Unsere Welt ist heute unglaublich vernetzt. Wie vernetzt genau, zeigt das Kleine-Welt-Phänomen. Im Englischen wird es auch The Rule of 6 Handshakes (Die Regel der 6 Handschläge) genannt, da es grundlegend annimmt, dass man über nur sechs verschiedene Kontakte jeden Menschen auf der Welt kennenlernen kann. So müsste man nur sechs Menschen die Hand schütteln, um letztlich beispielsweise die Königin von England kennenzulernen. Was genau hinter diesem Phänomen steckt und ob es wirklich zutrifft, erfährst du jetzt.

Das steckt hinter der Rule of 6 Handshakes

Bestimmt kennst du den Ausspruch: „Die Welt ist ein Dorf!“ Dieser fällt immer dann, wenn wir Menschen treffen, die über verschiedene Ecken andere Menschen aus unserem Leben kennen. Dass es sich hierbei nicht nur um Zufälle handelt, sondern die Welt tatsächlich immer vernetzter ist und weiter schrumpft, versucht das Kleine-Welt-Phänomen deutlich zu machen.

Das Phänomen „The Six Degrees of Separation“ bzw. das Kleine-Welt-Phänomen nimmt grundlegend an, dass alle Menschen auf der Welt nur sechs oder weniger soziale Verbindungen voneinander entfernt sind. Das heißt, dass zwei Menschen über nur sechs Schritte miteinander vernetzt werden können. Häufig ist in diesem Zusammenhang auch von der Rule of 6 Handshakes die Rede. Man müsste also nur sechs Menschen die Hand schütteln, um letztlich in Kontakt mit einer bestimmten Person zu treten.

Die Idee ist nicht neu, sondern wurde bereits 1929 von einer Kurzgeschichte des Ungarn Frigyes Karinthy mit dem Titel „Chains“ inspiriert. Hier spielt eine Gruppe von Menschen ein Spiel, indem sie versuchen, mit nur fünf Kontakten eine beliebige Person auf der Welt kennenzulernen. 1990 gewann die Kurzgeschichte erneut an Popularität durch das Stück „Six Degress of Seperation“ von John Guares.

Hände
Die Idee der 6 Handshake Rule geht zurück auf die Kurzgeschichte „Chains“. Foto: Getty Images/ Pep Karsten

Das Experiment Stanley Milgrims: Das Kleine-Welt-Phänomen

Die Idee der fünf bzw. sechs Grade der Trennung sollte bis in die 60er-Jahre Fiktion bleiben. Im Jahr 1967 führte jedoch der Harvard-Psychologe Stanley Milgram ein Experiment durch, um die Theorie zu beweisen. Er war es auch, der dem Kleine-Welt-Phänomen letztlich seinen Namen gab.

Für sein Experiment ließ Milgram 296 Briefe schreiben. Nun bat er zufällig ausgewählte Teilnehmer:innen, diese Briefe an eine vorher festgelegte Person in Boston zu schicken. Dabei durften die Teilnehmer:innen die Briefe jedoch nicht direkt an die Zielperson schicken. Sie sollten sie an jemanden schicken, den sie per Vornamen kannten und von dem sie dachten, dass er oder sie die Zielperson kennen könnte.

Im Ergebnis stellte Milgram fest, dass nur 64 Briefe ihr Ziel erreichten. Die durchschnittliche Pfadlänge betrug dabei jedoch im Schnitt sechs Kontakte. Der Wissenschaftler schloss daraus, dass jeder US-Amerikaner und jede US-Amerikanerin durchschnittlich sechs Personen voneinander getrennt ist. Spätere Experimente versuchten zudem ethnische Unterschiede miteinzubeziehen.

Kritik an Milgrims „Beweis“

Das Ergebnis dieses Kleinen-Welt-Experiments ist bis heute stark umstritten. So kritisiert etwa die US-amerikanische Psychologin Judith Kleinfeld in ihrer Studie aus 2022, dass die Datenlage Milgrams schlicht nicht ausreichen würde.

Allerdings erkennt sie die Faszination Milgrams für das Kleine-Welt-Phänomen durchaus an. Kleinfeld richtet in ihrer eigenen Untersuchung den Blick weg von der Empirie und hin zur Emotion.

Sie meint, dass wir Menschen an die Rule of 6 Handshakes glauben wollen. Schlicht, weil wir das Bedürfnis nach Zugehörigkeit in uns tragen wollen. Wir suchen nach einem Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Dahingehend legt die Wissenschaftlerin nahe, dass wir die Bestätigung des Kleinen-Welt-Phänomens weniger in der Netzwerktheorie noch der Mathematik als in der Psychologie finden sollten.

Müssen wir wirklich nur sechs Menschen die Hand schütteln?

Fernab dieser Überlegung versuchten etliche Studien in den letzten Jahren nachzuweisen, dass die Vernetzung von Menschen der Konstante von sechs Kontakten folgt. Den besten Beweis lieferten zuletzt Jure Leskovec und Eric Horvitz. Sie untersuchten 30 Milliarden Konversationen von 240 Millionen Microsoft-Nutzer:innen.

Ihr Ergebnis: Im Schnitt waren die Ketten zwischen zwei Menschen 6,6 Personen lang. Das Kleine-Welt-Phänomen fand somit seine empirische Bestätigung. Horvitz meinte 2008 gegenüber der Washington Post: „Was wir herausgefunden haben, spricht dafür, dass es eine soziale Verbindungskonstante für Menschheit gibt.“

Ob die Rule of 6 Handshakes tatsächlich stimmt, ist demnach bis heute umstritten, wenn auch zahlreiche empirische Studien vorliegen. So finden sich zwar übereinstimmende Quellen, die zeigen, dass es zwischen sechs und sieben Interaktionen braucht, um Menschen kennenzulernen, diese müssen jedoch keineswegs immer mit einem Handschlag stattfinden. Somit bleibt die Rule of 6 Handshakes vor allem eines: eine nette Anekdote, die man auf Partys zum Besten geben kann.

Wenn du wissen möchtest, wie du das Kleine-Welt-Phänomen für dich nutzen kannst, wirst du hier fündig.

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