, wenn du wieder „nur“ singst. Es läuft gut, ich gehe auf Tour in Südamerika, wieso soll ich wieder nur die hübsche Frau sein, die singt? Ich bestimme selbst, welche Musik ich machen will. Warum kann eine Frau nicht produzieren? Was hat Schönheit mit Intelligenz zu tun?   

Anaklav beim DJ-Sein
Das Nachtleben ist für Anaklav ihr zweites zu Hause. Foto: Anaklav

Wmn: Was würdest du dir von der Gesellschaft wünschen? 
 
Anaklav: Ich würde mir wünschen, dass wir von der Frauenquote wegkommen. Das klingt wie eine Pflicht. Eine Frau ist dabei also haben wir die Quote erfüllt. Wir sind genau wie die Männer, wir haben Frauen, die sind ausgebildete Sound-Ingenieure, Kamerafrauen, Produzentinnen und DJs. Wir haben das Gleiche gelernt und die gleichen Rechte. Die Sichtbarkeit der Frauen in den Berufen ist wichtig und das nicht nur als Anheizerinnen für irgendwelche DJs. Ich wünsche mir, dass eine 50/50 Quote auf der Bühne.  

Frauen sollten sein dürfen wie sie sind

Wmn: Was ist der Unterschied von Brasilien und Deutschland im Musikbusiness? 
 
Anaklav: Ganz ehrlich: In Brasilen sind Frauen in vielen Berufen sehr stark vertreten. Auch in der Produzent:innenwelt. Frauen die Produzieren sind super stark und sicher in dem, was sie tun. Es gibt viel Diversität, ganz viele Frauen als DJ oder Transgender. Ich würde sogar sagen: Den kleineren Teil machen Männer aus. Keiner verurteilt die Frauen und behauptet, sie können das nicht. Das wünsche ich mir für Deutschland: Dass Frauen sein können, wie sie sind: Weiblich und schön und sie sollten ernst genommen werden in allen Berufen.