Benjamin Gutsche ist der Regisseur der ersten queeren Serie der ARD: “All You Need”. Eine queere Serie zu drehen ist nicht immer leicht und auch Benjamin ist im Prozess auf einige Hindernisse, aber auch unglaublich viel Inspiration gestoßen. So sagt er selbst er hätte versucht, den Fokus auf Realismus und zeitgleich Popcornentertaiment gelegt. Aber wie ist ihm das eigentlich gelungen?

Über Queerness in der Schauspielerei, das Act Out-Manifest und die Inspiration zur Serie, spricht er mit uns im Interview. 

„Eine queere Serie – Wieso bin ich eigentlich noch nicht darauf gekommen?“

Wmn: Was war deine Intention bei der Serie?  
 
Benjamin Gutsche: Die ARD kam mit der Idee einer schwulen Serie auf mich zu. So etwas gab es bisher in Deutschland noch nicht und ich habe sofort zugestimmt. Zeitgleich dachte ich aber auch: “Wieso bin ich da noch nicht draufgekommen?”

Außerdem wollte ich meine eigenen Erfahrungen und die meines Umfeldes einfließen lassen. Deshalb stand der Drehort Berlin schon für mich fest. Obendrein wollte ich einen großen Fokus auf Diversität legen. Ich hatte das Gefühl, es gibt schon sehr viele Serien über weiße, schwule Cis-Männer.

Info: Darum geht’s bei “All You Need” 
Der Langzeitstudent Vince, der geheimnisvolle Robbie, der zum Spießer mutierende, Webdesigner Levo und der erst spät geoutete Familienvater Tom kommen aus Berlin und sind homosexuell. Sie alle verbindet die Suche nach Liebe und Geborgenheit. 

Wmn: Inwieweit fokussiert sich die Serie denn auf deine persönlichen Erlebnisse?  

Benjamin Gutsche: Natürlich sind die einzelnen Story-Bausteine nicht alle mir passiert. Wenn ich von persönlichen Erfahrungen spreche, meine ich auch meinen Freundeskreis. Es ist viel eingeflossen, mit dem ich im Leben einfach Schnittpunkte hatte. Als ich vor 15 Jahren nach Berlin gekommen bin, habe ich natürlich auch erst mal das Nachtleben unsicher gemacht, mittlerweile würde ich mich eher als den ruhigen Onkel bezeichnen.

Ich komme aus einer Kleinstadt und war dann quasi “The Only Gay in the Village”. Deswegen waren mir die Drehorte wie beispielsweise das Schwuz sehr wichtig. Weil dort auch Sex und der Umgang damit ein großes Thema sind, diese Dinge wollte ich so nahbar wie möglich machen. 

Ich komme aus einer Kleinstadt und war dann quasi “The Only Gay in the Village”.

Benjamin Gutsche
Benjamin Gutsche beim Dreh
Das ActOut-Manifest ist Benjamin beim Dreh besonders wichtig gewesen. Foto: ARD Degeto/UFA Fiction/Andrea Hansen

Wmn: Wie sieht es denn mit den Figuren aus: Stellen sie Identifikationsfiguren für die queere Szene in Berlin dar?  
 
Benjamin Gutsche: Total! Ich muss dazusagen, dass nicht alle Figuren meinen Erfahrungsschatz abdecken, aber er ist bei jeder Figur eingeflossen. Wir mussten natürlich auch Figuren erzählen, die sich in Berlin heimisch fühlen. Die Storys, die wir erzählt haben, sind wahrscheinlich Geschichten, mit denen die Zuschauer:innen sich selbst verbinden. 

Es gibt sehr viele queere Serien, die aus der Opfer-Perspektive gedreht wurden

Wmn: Wie bringt die Serie Unterhaltung und einen aufklärerischen Charakter zusammen? 

Benjamin Gutsche: Mir als Filmemacher ist es nicht wichtig, welches Thema erzählt wird, sondern wie ein Thema erzählt wird. Deswegen gehe ich immer mit der Einstellung an das Thema heran, die Geschichten so unterhaltsam wie möglich zu erzählen, ohne mit dem moralischen Zeigefinger herumzulaufen.

In der queeren Szene hat man bisher viele Serien gedreht, die aus einer Opferperspektive gedreht wurden. Wir wollten einfach optimistischer rangehen. Die Geschichten berühren und man sollte sie ernst nehmen, aber wir wollten das Leben auch feiern. Denn im echten Leben laufe ich ja auch nicht den ganzen Tag mit gesenktem Kopf herum und denke “Oh mir geht es so schlecht.” Der Anspruch war dann: Es soll ein Popcorn-Entertainment werden. 

Ich habe mich geschämt für das, was ich fühlte

Wmn: Welche Serien haben dich persönlich denn inspiriert? 

Benjamin Gutsche: Eine der ersten Serien, die ich gesehen habe, war “Queer as Folk”. Ich hatte damals noch einen Röhrenfernseher im Kinderzimmer stehen und habe nachts ganz heimlich um halb 11 auf ProSieben diese Serie geschaut. Ich war noch nicht geoutet und habe mich geschämt für das, was ich fühlte. Es war eine Offenbarung für mich Menschen zu sehen, die so sind wie ich und damit auch so offen umgehen. Das hat mich extrem inspiriert. 

Looking hat mich ebenfalls inspiriert. Die Serie wird wahnsinnig berührend und auch natürlich dargestellt. “All You Need” soll aber keinesfalls das deutsche “Looking” sein, sondern wir wollten unseren eigenen Stil finden. Aber natürlich fließt so etwas mit ein. Mittlerweile gibt es aber glücklicherweise noch mehr Beispiele. 

Ich wollte mit ihnen befreundet sein.

Benjamin Gutsche

Wmn: Was macht denn eure Charaktere gerade so besonders?  

Benjamin Gutsche: Ich glaube, sie sind super authentisch und eben auch vielfältig. Wir haben in der Redaktion immer gesagt: So unterschiedlich sie auch sind, sie sind trotzdem alle befreundet. Und das macht es auch aus, dass Zuschauer:innen sich mit mindestens einer Figur identifizieren können. Das Besondere an unseren Charakteren ist, zumindest ging es mir so, dass ich selbst mit ihnen befreundet sein wollte. Meine Produzentin meinte am Ende ich hätte mir meinen eigenen Freundeskreis gecasted, wir haben bis heute noch einen guten Kontakt. Sie haben Charme trotz ihrer vielen Fehler und Makel. 

Benjamin Gutsche beim Dreh
Benjamin Gutsche ist Regisseur der ersten queeren Serie in der ARD. Foto: ARD Degeto/UFA Fiction/Andrea Hansen

Alle dürfen alles spielen, solange alle alles spielen dürfen

Wmn: Wie ist deine Meinung zur Debatte: Queere Menschen sollten nur queere Menschen spielen? Wie habt ihr das gelöst? 

Benjamin Gutsche: Ich teile meine Meinung mit dem ActOut-Manifest. Alle dürfen alles spielen, solange alle alles spielen dürfen. In den letzten Jahren ist unglaublich viel in Deutschland schiefgelaufen. Wenn Schaupieler:innen sich outen, wird ihnen nachgesagt, man würde ihnen Hetero-Rollen nicht mehr abnehmen, was natürlich völliger Quark ist. Und ich habe das Gefühl, dass viele im Filmgeschäft das Publikum unterschätzt haben. In Amerika läuft das ganz anders: Neill Patrick Harris hat in How I met your Mother einen Womanizer gespielt und das unglaublich authentisch getan. Denn das ist nun mal die Aufgabe eines Schauspielers, Rollen spielen, die nicht sie selbst sind.

Info: Das ActOut-Manifest
#ActOut ist der Name einer gesellschaftspolitischen Initiative und ihres Manifests, das mehr Akzeptanz und Anerkennung von LGBTQIA+-Personen fordert. 

Sexualität sollte im Beruf keine Rolle spielen

Natürlich haben wir bei “All You Need”, weil mir diese Thematik sehr bewusst war, unsere Casterin losgeschickt und sie sollte die Agenturen anrufen und fragen, wer geoutet ist und Lust hätte, bei unserer Serie mitzumachen. Das gab einen so großen Aufschrei, weil wir die Sexualität zum Thema gemacht haben. Mit diesem Problem habe ich mich während des Castings herumgeschlagen. Mir war es wichtig bei der Besetzung zu schauen, wie gehen die Schauspieler mit der Thematik um, haben sie damit Berührungspunkte, schreckt es sie ab?

Ich hatte aber das Gefühl, bei allen fehlte die toxische Männlichkeit und die Chemie hat gepasst. In der zweiten Staffel konnten wir uns mehr fokussieren, da gab es dann auch das ActOut-Manifest. 
Deswegen muss sich etwas ändern. Ich bin der Meinung, damit wir schnell ans Ziel kommen, muss das Pendel in die andere Richtung gehen. Nur übers Reden kommen wir nicht ans Ziel.  

Du willst All You Need auch sehen?
Unser ganzes Interview mit Benjamin findest du hier und die zwei Staffeln der Serie “All You Need” kannst du in der ARD-Mediathek schauen

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