Stell dir vor, du gehst ins Museum und erblickst eine leere Leinwand. Was denkst du? Moderne Kunst darf immerhin vieles und lässt reichlich Interpretationsspielraum. Im Kunsten-Museum in Aalborg hängt ein ebensolches nacktes Werk. Die Story hinter dem Bild von Jens Haaning, das sich „Take the Money and Run“ („Nimm das Geld und hau ab“) nennt, lässt nicht nur laut auflachen, sondern stimmt auch nachdenklich. Aber von Anfang an…

Wie Jens Haaning das Kunsten-Museum um 70.000 € erleichterte

Der dänische Künstler Jens Haaning war damit beauftragt, eines seiner früheren Werke zu restaurieren. Dabei handelt es sich um eine Collage, die mit Geldscheinen bestückt ist und thematisch das Jahresgehalt in Dänemark und Österreich behandelt. Auf dem Werk sind dänische Geldnoten sowie Euro-Scheine angebracht.

Um das Werk neuaufzuarbeiten, lieh das Kunsten-Museum in Aalborg dem Künstler Geldscheine im Wert von 70.000 €. Statt die Geldscheine aufzukleben, entschied sich Jens Haaning jedoch kurzerhand dafür, das Geld einzubehalten. Zwei Tage vor Beginn der Ausstellung rief er im Museum an und erklärte nach Informationen von Spiegel Online, „dass er die Werke, auf die [sie] sich geeinigt hatten, nicht angefertigt hat“.

Wie der Museumsdirektor Lasse Andersson gegenüber der Nachrichtenagentur AFP berichtet, werde Haaning dem Museum ein anderes Werk für die Ausstellung „Work it out“ zur Verfügung stellen. Und zwar ein Werk, das den Titel „Take the Money and Run“ heißt. Ein Werk, das außer dem Holzrahmen nichts als die nackte weiße Leinwand zeigt. Tatsächlich hängen die insgesamt zwei „leeren“ Werke des Künstlers fortan im Museum.

Hier hängen sie: die beiden Bilder, die entweder genial oder einfach nur dreist sind. Credit: IMAGO / Ritzau Scanpix

Systemkritik oder pure Dreistigkeit?

Haaning würde wohl widersprechen, würde man ihm vorwerfen, seine Bilder wären „leer“. Für ihn zeigen sie, „dass wir auch die Verantwortung haben, die Strukturen, von denen wir ein Teil sind, infrage zu stellen. […] Wenn die Strukturen komplett unzumutbar sind, müssen wir mit ihnen brechen.“

Haaning erklärt dem Radiosender P1: „Das Kunstwerk ist, dass ich das Geld genommen habe.“ Wo das viele Bargeld nun ist und was er damit vorhabe, erläutert er nicht. Er macht aber deutlich, dass dieses Kunstwerk seine Arbeitsbedingungen darstellen würde. Weiter appelliert er an andere Kunstschaffende: „Ich ermutige andere, die genauso miserable Arbeitsbedingungen haben wie ich, das Gleiche zu tun.“

„Der Vertragsbruch ist Teil des Werkes“

Und das Museum? Das zeigt nun bis zum 16. Januar die beiden leeren Bilderrahmen. Der Museumsdirektor Andersson macht jedoch deutlich, dass danach Konsequenzen auf den Künstler zukommen werden. Er sagt: „Wir werden die notwendigen Maßnahmen ergreifen, damit Jens Haaning seinen Vertrag einhält und das Geld zurückgibt.“

Der Künstler selbst sieht sich nicht als Dieb. Im Interview mit P1 gesteht er jedoch ein, dass er sehr wohl Vertragsbruch begangen habe. Allerdings sagt er auch: „Der Vertragsbruch ist Teil des Werkes.“

Wir sind gespannt, welche Konsequenzen diese Aktion haben wird, sind uns aber zugleich sicher, dass solch eine wahnwitzige Aktion mit Sicherheit zahlreiche Museumsbesucher:innen anziehen könnte. Auch, wenn diese sich nur vergewissern wollen, dass ein Museum tatsächlich ein leeres Werk aushängt, nachdem es um 70.000 € betrogen wurde.

Ähnliche Artikel: