Trotz jahrzehntelanger Fortschritte bei der Gleichstellung am Arbeitsplatz wird eine weitere Generation von Frauen unter ungleichen Bedingungen arbeiten müssen. Es gibt Branchen für Frauen und Branchen für Männer. Das geht aus dem Global Gender Gap Report 2021 des Weltwirtschaftsforums hervor, der die Entwicklung der geschlechtsspezifischen Unterschiede bei wirtschaftlicher Teilhabe und Chancen, Bildungsabschlüssen, Gesundheit und Lebensqualität sowie politischer Partizipation bewertet. Dem Bericht zufolge wird es 135,6 Jahre dauern, diese Unterschiede auszugleichen – die vorherige Schätzung ging noch von 99,5 Jahren aus.

Die Tech-Branche ist keine Ausnahme

Nach wie vor sind Frauen auch in der Technologiebranche unterrepräsentiert. In europäischen Unternehmen aus dem MINT-Bereich sind nur 17 Prozent der Stellen mit Frauen besetzt – der weltweite Schnitt ist mit 30 Prozent nicht viel besser. Dies sind also keine Frauen-Branchen. Laut WEF-Gender-Gap-Report wird der Gender Gap umso größer, je mehr spezielle technische Kenntnisse in einem Sektor erforderlich sind. Im Cloud Computing beispielsweise machen Frauen 14 % der Belegschaft aus, im Ingenieurwesen 20 % und im Bereich Daten und KI 32 %. Diese Zahlen haben sich in den letzten Jahren kaum verändert.

Frauen: Ein unerschlossenes Humankapital

Frauen sind nach wie vor ein unerschlossenes Humankapital und das wirkt sich unmittelbar auf die Wirtschaft aus. Ein McKinsey Report hat festgestellt, dass Unternehmen, die auf Diversity innerhalb ihrer Strukturen achten, mit 21 % höherer Wahrscheinlichkeit eine überdurchschnittliche Gewinnmarge erzielen. Ein Frauenanteil in den Führungsetagen von nur 30 % geht mit einem 15 %-igen Wachstum der Nettomarge einher.

Die Ergebnisse zeigen also deutlich, dass die Technologiebranche davon profitiert, mehr Frauen zu beschäftigen und diese zu motivieren, ihr eigenes Unternehmen zu gründen. Ein vielfältiges Tech-Umfeld ergibt demnach nicht nur ethisch Sinn, sondern schafft durch zukunftssichere Beschäftigungsmöglichkeiten auch ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum.

Einstiegsgehalt nach dem Studium
Warum wir Frauen ermutigen sollten, in der Tech-Branche zu arbeiten – und zu bleiben Foto: Thought Catalog via unsplash /

Warum wir Frauen ermutigen sollten, in der Tech-Branche zu arbeiten – und zu bleiben

Informatiker:innen und IT-Fachleute gehören zu den bestbezahlten Berufsgruppen in Deutschland. Wenn Frauen erfolgreich ermutigt würden, vermehrt in der Tech-Branche zu arbeiten, würde dies auch zu einem verstärkten persönlichen Wohlstand und Wohlergehen führen und dem erhöhten Armutsrisiko unter Frauen entgegenwirken. Folgende Argumente sprechen dafür, mehr Frauen im Tech-Sektor zu beschäftigen:

1. Frauen einzustellen ergibt wirtschaftlich Sinn

Die Rechnung ist relativ simpel – je mehr Menschen arbeiten, desto schneller wächst die Wirtschaft. Der Technologiesektor leidet am meisten unter dem Fachkräftemangel. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt hat sich 2021 sogar noch verschlechtert. Laut einer Bitkom-Studie zum Arbeitsmarkt für IT-Kräfte ist die Zahl unbesetzter Stellen in der IT auf 96.000 angestiegen – 12 % mehr als im Vorjahr.

Da die Nachfrage größer als das Angebot ist, steigen die Gehälter für Arbeitskräfte stark an, wodurch die Verfügbarkeit von IT-Fachkräften für kleinere Unternehmen weiter sinkt. Eine Gefährdung der Existenzgrundlage vieler kleiner Unternehmen im Tech-Sektor. Und obwohl jeder Arbeitnehmer und jede Arbeitnehmerin ein angemessenes Gehalt verdient, ist es schwer zu leugnen, dass die Gehälter in der Tech-Branche im Vergleich zu anderen Sektoren unverhältnismäßig hoch sind.

Frauen, die in der Technologiebranche arbeiten, verlassen diese oft nach wenigen Jahren wieder – die Tech-Branche erleidet dadurch jedes Jahr einen Verlust von 16 Milliarden Dollar. Wieso kündigen so viele Frauen oder planen es zu tun? Betroffene Frauen sagen, dass sie es nach einer Weile einfach leid sind, sich in die ungerechte Unternehmenskultur einzufügen, sich ständig beweisen und viel härter arbeiten zu müssen als Männer, um ernst genommen zu werden. Ganz zu schweigen vom Riesenproblem der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz, in Frauen-Branchen und in Männer-Branchen: 60 Prozent der Frauen leiden unter direkter Diskriminierung und sexueller Belästigung an ihrem Arbeitsplatz.

Die Tech-Branche muss aufhören ein exklusiver Club zu sein und für mehr Chancengleichheit sorgen, wenn wir nicht mit erschreckenden wirtschaftlichen Konsequenzen rechnen wollen.

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Intelligenz und Talent hängen nicht vom Geschlecht ab

2. Intelligenz und Talent hängen nicht vom Geschlecht ab

Nach wie vor hört man, dass Jungs und Mädchen inhärente biologische Unterschiede haben, die sie daran hindern, auf gleichem Niveau MINT-Fächern zu studieren und beruflich erfolgreich zu sein.

Die vermeintlichen Unterschiede sind größtenteils gesellschaftlich konstruiert. Und was sich wirklich auf Mädchen und Jungen auswirkt, sind unterschiedliche Erwartungen, die an sie gestellt werden. Diese Studie zeigt beispielsweise, dass Jungen in Mathematik im Durchschnitt etwas besser abschneiden als Mädchen (ca. 2 %), allerdings verstärkt in Ländern mit eher patriarchalischen Werten wie der Türkei und weniger in eher geschlechtsneutralen Ländern wie Island, wo sich die Situation sogar umkehrt.

In einer anderen Studie wird berichtet, dass Mädchen im Alter von 5 Jahren noch keinen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen machen, wenn es darum geht jemanden als „wirklich, wirklich schlau“ zu bezeichnen. Im Alter von 6 Jahren waren Mädchen jedoch bereit, mehr Jungen in die Kategorie „wirklich, wirklich schlau“ einzuordnen und sich selbst von Spielen fernzuhalten, die für „wirklich, wirklich schlaue“ Kinder gedacht sind.

Da Naturwissenschaften und Hochschulbildung als „intellektuell“ angesehen werden, ist die Wahrscheinlichkeit daher geringer, dass Mädchen diesen Weg einschlagen und eine Karriere im technischen Bereich einschlagen. Sie gelten eben nicht als Frauen-Branchen. Darüber hinaus kann auch ein Mangel an Vorbildern zu diesem Teufelskreis beitragen: Eine Studie von Microsoft ergab, dass sich Mädchen im Alter von 11 bis 15 Jahren am meisten für MINT interessieren, dann aber das Interesse verlieren, weil sie keine Vorbilder finden, mit denen sie sich identifizieren können. 

Die genannten Beispiele verdeutlichen, dass kulturell geprägte Stereotypen und kognitive Verzerrungen einen großen Einfluss auf die Zukunftsplanung von Kindern haben. Weil alle diese Unterschiede sozial konstruiert sind, können wir sie überwinden, indem wir unsere Denkweise über Frauen ändern und Mädchen ermutigen, MINT-Fächer zu studieren und erfolgreich zu sein.

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Es gibt Wege, wie Tech-Unternehmen geschlechterspezifische Vorurteile bekämpfen können. Foto: Floral Deco via canva.com

5 Wege, wie Tech-Unternehmen geschlechterspezifische Vorurteile bekämpfen können

Die folgenden fünf Schritte können Technologieunternehmen helfen, gegen geschlechterspezifische Ungleichbehandlung vorzugehen:

1. Sensibilisierung

Der erste Schritt, um das Problem anzugehen, ist darüber zu sprechen und somit anzuerkennen, dass es existiert. Eine Lösung wäre zum Beispiel, Frauen auf Tech-Konferenzen über ihren Werdegang und ihre Herausforderungen sprechen zu lassen. Das schafft einen Raum, um über das Problem zu sprechen und Maßnahmen in Männer- und Frauen-Branchen zu diskutieren.

2. Aufklärung

Es hilft nicht, pauschal an den gesunden Menschenverstand zu appellieren. Sehr oft wissen oder interessieren Menschen sich nicht für Themen, die sie nicht persönlich betreffen.

Um das zu ändern, sollte die Aufklärung auf zwei Ebenen erfolgen:

  • Intern: Den eigenen Mitarbeitenden mittels Beratungen und Kursen das Wissen darüber vermitteln, wie Vorurteile sich äußern und der Gesellschaft schaden.
  • Extern: Mit Schulen und Universitäten zusammenarbeiten, um technikinteressierte Mädchen und Frauen für Studium und Karriere im technischen Bereich zu begeistern.

Diversität ist keine persönliche Vorliebe, sondern ein wichtiger Vorteil, den wir in Tech-Unternehmen zu wenig nutzen.

3. Diversitätsmaßnahmen 

Der nächste Schritt zur Verbesserung der Situation besteht darin, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, die Frauen den Einstieg in den Beruf ermöglichen und dazu beitragen, ein optimales Umfeld zu schaffen, in dem sie sich entfalten können.

Chancengleichheit auf allen Ebenen: Auch Personalverantwortliche sind Menschen, die anfällig für Vorurteile sind. Eine Option , dem Rechnung zu tragen, besteht darin, unbeabsichtigte oder absichtliche rassistische, alters- oder geschlechtsspezifische Vorurteile zu vermeiden, indem Lebensläufe anonymisiert werden. Mitarbeitenden Leitlinien an die Hand geben, die sie zur Verwendung geschlechtsneutraler Formulierungen in Stellenanzeigen anregen, bietet sich als weitere Option an.

Frauenfeindlich
Frauenfeindlich und sexistisch, deshalb wurde die Werbung von Pop Rocks aus dem Fernseher verbannt. Foto: Getty Images/ Malte Mueller

Viele Unternehmen führen außerdem Quoten ein, um die Chancen von Frauen in technischen Positionen zu erhöhen. Da Arbeitgebende bei Einstellungsentscheidungen immer noch eher Männer als Frauen bevorzugen, können Quoten eine gute Lösung sein, um diese Voreingenommenheit einzudämmen

Ein weiterer, äußerst wichtiger Punkt ist das Beseitigen von Einkommensunterschieden, nicht nur in Frauen-Branchen. Trotz der jüngsten Fortschritte liegt das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen in Deutschland mit knapp 19 Prozent über dem EU-Schnitt. Gibt es einen Grund, warum Tech-Unternehmen Männer und Frauen nicht gleich bezahlen sollten?

4. Frauen dazu ermutigen, Politik für Frauen zu machen

Weibliche Führungskräfte sehen das Problem von innen und können daher bessere Maßnahmen ergreifen, um die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zu beseitigen und einen Raum zu schaffen, in dem sich Frauen respektiert und geschätzt fühlen. Frauen sollten daher ermutigt werden Führungspositionen zu besetzen.

5. Eine sichere Arbeitsatmosphäre schaffen

Männliche Führungskräfte sind sich des Problems der sexuellen Belästigung möglicherweise nicht ausreichend bewusst. Anti-Belästigungsvorschriften und Schulungen sind ein Muss, damit sich Frauen (und nicht nur Frauen) am Arbeitsplatz sicher und geschützt fühlen. Es ist wichtig zu bedenken, dass sexuelle Diskriminierung viele Formen annehmen kann, z. B. unangemessene Sprache oder Witze, die sich auf sexuelle Handlungen oder die sexuelle Orientierung beziehen, oder das Eindringen in den persönlichen Bereich. 

Männer- und Frauen-Branchen auslöschen: Wie geht es weiter?

Vielfalt am Tech-Arbeitsplatz ist nicht nur fair, sondern birgt auch immenses wirtschaftliches Potenzial, weil Frauen ein großes Reservoir an ungenutztem Talent bilden – ideal für ein Berufsfeld, in dem Arbeitskräftemangel an der Tagesordnung ist.

Verantwortliche, die Vielfalt im eigenen Unternehmen fördern wollen, haben mehrere Möglichkeiten: Mitarbeiter für das Thema Diversität sensibilisieren, über Vorurteile aufklären sowie jedem Interessenten eine chancengleiche Einstellung ermöglichen. Darüber hinaus sollten Vorschriften gegen Belästigung am Arbeitsplatz etabliert werden, die eine nachhaltige Atmosphäre schaffen, die Frauen dazu motiviert, in die Tech-Branche einzusteigen und dort auch zu bleiben.

Von Audrey Pedro, Chief Product Officer bei Scaleway

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