Vor einem Flug soll man die Augen schließen, schweigen und sich auf den Koffer setzen. Was sich im ersten Moment ein wenig seltsam anhört, ist in Russland eine uralte Familientradition. Woher der russische Brauch stammt und was für eine schöne Idee dahintersteckt, erfährst du hier.

Auf den Koffer setzen: Ein russisches Familienritual 

Seit Wochen hast du schon Vorfreude auf deinen Urlaub und heute ist es endlich so weit. Das Taxi steht vor der Tür und nun muss nur noch der Koffer die Treppen heruntergetragen werden. So läuft es in vielen Ländern dieser Welt ab, wenn man auf dem Weg zum Flughafen ist. Doch das gilt nicht für Russland. Denn vor der Abreise muss man sich hier in vielen Familien zunächst einmal auf den Koffer setzen. Dabei werden die Augen geschlossen und einen Moment lang herrscht absolute Stille. 

Frau mit Herbstblatt
Beim russischen Brauch ist es wichtig, dass die Augen geschlossen sind. Credit: IMAGO / Westend61 via canva

Doch was steckt hinter dem russischen Brauch? Die Professorin Jean-Marie Rouhier-Willoughby ist auf die russische Kultur und Traditionen spezialisiert und hat dem Online-Magazin Quartzy diese Frage beantwortet. So handelt es sich bei dem Koffer-Brauch um eine uralte Tradition der russischen Folklore. Erstmals wurde dieser Brauch im frühen 19. Jahrhundert schriftlich festgehalten, laut Rouhier-Willoughby ist die Tradition jedoch noch weitaus älter. 

Russischer Brauch: Sichere Rückkehr oder Schutz vor Hausgeistern? 

Warum man sich in Russland vor einer Reise auf den Koffer setzt, hat in jeder Familie andere Gründe. Ein Soziologiestudent mit russischen Wurzeln hat dem Reisemagazin Travelbook verraten, wie seine Familie den Brauch erklärt: “In meiner Familie wird das bei jeder Reise zusammen gemacht. Meine Eltern haben mir erzählt, dass es dabei um die sichere Rückkehr nach einer Reise geht.”

Koffer setzen frau
Vor einer Reise wird sich in Russland zuerst auf den Koffer gesetzt. Credit: IMAGO/ Westend61

Die Professorin Jean Marie ist sich jedoch sicher, dass das Familienritual mit bösen Geistern zusammenhängt. „Wenn man sein Zuhause mit seinem Koffer verließ, dann aber zurückkehrte, weil man etwas vergessen hatte, würde der Hausgeist dem Reisenden angeblich die gesamte Reise folgen. Setzte man sich aber vor dem Aufbruch einen Moment auf seinen Koffer und erinnerte sich plötzlich an die ganzen Dinge, die man vergessen hatte, war das so, weil der Hausgeist einem auf diese Weise kommuniziert hat: “Du bist noch nicht ganz fertig für diese Reise“, so Rouhier-Willoughby. 

Der gleichen Ansicht ist auch ein russischer Blogger. Dieser schrieb auf seinem Blog Ask a russian einen Artikel zur Koffer-Tradition und stimmt der Professorin darin zu. Eine Leserin des Blogs kommentierte den Beitrag und schwelgte dabei in Erinnerungen an ihre Kindheit und wie wichtig ihr dieses Familienritual noch heute ist. 

“Ich dachte immer, meine Großeltern beten, wenn sie das tun, und meine Eltern folgen ihrem Beispiel, ohne wirklich religiös dabei zu sein. Ich habe diese Tradition immer geliebt. Sie ermöglicht einem einen beruhigenden Moment, um über die Menschen nachzudenken, mit denen man gerade zusammen ist. Man stürzt nicht hastig in seine Reise, sondern verweilt ein bisschen länger dort, wo man gerade ist.“ 

Das auf den Koffer setzen als Abschiedsritual  

Doch nicht nur zum Schutz vor Hausgeistern und einer sicheren Rückkehr setzt man sich auf dem flächenmäßig größten Land der Erde auf den Koffer, sondern auch um Lebewohl zu sagen. Im Buch Tales of Hi and Bye von Torbjörn Lundmark geht es um die verschiedenen Willkommens- und Abschiedsrituale weltweit und auch dort wird das Setzen auf den Koffer thematisiert. Laut dem Buch geht es beim Koffer Sitzen demnach darum, noch ein paar Minuten zusammenzusitzen, bevor man sich endgültig trennt.

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