In Russland sind gestern Kritiker des Putin-Regimes landauf, landab auf die  Straßen gegangen, um endlich ihr Recht auf Freiheit und Demokratie einzufordern. Von Moskau bis nach Ulan Bator kämpften die Menschen friedlich, aber bestimmt – Und das Ende Januar, wo ein Spaziergang auf der Straße auch gerne mal zu Erfrierungen an den Zehen führen kann. Teilweise sind es nämlich gerade -10 ° Celsius im Land. Aber das stört die Kreml-Kritiker nicht länger, denn sie wollen Veränderung, brauchen Veränderung und demonstrierten dafür in ganz Russland.

Die Zahlen der Demonstrationen in Russland im Überblick

Bis zum frühen Samstagabend wurden laut mehr als 2.600 Menschen festgenommen, so russische Menschenrechtler. In Moskau seien es rund 800 PersonenIn St. Petersburg waren es wohl mehr als 300. Insgesamt seien in 100 russischen Städten Demonstranten in Polizeigewahrsam genommen worden. Beobachter sprachen landesweit von Zehntausenden Teilnehmern. Die Tagesschau erwartet in den nächsten Wochen ähnlich großen Aufruhr wie in Belarus im Sommer.

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Am 23. Januar wurde überall in Russland demonstriert. Bei Minusgraden und mit Maske.(Photo: imago images/ZUMA Wire)

Was war an den Festnahmen so schlimm?

Da die Demonstrationen weitestgehend sehr ruhig und gewaltfrei verlieren, ist es umso schlimmer, wie rigoros die Polizei durchzugreifen schien. Es kursieren im Netz (noch) keine Videos von pöbelnden Demonstranten. 

Was es aber zu Haus gibt, sind Videos von entschlossenen Polizisten, die friedlich dastehende Menschen einkassieren. Nur so kommt auch die Zahl der 2.600 Festnahmen zustande: Die meisten von ihnen sind friedlich dastehende Demonstranten. 

Für uns hier in Deutschland, die eine unfassbare Meinungs- und Versammlungsfreiheit genießen, kommen diese Bilder absurd und unglaubwürdig rüber: Eine zierliche Frau auf einem vollgestopften Platz. Ein Mikro in der Hand. Alles ist ruhig. Dann einige Polizisten, die sich ihren Weg zu ihr bahnen. Die Demonstranten mit Ellbogen wegschlagen und die Frau ruppig abführen. Festnahme. Gefängnis. Nawalny?

Die schlimmste russische Festnahme, die im Netz kursiert

Wer sich für Videos von russischen Festnahmen interessiert, der ist bei Twitter an der besten Adresse. Demonstranten haben hier alle Vorsicht in den Wind geschlagen und das soziale Medium zur Plattform für ihre Staatsgewalt gemacht. Die Videos zeigen zum großen Teil das Gleiche: friedliche Proteste, ungerechtfertigte Festnahmen.

Das ist die schlimmste russische Festnahme, die ich bisher gesehen habe.

Eine dieser Festnahmen ist mir aber besonders ins Auge gefallen: Zunächst sieht es aus wie eine ganz gewöhnliche Protestsituation, in dem viele Menschen auf wenige Polizisten treffen. Es wird gerade ein Mensch festgenommen, der sich wohl gegen Putin gestellt hatte. Soweit nichts Besonderes. Doch halt: Der Mensch, der da verhaftet wird, ist nicht einmal halb so groß wie der Polizist. 

Das Video zeigt die gewaltvolle Verhaftung eines Kindes. Es wird festgehalten und durch die Gegend geschoben, bis es pariert. Es wehrt sich mit aller Kraft, doch kommt es nicht gegen den schweren Polizisten an. Die Passanten filmen das Spektakel fleißig mit. Niemand traut sich wohl, dem Kind beizustehen.

Die Kommentare unter dem Video klingen ähnlich schockiert wie ich war:

@Analnii1 schreibt Жирная свинья!, was soviel heißt wie “Fiese Schweine!”

Die Empörung im Netz ist groß und gerechtfertigt. Einige Kommentare geben sogar mögliche Erklärungen für diese Art der ungerechtfertigten Staatsgewalt. 

@Ehlii7 schreibt: Sie haben die Absicht, Kinder zu schnappen und dann ihre Eltern zu erpressen (Google Translater)

@juergvollmer hat sogar auf Deutsch ein Kommentar verfasst. Er schreibt:

Aus dem Lehrbuch für Diktatoren: Lass auch Kinder brutal verhaften, um dem Volk zu zeigen, dass du auf alle Grundregeln unserer Zivilisation scheisst. Tatort: Moskau, Puschkin-Platz.

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So sieht es aus, wenn du Polizei in Moskau friedliche Demonstranten festnimmt.(Photo: imago images/ITAR-TASS)

Warum demonstrieren die Menschen in Moskau nochmal?

Die Demonstrationen direkt durch die Rückkehr des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny bedingt. Dieser war im Sommer durch Vertreter der russischen Regierung vergiftet worden, weil er dem Anführer Putin wohl ein wenig zu ungemütlich geworden war. Nawalny überlebte nicht nur den Giftanschlag. 

Nach ein paar Monaten Rekonvaleszenzzeit kehrte er sogar in seine Heimat zurück, um dort weiter für seine Sache zu kämpfen. Doch nicht mit Putin: Nawalny wurde noch am Tag seiner Ankunft aufgespürt und ins Gefängnis gesperrt. Erst einmal nur für 30 Tage. Danach werden wir sehen, was sich Putin ausdenkt, um ihn nicht auf freiem Fuß sehen zu müssen.

Erst vor Kurzem haben wir über Russland berichtet, da dort der hauseigene Impfstoff SputnikV fertig zum Verkauf steht. Selbst wenn die meisten Einwohner Russlands den Impfstoff selbst nicht testen wollen, will die Regierung das Zeug verkaufen. Die SputnikV-Light-Version. Mehr infos hier.