Ambre Vallet ist Sängerin und Songwriterin, die sich nicht nur positiven Themen widmet. In ihren Songs geht es unter anderem um Sexismus und um den kritischen Umgang mit Social Media. Bei wmn küren wir jede Woche eine starke und inspirierende Frau zu unserer wöchentlichen Heldin. Diese Frauen empowern uns und reißen uns mit ihren starken Aussagen mit. Darüber, wie uns Alltagssexismus eigentlich begegnet und wieso Social Media so eine große Hassliebe ist, haben wir mit Ambre gesprochen.    

Ambre Vallet kurz und knapp:  

  • Ambre ist in Montpellier geboren und in Berlin aufgewachsen, sie macht seit über zwölf Jahren Musik: Ihre Lyrics sind auf Deutsch und Französisch 
  • Sie widmet sich gesellschaftskritischen Themen, so verarbeitet sie beispielsweise ihre eigenen Erfahrungen mit Sexismus in ihrer Musik 
  • Die Sängerin möchte junge Frauen dazu empowern, ihre Erfahrungen zu teilen und Menschen für gesellschaftskritische Themen sensibilisieren 
Portrait von Ambre
Ambre Vallet setzt sich für mehr Gleichberechtigung ein. Foto: Ambre Vallet / Laurent Biel

Ambre Vallet im Interview: “Jeder Mensch wird ständig mit Sexismus konfroniert.” 

wmn: Du behandelst in deinen Songs oft und gerne gesellschaftskritische Themen. Im Song „Deine Mama“ geht es um Alltagssexismus. Wieso ist das Thema so wichtig für dich? 

Ambre Vallet: Ich glaube, jeder Mensch wird dauerhaft mit Sexismus konfrontiert. Ob in der Schule, in Clubs, auf der Straße oder sogar in der Familie. Ich habe den Song geschrieben, weil es mir wichtig ist, solche Themen anzusprechen, gerade auch gesellschaftskritische Themen in der Musik zu verarbeiten, die nicht immer nur „Sommer, Sonne, Sonnenschein“ sind.

Außerdem sind mir häufig auf Social Media Kommentare begegnet, die gesagt haben, dass ich mich doch nicht wundern solle, wenn sich Männer durch meinen Kleidungsstil dazu aufgefordert fühlen, mir unangebrachte Nachrichten zu schicken. So kam es zu dem Song.  

Ich glaube, dass sich viele Menschen auf Social Media durch die Anonymität, die ein Profil mit sich bringen kann, sicherer fühlen, verletzende Kommentare zu posten. Ich denke dann immer: Wahrscheinlich sitzt du gerade zu Hause bei deiner Mama, trinkst Kaffee und tust so als wärst ein netter Bursche, aber zeitgleich postest du solche Sachen im Internet. 

“Hass im Netz lösche ich direkt.” 

wmn: Wie gehst du denn persönlich mit Hass im Netz um? 

Ambre Vallet: Ich bin schon sehr lange auf Social Media unterwegs, schon bevor man damit Geld verdienen konnte. Damals war YouTube beispielsweise noch viel familiärer. Deshalb habe ich die Entwicklung ganz gut mitbekommen, mit der Kommerzialität und Weiterverbreitung kamen dann auch die Hasskommentare. Dadurch, dass ich schon so lange dabei bin, war ich ganz gut gegen so etwas gewappnet, weil ich einfach wusste, wie es abläuft. 

„Kritik ist berechtigt, Hass nicht.“

Kritik ist jederzeit berechtigt und wenn jemandem mein Aussehen nicht gefällt, interessiert es mich nicht. Hass lösche ich aber meistens direkt. Manchmal antworte ich aber auch – humorvoll, mit einem ironischen Augenzwinkern – dann werden die Leute ganz oft kleinlaut und entschuldigen sich, denn mit einer Reaktion haben sie nicht gerechnet.  

Einen Shitstorm hatte ich aber zum Glück noch nicht. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen würde, wenn mich ganz Deutschland gefühlt auf einmal hassen würde. Ich habe aber ein gutes Support-System von Freunden und Familie, das hilft mir immer, wenn ich mit Hass konfrontiert werde. Und ich glaube auch, wenn man selbst weiß, wer man ist, sind Leute, die einen nicht mögen, egal.  

Info: Hass im Netz 

Die Organisation HateAid fand bei einer Umfrage heraus, dass 50 Prozent der jungen Erwachsenen in der EU von Hass im Netz betroffen sind, die Tendenz ist steigend. Vor allem Frauen gaben an, sich durch Hass im Netz bedroht zu fühlen und sich davor zurückzuziehen, denn der Hass gegen sie wird laut Forschenden der Binghamton University und der University of Illinois seit 2015 immer radikaler. 

Amnesty ­International veröffentlichte 2018 eine Studie über Gewalt und Anfeindungen im Netz („Toxic Twitter: A toxic place for women“), die auf Interviews mit Twitter-Nutzerinnen beruht. Bei der Umfrage von Amnesty International, gaben 23 Prozent der Frauen an, schon einmal Anfeindungen im Netz erlebt zu haben. 

Die Gewaltandrohungen sind oft sexualisiert und beziehen sich auf den Körper der Frau. Frauen, die in ihrem Alltag mehrfache Diskriminierung erfahren, zum Beispiel aufgrund ihrer Hautfarbe oder einer körperlichen Einschränkung, geben an, dass sich Gewalt und Anfeindungen auch im Netz gegen die unterschiedlichen Aspekte ihrer Identität richten. Dies gilt auch für Menschen, die nicht den „Geschlechternormen“ entsprechen.   

„Catcalling trifft uns alle im Alltag.“

wmn: Du schlüpfst im Musikvideo zu „Deine Mama“ in verschiedene Männerrollen, was war das für ein Gefühl? 

Ambre Vallet: Ich fand es sehr spannend und zeitgleich erschreckend, wir haben die meisten Szenen draußen gedreht und ich habe eine Freundin gecatcalled. Ich musste nicht lange überlegen und wusste ganz genau, wie die Rolle funktioniert, eben aus der eigenen Erfahrung und es ist mir auffällig leichtgefallen, das nachzuspielen. Übrigens: Genau bei dem Dreh dieser Szenen, wurden wir selbst gecatcalled.  

Foto von Ambre mit Kommentaren auf dem Körper
Beleidigende Kommentare sind im Internet Alltag. Foto: Ambre Vallet / Jamie-Lee Bormann

wmn: Im Video hast du einige beleidigende Begriffe auf deinen und auf den Körper anderer Beiteiligter geschrieben. Erzähl doch mal, was du mit diesem Umgang mit Hass und Slutshaming ausdrücken wolltest? 

Ambre: Eigentlich kann man es niemandem recht machen. Ich bin beispielsweise relativ schlank und manche meinen ich hätte zu wenig Kurven. Wenn ich jetzt aber zunehme, bin ich zu dick. Wenn man sich zum Beispiel für Body Positivity einsetzt und nicht der „Schönheitsnorm“ entspricht, ist man auf einmal ungesund oder faul. Oder wenn man einen Ausschnitt trägt, ist man zu freizügig, mit einem Rollkragenpulli zu verklemmt. So viele Frauen müssen Kommentare über sich ergehen lassen, dafür wie sie einfach aussehen oder sind. 

Info: Slutshaming

Laut Definition ist Slutshaming eine Praktik, bei der vor allem Frauen abgewertet werden, für ein Verhalten, das gegen „Normen“ für sexuell angemessenes Verhalten verstößt. Diese Verunglimpfungen, bei denen oft mit zweierlei Maß gemessen wird, reichen von der Kritik an dem Kleidungsstil der Frauen oder der Anzahl der Sexualpartner:innen, bis hin zur Beschuldigung von Überlebenden sexueller Gewalt und Vergewaltigung für ihre Übergriffe, auch Victim Blaming genannt.

“Jede:r sollte Feministin sein!” 

wmn: Eines dieser beleidigenden Wörter aus dem Video war das Wort Feminist:in. Wieso denkst du, nutzen Menschen den Begriff als Beleidigung? 

Ambre Vallet: Ich bin ganz klar selbst Feministin. Ich bin auch Teil der LGBTQ+-Community und setze mich sehr stark dafür ein. Im Video gab es auch einen Mann, der sich sehr für Frauen einsetzt und auch zum Beispiel dafür zu normalisieren, dass Männer Nagellack tragen können. Ich glaube, wenn man sich für solche Sachen einsetzt – egal ob Frau oder Mann – wird man dafür kritisiert.  
Gerade wenn man bedenkt, dass Frauen überall auf der Welt immer noch degradiert und sexualisiert werden, wird man dafür oft nicht ernst genommen. Dann heißt es nur: „Ach, die kleine Feministin.“ Das Bild der stereotypischen Feministin entspricht oft einfach nicht mehr dem modernen Bild.  
Meiner Meinung nach sollte jede:r Feministin sein: auch Männer, Väter, Omas und Opas! 

„Man sollte nicht das echte Leben aus dem Fokus verlieren.“

wmn: Dein neuer Song „Alles schon gesehen“ erscheint bald und hat auch eine sehr gesellschaftskritische Message. Es geht um den Einfluss von Social Media auf das Privatleben. Was denkst du darüber? 

Ambre Vallet: Mein Bezug zu Social Media ist eine große Hassliebe. Man kann Social Media wie ein digitales Fotobuch benutzen und gerade als Marketing-Tool für mich als Independent-Künstlerin sind manche Plattformen sehr gut geeignet. Andererseits ist man konstant auf dem neusten Stand und weiß, was die Freund:innen gerade machen. Irgendwann hatte ich eine Begegnung mit einem Freund, der mir sagte: „Tut mir leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe, aber ich habe ja sowieso auf Social Media gesehen, wie es dir geht.“  

Da ist mir aufgefallen, dass man eigentlich immer denkt, man kennt das Leben der Anderen. Aber eine wirkliche emotionale Beziehung zu Menschen geht dadurch auch verloren. Ich sehe im Social Media Bereich trotzdem große Chancen, gerade in der Pandemie-Zeit hat uns Social Media dann doch irgendwie alle mehr verbunden. Doch man sollte nicht das echte Leben aus dem Fokus verlieren und das Handy vielleicht auch mal weglegen. 

Foto von Ambre am Handy
Social Media ist auch für Ambre nicht mehr wegzudenken, eine große Hassliebe quasi. Foto: Ambre Vallet / Laurent Biel

wmn: Was würdest du jungen Frauen oder Mädchen zum Umgang mit Social Media raten?

Ambre Vallet: Teilt nicht alles auf Social Media. Fühlt euch nicht gedrängt dazu, private Fotos von euch zu verschicken oder euren genauen Standort mit Menschen zu teilen. Damit schützt ihr euch selbst. Und bei Content Creator:innen finde ich es immer schön, einfach ehrlich zu sein. Denn Social Media kann mehr Ehrlichkeit vertagen. Dabei verhält es sich ja ähnlich wie in der Musik, dass man einfach auch mal die unschönen Seiten des Lebens teilt. 

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