Vor wenigen Wochen war ich in New York im Urlaub. Wie ich so mit meinem Partner in einem Bus saß, stieg ein Mann ein, der lautstark telefonierte. In jedem, wirklich jedem seiner Sätze fiel das Wort „fuck“. Ich staunte nicht schlecht, da die Amerikaner:innen dafür bekannt sind, dieses Wort im TV zu beepen.
Nach fünf Minuten und hundert „fucks“ später stieg ich aus dem Bus aus und war froh, dieser Schimpftirade zu entkommen. „Wie kann man nur so viel fluchen?!“, fragte ich meinen Partner entsetzt, der aus dem Lachen nicht rauskam.
Doch ist Fluchen ausschließlich negativ? In diesem Artikel verrate ich dir, warum wir alle öfter mal fluchen sollten.

Was meint das Wort „fluchen“?

Vom Leder ziehen, Gift und Galle spucken oder eben fluchen: All diese Wörter meinen laut dem Duden, dass man im Zorn Kraftausdrücke bzw. Flüche benutzt oder auf etwas bzw. jemanden schimpft. Etymologisch kommt das Wort fluchen vom althochdeutschen fluohhōn, was so viel wie „auf die Brust schlagen“ meint. Diese Bewegung ging dem Fluchen damals mutmaßlich einher.

Googelt man das Wort „fluchen“, wird schnell deutlich, dass es sich um eine schlechte Angewohnheit handelt, die gesellschaftlich verpönt ist und die es daher abzulegen gilt. So wollen zahlreiche Eltern in Internetforen beispielsweise wissen, wie sie ihren Kindern Schimpfwörter abgewöhnen können. Ganze Ratgeber erklären zudem auch Erwachsenen, wie sie auf Wörter wie „Scheiße!“, „Arschloch!“ und Kacke!“ verzichten können.

Fluchen ist gesellschaftlich verpönt, da es als negativ und kontraproduktiv gilt. Damit tut man der Angewohnheit allerdings Unrecht. Foto: imago images/MASKOT

Von der Fäkalsprache zur Ficksprache

Interessant an den oben aufgezählten Schimpfwörtern ist, dass sie allesamt die Fäkalsprache bedienen. Wusstest du etwa, dass Deutsche und Österreicher eher fäkal fluchen, während Amerikaner:innen, Engländer:innen, Russ:innen, Französ:innen, Spanier:innen, Italiener:innen und Holländer:innen eher sexuell schimpfen?

Ein einfaches Beispiel: Wir in Deutschland sagen häufig „Verpiss dich!“ – in Anlehnung an „Pisse“, also Urin. In Amerika heißt es dagegen „Fuck off“ – in Anlehnung an den Geschlechtsakt. In Italien nutzen Jugendliche vor allem das Schimpfwort „cazzo“ für Schwanz und in Französisch kursiert das Wort „putain“ für Hure.

Allerdings ist auch ein Wandel zu beobachten, meint der Sprachwissenschaftler André Meininger. So würden deutsche Jugendliche heute viel sexueller fluchen. Sie sagen beispielsweise nicht mehr: „Du bist gearscht“, sondern: „Du bist gefickt“. Der Trend, sexuell zu fluchen, wird heutzutage zudem immer weiter durch Filme und Serien in Originalton befeuert, die immer mehr Jugendliche gucken.

Warum du häufiger mal fluchen solltest

Die Frage, die bei alldem unweigerlich in meinem Kopf aufkommt, ist, wie negativ es eigentlich ist, ständig zu fluchen. Zum einen ist es unglaublich verpönt, andere Menschen als „Sau“, „Ekel“, „Assi“ oder „Affe“ zu bezeichnen, im Supermarkt zu brüllen „Was für eine verdammte Mistkacke das wieder ist!“, wenn einem etwas runterfällt oder eben an die hundertmal lautstark „fuck“ in einem vollen Bus zu rufen.

Auf der anderen Seite fluchen wir alle ständig, empfinden es sogar als befreiend und lernen wir eine Fremdsprache, sind es häufig die vulgären Worte, die zuerst zu unserem Wortschatz gehören. Trotz Tabu wohnt dem Fluchen also ein unglaublicher Reiz inne. Dem nachzugeben, könnte man nun als schwach oder sozial unverträglich bezeichnen. Glaubt man jedoch Richard Stephens, dann ist Fluchen vor allem eines: verdammt gesund.

Warum Fluchen so verdammt gesund ist

Richard Stephens ist Verhaltenspsychologe an der University of Keele in Newcastle, England. Er forscht vor allem zu Dingen, die wir tun, vor denen wir aber eigentlich gewarnt wurden. So herrschte in der medizinischen Forschung lange Zeit die Annahme vor, dass Fluchen kontraproduktiv bei Schmerzen sei. Immerhin würde man sich so auf Negatives fokussieren. Stephens fragte sich, warum wir dennoch allesamt so gerne fluchen, wenn es uns doch angeblich so schaden soll.

In einem seiner ersten Versuche, den er später mehrfach wiederholte, ließ er 67 Versuchspersonen ihre Hände in Eiswasser halten. Während manche von ihnen währenddessen fluchen durften, trug man den anderen auf, nur neutrale Worte zu nutzen. Im Ergebnis zeigte sich, dass Proband:innen, die „fuck“, „shit“ oder „bloody hell“ sagen durften, subjektiv weniger Schmerzen empfanden und es im Schnitt 40 Sekunden länger im Eiswasser aushielten.

Stephens betont dabei, dass Fluchen keineswegs hilft, Dampf abzubauen. Vielmehr baut man Dampf, also Stress dabei auf. Wer flucht, fängt in der Regel auch an zu schwitzen, der Herzschlag wird schneller, Adrenalin, Cortisol und Endorphine werden ausgeschüttet. Diese Stressreaktion hat zur Folge, dass das Schmerzempfinden gedämpft wird.

Nice to know: Stephens untersuchte auch, ob Flüche die Leistung steigern können. Dafür ließ er Proband:innen aufs Spinning-Rad steigen und erhöhte während des Trainings den Widerstand. Wer fluchen durfte, hielt deutlich länger durch. Was wir daraus lernen? Kommt es hart auf hart, kann ein kleiner Fluch hier und da Wunder wirken. Das Adrenalin, welches dabei ausgeschüttet wird, setzt neue Kräfte frei.

Die Macht der Schimpfwörter

Flüche und Schimpfwörter sind eng mit unseren Gefühlen verknüpft. Das heißt, sie haben unglaubliche Macht über uns. Schon als Kind lernen wir das, wenn unsere Mutter sich beispielsweise den Zeh stößt und schmerzverzerrt „Scheiße!“ stöhnt.

Dieses Wort werden wir nun unweigerlich mit Schmerzen in Verbindung bringen und zu sehr großer Wahrscheinlichkeit selbst nutzen, wenn wir uns verletzen. Besonders interessant dabei ist, dass Kinder, die häufig fürs Fluchen bestraft werden, später erst recht zu Schimpfwörtern greifen.

Richard Stephens fand in seiner Forschungsreihe allerdings auch heraus, dass das Fluchen nicht für alle Menschen gleich wirkt. Wer jeden Tag wie flucht, wie beispielsweise der Mann aus dem Bus mit seiner Vorliebe zum Wörtchen „fuck“, wird weniger vom Fluchen profitieren als jemand, der selten flucht.

Statt sich das Fluchen mithilfe von Ratgebern abzugewöhnen, wäre es dem Experten zufolge sinnvoller, es gezielt und sparsam einzusetzen. Wer hier und da mit einem „Mist“, „Shit“ oder „Kotzkacke“ um sich wirft, kann unangenehme Situationen auf die Art erträglicher gestalten.

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