Mona Grenzerfahrung
Grenzerfahrung Mammutmarsch: Manchmal hilft nur noch eins: Mama anrufen. Foto: Mona Schäffer /

Der Duden beschreibt eine Grenzerfahrung folgendermaßen: “Ein Erlebnis, bei dem Körper und Psyche extremen Belastungen ausgesetzt sind.” Was der Duden aber nicht ganz unter einen Hut bekommt, sind die Qualen, die mit diesen Belastungen einhergehen. 

Und auch nicht die Lehren, die einem eine solche Grenzerfahrung fürs Leben mitgibt. Ich will euch beweisen, dass beides unbedingt nötig ist, um über sich hinauszuwachsen.

Meine Grenzerfahrung: Der Mammutmarsch in Berlin 2020

Der Mammutmarsch ist die Koryphäe unter den Ultramärschen in Deutschland. 100 km sind innerhalb von 24 Stunden zu bewältigen. Und das zu Fuß. Einmal quer durch Brandenburg und zurück.

Ich habe meinen Körper schon zuvor großen Hindernissen ausgesetzt. Ich bin recht sportlich, laufe mehrmals in der Woche Halbmarathons und habe bereits große Wanderungen bei über 5.000 Höhenmetern absolviert. Ich fühlte mich dieser neuen Herausforderung, dem Mammutmarsch, absolut gewappnet. Denkste. 

Bis heute bin ich mir nicht sicher, wie ich diese Grenzerfahrung überlebt habe. 

Was ich durch den Mammutmarsch gelernt habe

Eine Grenzerfahrung kann man nicht mit einer Haribotüte auf der Couch haben. Ein Work-Out-Video mit Pamela Reif und Konsorten ist zwar scheißanstrengend, aber es wird weder deinen Horizont erweitern, geschweige denn dein Leben verändern. 

Es mag pathetisch klingen, doch genau das tut eine Grenzerfahrung. Ich will euch zeigen, wie 24 Stunden und 50 Minuten es geschafft haben, meine Wahrnehmung zu ändern und mein Bewusstsein zu erweitern.

Mona Grenzerfahrung
Bei der 10 Kilometer-Marke ist noch gut lachen.(Photo: wmn)

Kilometer 1-40: Jeder kämpft für sich? Schwachsinn!

Ich trat den Marsch nicht allein an. Mein Laufpartner war trainiert, ausdauernd und alt genug, um zu wissen, in was für einen Schwachsinn er sich gerade begab. Die ersten 7 Stunden waren herrlich, voller Geschichten und leichter Füße. Doch nach 40 Kilometern begann sein Knie zu schmerzen und er tauschte Wanderschuhe und Waldweg gegen Pantoffeln und Sofakissen. 

Noch 60 Kilometer und 17 Stunden vor mir. Ich versuchte mir einzureden, dass ich es auch alleine schaffen könnte. Wofür brauchte ich denn jemand anders? Jeder kämpft schließlich für sich in dieser Grenzerfahrung.

Keine halbe Stunde später drehten sich meine Gedanken nur noch um das Aufgeben. Oder doch wenigstens das Ankommen. Der Weg war nicht mehr das Ziel. Ich fühlte mich allein, traurig und ziemlich lächerlich. Was für eine bescheuerte Idee das doch gewesen war. Was für eine Lebenszeit-, Geld-, und Wochenendverschwendung.

Da quatschten mich drei Männer von hinten an. Sie hatten mir wohl angesehen, wie schlecht die Chancen um mich standen. “Du kannst mit uns gehen, wenn du willst. Gleich wird es dunkel.” Nagut. Wenn ihr meint, dass das sein muss. Ich schloss mich der Gruppe an.

Die drei waren erfahrene Wanderer und wussten wohl, wie die Sache mit der Motivation funktioniert. Von vollkommenen Belanglosigkeiten bishin zur Trump-Politik kauten wir alles durch, was das Leben so hergibt. Und siehe da: Jeder Gedanke ans Aufgeben war vorbei. 

Merke: Gib dein Leben öfter Mal in die Hände anderer.

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Die Hälfte des Weges ist nach 12 Stunden strammen Marsches geschafft.(Photo: Mona Schäffer)

Kilometer 40-50: Mitleid bringt dir gar nichts.

Die Nacht ist lau, der Boden scheint aus purem Treibsand zu bestehen. Meine Schuhe finden keinen Halt im sandigen Waldboden. Ich bin langsam und ich leide. Die Jungs laufen schnell, schneller als ich jedenfalls vor mir hier. 

Immer wieder will ich mich dafür rechtfertigen, dass ich so langsam bin. “Meine Beine sind kürzer als eure.” oder “Ich hab ne fette Blase an der Hacke.” Aber was würde das schon bringen? 

Entweder ich halte mit, oder eben nicht. Das ist meine eigene Entscheidung. Niemand hat mich hierzu gezwungen. Erst recht nicht meine drei Gefährten.

Wir wissen alle: Es gibt nur eine Richtung: Weiter. Da ist keine Zeit für Mitleid bei geschwollenen Füßen oder kurzen Beinen. Zähne zusammenbeißen.

Merke: Sich über die Wange streicheln zu lassen bringt keinem etwas, wenn man gerade ein Haus bauen muss.

Kilometer 60-70: Dankbarkeit für Nichtigkeiten.

Nach jeweils 20 Kilometern sind Pausenpunkte eingetragen, an denen es Verpflegung und Bierbänke gibt. 

Pause bedeutet: Wasser trinken, Banane essen, an einer sauren Gurke lutschen. Sitzen. Ein herrliches Gefühl. Mir springt beinahe das Herz aus der Brust, als einer der Helfer mit einem lauwarmen Bröselkaffee mit Milchpulver versetzt bringt. Es schmeckt abgestanden ekelhaft und gleichzeitig ist es das köstlichste Getränk, das jemals meine Lippen benetzt hat.

Merke: Alles zwischendurch in Relation setzen.

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Erst in schlimmsten Situationen wächst man wirklich über sich hinaus(Photo: Mona Schäffer)

Kilometer 70-80: Was muss, das muss.

Bei der 70 Kilometer-Marke geht nichts mehr. Schmerz überwiegt jeden Willen. Aus einer Blase sind 12 geworden. Meine Beine können nur noch mit der größten Mühe davon überzeugt werden, sich zu bewegen. Ich kann einfach nicht mehr.

Aber es ist Nacht, es ist dunkel, es ist staubig. Hier will ich nicht sterben. (Ja, solche Gedanken kommen mir irgendwann.) Entweder ich halte mit den anderen mit, oder ich bleibe hier sitzen. Für immer. Irgendwie schaffe ich es dann doch, einen Fuß vor den anderen zu schieben. Meter für Meter.

Merke: Körper und Geist kann man trennen.

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Lachen geht nun in weinen über.(Photo: Mona Schäffer)

Kilometer 80-90: Mama.

Es ist soweit: Ich rufe meine Mama an. Ich bin eine 26-jährige Frau mit eigener Steuernummer und eigener Sextoysammlung. Und trotzdem laufe ich weinend mit blutenden Füßen durch die Straßen Potsdams und rufe meine Mama an. 

Sie weiß, was zutun ist: “Du kannst alles schaffen. Du bist stark und schön und mutig sowieso.” Alles klar, und weiter gehts.

Merke: Manchmal muss die Seele eben doch gestreichelt werden.

Kilometer 90-95: Das Gedächtnis kann viel mehr, als wir glauben.

So langsam habe ich über alles nachgedacht, worüber man nach 22 Stunden auf der Strecke nachdenken kann: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Alles war dabei. Langsam wird meinem Gehirn langweilig. Und da kommt es auf Gedichte.

In perfekter Gymnasial-Manier rezitiere ich Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, Der Zauberlehrling und Elke Heidenreichs Am Südpol denkt man ist es heiß. Gehirne sind komisch. 

Merke: Ich vergesse nicht, ich verdränge wohl nur.

Kilometer 95-100: Grenzen sind zum Brechen da.

Ich hasse mich, ich hasse die Straße, ich hasse alle Menschen, denen ich begegne. Ich hasse sogar das scheißgute Wetter und die blöden Vögel, die vollkommen übermotiviert durch die Gegend zwitschern.

Es sind gefühlte 53 Grad im Schatten und ich glaube ich muss kotzen. Seit 3 Stunden. Und trotzdem krieche ich auf den Zehennägeln voran. Bis ins Ziel.

Merke: Ich kann alles schaffen.

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Siegerfoto mit meinen Helfern aus der Nacht.(Photo: Mona Schäffer)

Jeder muss seine eigene Grenzerfahrung finden

Ich würde niemandem raten, einen 100 Kilometer-Lauf zu machen, um sich selbst besser kennenzulernen. Das wäre vermessen. Ich glaube aber fest daran, dass sich manche Lehren erst dann manifestieren, wenn wir sie wirklich am eigenen Leib spüren.

Du bist auf der Suche nach einem krassen Abenteuer, aber es ist noch immer Coronatime? Dann probier dich in einem Mikroabenteuer.

Wandern ist auch ohne Grenzerfahrung super. Wir haben hier die schönsten Weinwanderwege Deutschlands für dich.