Ich glaube, jeder Mensch kennt mindestens ein Paar, von dem niemand versteht, warum es noch zusammen ist. Selten trifft man es gemeinsam an und wenn, dann liegt schlechte Stimmung in der Luft. Nie werden liebevolle Gesten ausgetauscht, manchmal nicht einmal miteinander gesprochen. Ich kenne ein solches Paar, das von sich selbst sagt, es führe keine wirkliche Liebesbeziehung. Trotzdem ist es verlobt. Ist das noch ein realistisch-pragmatisches Bild von Liebe oder einfach nur pure Trennungsangst?

Wie viel dürfen wir von der Liebe erwarten?

Abgesehen davon, dass es mich natürlich überhaupt nichts angeht, wie andere Leute ihre Beziehung führen, liegt es nun mal in meiner Natur als Beziehungskolumnistin, mich zu fragen: Wieso bleiben so viele Menschen in offenkundig dysfunktionalen Beziehungen? Es gibt natürlich naheliegende Antworten auf diese Frage, wie gemeinsame Kinder oder finanzielle Abhängigkeit.

Nun, zunächst glaube ich nicht, dass man Kindern einen besonders großen Gefallen tut, wenn zu Hause täglich die Fetzen fliegen und auf jedem Wochenendausflug bedrückende Stille im Auto herrscht. Als Nicht-Scheidungskind kann ich die Auswirkungen einer Trennung der Eltern allerdings nicht bewerten und halte mich daher mit einem Urteil zurück. Ich denke nur, ein Kind ist dann am glücklichsten, wenn die Eltern es sind – ob zusammen oder nicht.

Nehmen wir also Kinder und den Umstand finanzieller Abhängigkeit aus der Überlegung und schauen uns Beziehungen an, bei denen es keinen „logischen“ Grund gibt, das geteilte Unglück weiterhin auszusitzen. Beziehungen, in denen einer von beiden pathologisch fremdgeht. Oder in denen der eine den anderen in dessen Selbsterfüllung hindert, indem er zum Beispiel Karrierepläne ablehnt oder sogar manipuliert. Es gibt auch Paare, die mögen sich einfach nicht. Die können sich wirklich nicht ausstehen. Da wird kein gutes Haar mehr am anderen gelassen. Und trotzdem leben sie Seite an Seite, Tag für Tag. Warum?

Trennungsangst
Trennungsangst bremst Selbstverwirklichung und Eigenständigkeit aus. Foto: Pexels/ Cottonbro

Ist die Angst vorm Alleinsein schon Trennungsangst?

Der Klassiker unter den Gründen für das am Leben Halten von eigentlich toten Beziehungen ist die Angst vorm Alleinsein. Ich selbst habe es mein Leben lang immer erst geschafft, mich von meinem Freund zu trennen, wenn der nächste in Aussicht stand (Klingt gemein, ist es auch). Nur war ich damals 17, 18, vielleicht 20 Jahre alt. Was ist mit Menschen, die ihr Leben zusammen verbringen, unglücklich ohne Ende, einfach nur, weil sie denken, sie müssten anderenfalls für immer allein sein?

Dabei geht es gar nicht darum, für immer allein zu sein. Würden sich die Menschen eher trennen, wenn sie von einer magischen Glaskugel gezeigt bekämen, wie glücklich sie in zwei Jahren an der Seite des richtigen Partners sein werden? Wären sie dann eher bereit, diese zwei Jahre des Alleinseins auf sich zu nehmen, gäbe man ihnen die Garantie, dass das Glück auf sie wartet? Ich denke schon.

Manchmal ist eine Trennung das Beste, was einem passieren kann

Und natürlich ist es kein Geheimnis unter Hobby-Psycholog:innen, wie ich es bin, dass es uns guttut, hier und da mal eine Weile allein zu sein, weil wir nur so lernen, dass wir es können. Dass wir gar nicht auf unseren Partner oder Partnerin angewiesen sind.

Ich habe eine liebe Freundin, die mit ihrem Freund jahrelang in einer symbiotischen Beziehung steckte. Die beiden machten alles zusammen, es gab kein „ich“, es gab nur „wir“. Ihr gesamtes Selbstbewusstsein hat sie über seine Anerkennung generiert. Und dann verließ er sie von heute auf morgen.

Sie war am Boden zerstört, es war wirklich tragisch. Und gleichzeitig das Beste, was ihr hätte passieren können. Denn nach den ersten Wochen erholte sie sich, der Schmerz wurde kleiner und irgendwann lachte sie wieder aus vollem Herzen. Sie ging sogar auf ein paar unbedeutende Dates, traf sich mit ihren Freunden und begann, sich ihr Leben endlich um sich selbst aufzubauen. Als er sie nach einigen Monaten zurückwollte, sagte sie ja. Die beiden passen nach wie vor wie Arsch auf Eimer, deshalb habe ich mich sehr über die Reunion gefreut. Heute führen sie keine symbiotische Beziehung mehr, manchmal sehen sie sich tagelang nicht. Sie macht ihr Ding, hat ein völlig neues Selbstbewusstsein und er hat die Freiheit, die ihm zuvor gefehlt hatte. Die Trennung hat sie gezwungen, zu lernen, allein zu sein. Und das Wissen, wie gut sie allein zurechtkommt, ermöglicht es ihr nun, eine Beziehung auf Augenhöhe zu führen – es ist eine der glücklichsten Beziehungen, die ich kenne.

Trennungsangst, Paar
Wer mit sich allein zurecht kommt, führt die gesundere Beziehung. Foto: Pexels/ Cottonbro

„Da kommt nix Besseres mehr“: Die Entromantisierung der Liebe

Wenn wir also ehrlich sind, geht es gar nicht um das Alleinsein nach einer Trennung. Es geht viel mehr um die Aussicht, dass es von Dauer sein könnte. Was, wenn ich niemand Besseres finde? Schlimmer geht immer! Was, wenn der nächste keine Kinder will oder exotische Reptilien als Haustiere hält? Eigentlich ist es doch gar nicht so schlimm, wir haben doch auch gute Tage! Wenn verzweifelte Menschen etwas können, dann ist es zu relativieren. Und ich finde: Wir müssen aufhören, die Liebe zu entromantisieren!

Klar sollten wir uns nicht an hollywoodesken Beziehungsidealen messen, damit würden nur die wenigsten glücklich. Aber hey, ein paar Ansprüche müssen schon noch erlaubt sein. Wer von seinem Partner oder Partnerin ständig enttäuscht wird, keine Zuwendung erfährt oder sogar beleidigt wird, braucht sich nicht einzureden, dass das normal sei. Auch eine Beziehung ohne rosarote Brille und super-romantische Gesten braucht gegenseitigen Respekt, Interesse am anderen und einen mindestens freundlichen Umgang miteinander.

Es ist illusorisch, zu erwarten, keine Probleme zu haben oder niemals zu streiten. Viele Paare müssen heftige Bewährungsproben durchleben, wie beispielsweise Fremdgehen zu verzeihen. Andere haben mit Krankheit oder familiären Problemen zu kämpfen, was sich auf die Beziehung auswirkt. Aber es gibt immer einen Unterschied zwischen Krise und Dauerzustand. Wer dauerhaft unglücklich ist, sollte nicht am Partner oder der Partnerin festhalten, weil „das nun mal so ist in Beziehungen“. Wer so denkt, lässt seine Trennungsangst über das eigene Leben bestimmen.

Trennungsangst
Selbstliebe und Selbstwert dürfen nie unter einer Beziehung leiden. Foto: Pexels/ Cottonbro

Wie kann man Trennungsangst überwinden?

Gerade schoss mir der Werbeslogan von L’Oreal durch den Kopf: „Weil ich es mir wert bin.“ Das sagt sich so einfach, dabei ist es gar nicht so leicht, einen gesunden Selbstwert zu pflegen. Vor allem, wenn man unter Trennungsangst leidet. Wir haben bis hierher festgestellt, dass die Angst vorm Alleinsein und die Relativierung der eigenen Unzufriedenheit in der Beziehung mit die häufigsten Gründe sind, warum Menschen in kaputten Beziehungen bleiben. Die Lösung für beide Dilemmas ist – wie meine Freundin damals – ein gesundes Selbstbewusstsein aufzubauen und sich klarzumachen: Ich hab das Recht, glücklich zu sein. Ich bin es mir wert, mein Leben besser zu machen.

Wie kann man denn nun Trennungsangst überwinden? Meiner Erfahrung nach liegt der Schlüssel darin, herauszufinden, was einen glücklich macht – ganz unabhängig vom Partner oder Partnerin. Du bist kulturinteressiert? Dann ab ins Kino, ins Museum oder auf einen Städtetrip.

Man muss nicht immer überall als Paar auftreten. Heutzutage guckt keiner mehr schräg, wenn Frau allein auf Reisen geht. Du bist Sportfan? Gut, dann suche dir einen Verein oder eine Hobbymannschaft, geh ins Fitnessstudio oder probiere etwas Neues aus, wie Crossfit oder Acro Yoga. Es geht einfach darum, Menschen kennenzulernen, die die eigenen Interessen teilen und sich ein Umfeld zu schaffen, das einem Wertschätzung und Anerkennung entgegenbringt. Wenn der Partner oder die Partnerin nicht in dieses Umfeld passt, dann muss er oder sie eben gehen. Das sind wir uns wert.

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